Live hören
Jetzt läuft: Baralku von Emancipator

Großes Kino: 1870 wird Zelluloid patentiert

Großes Kino: 1870 wird Zelluloid patentiert

Von Claudia Friedrich

Zelluloid, der Urahn der Kunststoffe. Ein genialer Fälscher, ein bunter Hund. Er imitiert Elfenbein und Glas. Zahlreiche Elefantenleben hat er gerettet. Und großes Kino ermöglicht. Im ZeitZeichen erzählen wir die filmreife Geschichte von Zelluloid.

Eine Frau hält eine weiße Handtasche in der Hand

Uta Scholten ist die Hüterin der Kunststoffschätze, die im Depot des Industriemuseums in Oberhausen lagern. Im dunklen, gut belüfteten Keller bewahrt die Kuratorin des Deutschen Kunststoffmuseums Objekte aus Zelluloid wie diese Handtasche, gefertigt in den 1920er Jahren.

Uta Scholten ist die Hüterin der Kunststoffschätze, die im Depot des Industriemuseums in Oberhausen lagern. Im dunklen, gut belüfteten Keller bewahrt die Kuratorin des Deutschen Kunststoffmuseums Objekte aus Zelluloid wie diese Handtasche, gefertigt in den 1920er Jahren.

Mädi wird 1923 in Thüringen geboren, in der Puppenmanufaktur Schildkröt. Das Kunststoffmädchen entsteht durch das so genannte Pressblasen; wie Glas wird es in Form geblasen. Sie hat bewegliche Arme und Beine, ist leicht, unzerbrechlich und abwaschbar.

Auf Zelluloid werden die ersten bewegten Bilder gebannt. Filme wie "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich entstehen auf den schmalen, transparenten Streifen. Sie sind Segen, aber auch Fluch, denn dieser Kunststoff ist leicht entflammbar.

In den 1840er Jahren tränken Forscher zellulosereiche Baumwoll- oder Holzfasern (Mi.) in Salpeter- und Schwefelsäure, versetzen die daraus gewonnene Schießbaumwolle mit Kampfer (li.) und entwickeln den ersten formbaren Kunststoff. Was nur wenige wissen: Zelluloid ist ein Zwilling von Dynamit. Die Mischung macht den Unterschied.

Mitte des 19. Jahrhunderts ist Billardspielen in Mode. Die Kugeln bestehen aus Elfenbein. In den USA überzieht der Druckergeselle John Wesley Hyatt gepresste Bälle aus Stoffresten mit Kollodium, einer zähen, leimartigen Tinktur aus nitrierter Zellulose, Ether und Alkohol. Sie imitieren den Stoßzahn der Elefanten.

Im Juli 1870 meldet Hyatt ein Patent über die Herstellung des Polymers an. Sein Bruder nennt das Kind beim Namen: Zelluloid. Seine steile Karriere verdankt das Thermoplast der Produktion im großen Stil. Im Staat New York betreiben die Wesley Brüder mit der "Celluloid Manufacturing Company" die erste Fabrik.

Nach dem Vorbild der Fabrik der Hyatt-Brüder entsteht 1909 in Meerbusch Lank eine riesige Industrieanlage. Der weißliche Teig durchläuft verschiedene Maschinen, unter anderem die beheizten Walzen. Die Blüte des Zelluloid ist kurz, sein Stern sinkt, als PVC & Co das vollsynthetische Kunststoffzeitalter besiegeln.

Hans Niebels arbeitet als Schlosser in den Hallen bis 1983, bis zur Schließung der "Westdeutschen Celluloidwerke". Im Stadtarchiv erinnert sich der 82-Jährige an den Eukalyptus-Geruch von Kampfer, des Baumharzes, der für die Elastizität von Zelluloid sorgt.

Als junger Arbeiter besteigt Hans Niebels den Wasserturm und streicht ihn an. Der 25 Meter hohe Turm mit dem Kugel-Tank versorgt Dampferzeuger und die Kühlung mit Wasser.

Das Produktionsarchiv samt Rezepturen der Westdeutschen Celluloidwerke, der letzten Fabrik auf bundesdeutschem Gebiet, lagert im Kunststoffmuseum. Wie derartige Farben auf diesen Folien zustande kommen, war ein streng gehütetes Firmengeheimnis.

Im Lanker Werk entstehen die Celluloid-Folien, mit denen Messer, Nagelfeilen, Füller überzogen werden. Bereits bei 60 Grad Celsius lässt sich der Kunststoff formen.

"Kunststoff ist nicht nur Werkstoff, sondern Wertstoff", sagt Chemikerin Andrea Siebert-Raths. Die Leiterin des Instituts für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe an der Hochschule Hannover forscht über neue Rezepturen. Der Trend gehe "back to the roots", also wieder zu Kunststoffen, die aus nachwachsenden Rohstoffe wie Zelluloid bestehen. Nur nicht so explosiv.

Stefan Hecht, wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Interaktive Materialien, und seine Kollegin Laura de Laporte schauen in die Zukunft der Polymere, der Erben des Zelluloids. Künftig könnten sie mit ihrer Umgebung interagieren, zum Beispiel mit verletztem Rückenmark.

Stand: 10.07.2020, 11:50 Uhr