3. April 1940 - Die Massenerschießungen von Katyn beginnen

Dokumente, Fotografien und andere Habseligkeiten der im Frühjahr 1940 vom sowjetischen NKWD ermordeten mehreren tausend polnischen Offiziere (Das Foto  stammt aus der nationalsozialistischen Berichterstattung vom 11.8.1943)

Stichtag

3. April 1940 - Die Massenerschießungen von Katyn beginnen

Als Adolf Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg mit dem Angriff auf Polen ohne vorherige Kriegserklärung auslöst, hat er einen Verbündeten: Josef Stalin. Die beiden Diktatoren haben kurz zuvor einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt geschlossen. Ein geheimes Zusatzprotokoll regelt im Kriegsfall die Aufteilung Polens zwischen den beiden Ländern.

Zwei Wochen nachdem die deutsche Wehrmacht Polen überfällt, marschiert auch die Rote Armee in das gemeinsame Nachbarland ein. Beide haben das gleiche Ziel: "Die deutsche und die sowjetische Seite waren sich seit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes darin einig, die polnische Intelligenz zu vernichten", sagt die Historikerin Claudia Weber der Europa-Universität Viadrina.

60.000 Polen erschossen

Die deutschen Besatzer beginnen sofort mit der sogenannten Intelligenz-Aktion, einem Massenmord an polnischen Lehrern, Ärzten, Geistlichen und Hochschulprofessoren. Sie bringen schätzungsweise 60.000 Menschen um. Stalin wiederum hat rund 25.000 polnische Kriegsgefangene und Zivilisten, vor allem Offiziere, in seinen Lagern, die er an die Deutschen abschieben will. Doch Hitler lehnt ab, er plant Ende März 1940 bereits den Angriff auf Frankreich und will offenbar keine Kräfte im Osten binden. "Der Subtext, den die deutsche Besatzungsmacht an die Sowjetunion aussendete, war: Bringt sie doch selbst um", sagt Historikerin Weber.

Drei Tage nach der deutschen Absage folgen Stalin und das Politbüro einem Vorschlag des sowjetischen Geheimdienstes NKWD: Sie beschließen, die Erschießung der polnischen Gefangenen selbst durchzuführen. Am 3. April 1940 beginnen die ersten Massenerschießungen im russischen Dorf Katyn bei Smolensk und fünf weiteren Orten. Die Opfer werden in Gruben verscharrt - zusammen mit ihren Uniformen, Ausweispapieren und Fotos von Angehörigen. Niemand beim ausführenden NKWD rechnet offenbar damit, dass dieses Verbrechen jemals öffentlich wird.

Goebbels missbraucht Begriff Massaker

Doch dann bricht Hitler mit Stalin: Am 22. Juni 1941 startet die Wehrmacht das lange geplante "Unternehmen Barbarossa" und greift die Sowjetunion an. Auch das Gebiet um Katyn wird besetzt. Die Entdeckung der dortigen Massengräber ist für Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels "ein Gottesgeschenk", notiert Goebbels laut Historikerin Weber in seinen Tagebüchern. Denn im Frühjahr 1943 ist die Lage für das Deutsche Reich nach der Niederlage in Stalingrad katastrophal. Die Deutschen nutzen die Leichenfunde, um die Sowjets als barbarische Horden darzustellen. "In diesem Kontext der Goebbelsschen Propaganda entsteht der Begriff Massaker", sagt Weber. "Wissenschaftlich analytisch können wir das, was dort passiert ist in Katyn, nicht als Massaker bezeichnen. Das waren Maßenerschießungen."

Stalins eigene Wahrheit

Stalin ist inzwischen Verbündeter der Westmächte, die in der Propagandaschlacht in Erklärungsnot geraten. US-Präsident Franklin D. Roosevelt tut so, als wisse er nichts über das Verbrechen. Der britische Premier Winston Churchill bemerkt lakonisch, es mache keinen Sinn, sich krankhaft um drei Jahre alte Gräber zu scheren. Beide brauchen Stalin für den Sieg über Nazi-Deutschland. Nach Kriegsende sorgt er für seine eigene Wahrheit. Diktator Stalin lässt nun in Katyn graben. Nach seiner Version haben die deutschen Faschisten Polens Offiziere erschossen.

Erst 1990 gesteht KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow ein, dass der sowjetische Geheimdienst die Erschießungen durchgeführt habe. Im Jahr 2000 wird eine Gedenkstätte in Katyn eröffnet. Die Namen der Täter bleiben weiterhin unter Verschluss, auch eine Wiedergutmachung wird nicht geleistet. 2009 vergleicht Polens Präsident Lech Kaczynski die Morde von Katyn mit dem Holocaust und wird daraufhin vom Zentralrat der Juden in Deutschland kritisiert.

Katyn bleibt ein Trauma

Im Jahr darauf fliegt Kaczynski mit führenden Persönlichkeiten seines Landes zu einer privaten Gedenkfeier in Katyn. Doch er kommt dort nie an. Die Maschine stürzt im Landeanflug auf Smolensk ab; alle 96 Passagiere sterben. Bald machen Verschwörungstheorien über russische Manipulationen die Runde. Katyn bleibt ein Trauma für die Beziehungen zwischen Polen und Russland.

Stand: 03.04.2015

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