2. Oktober 1911 - Preußen verkürzt die Schulstunde auf 45 Minuten

Sybmbolbild für eine Schulstunde: Ein Wecker steht auf einem Buch, daneben eine Dose mit Buntstiften.

2. Oktober 1911 - Preußen verkürzt die Schulstunde auf 45 Minuten

Eine Schulstunde dauert 45 Minuten. So kennen es zumindest die meisten Schüler:innen. Aber wären 60 Minuten nicht besser? Darüber wird gestritten, seit Preußen 1911 die Dreiviertel-Stunde als Unterrichtseinheit festgelegt hat.

Preußen: Verkürzung der Schulstunde auf 45 Minuten (am 02.10.1911)

WDR ZeitZeichen 02.10.2021 14:51 Min. Verfügbar bis 03.10.2099 WDR 5


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Wer an einer preußischen Universität studieren will, muss ab 1834 ein Abitur ablegen. Die Reifeprüfung soll dafür sorgen, dass Studierende in der Schule ausreichend auf die Hochschule vorbereitet werden. Schon länger hatten Professoren über Studierende in ihren Vorlesungen geklagt, die so "unwissend sind, dass ihre Unwissenheit bald Mitleid, bald Widerwillen erregen muss".

Mit der Einführung des Abiturs legt Preußen eine Art Stundenplan für die verschiedenen Schuljahre fest. "Und da war die normale Zeitstunde eben das (…) Maß für eine Schulstunde", erklärt Rainer Wackermann, Physik-Didaktiker an der Ruhr-Universität Bochum.

Unterricht am Vormittag und Nachmittag

Doch schon bald sorgt die preußische Schulzeit-Regelung für Unmut: Die Kinder müssen am Vormittag und Nachmittag in die Schule. Das bedeutet zum einen doppelter Schulweg, zum anderen kann der Nachwuchs am Nachmittag nicht mehr bei Haus- und Hofarbeiten helfen.

Außerdem zeigen experimentelle Ermüdungsmessungen, dass die Schüler:innen sich in der Mittagspause nicht ausreichend erholen. "Während des Nachmittagsunterrichtes tritt die Verdauungstätigkeit ein, die einen hemmenden Einfluss auf die geistige Leistungsfähigkeit ausübt", heißt es.

Aus einer Stunde werden 45 Minuten

Die Lösung: Alle Schulstunden sollen in den Vormittag gelegt werden. Da dieser dann aber sehr lang wird, sollen die Stunden auf 45 Minuten verkürzt werden. So können weiterhin alle Fächer unterrichtet werden, und die Kinder müssen nur einmal am Tag in die Schule gehen.

Eine Erprobung in ausgewählten Lehranstalten überzeugt die Administration. Der preußische Kultusminister August von Trott zu Solz bestimmt, dass ab dem 2. Oktober 1911 an höheren Lehranstalten die Unterrichtsstunde nur noch 45 Minuten dauern soll.

Lehrer sollen die fehlende Zeit etwa einsparen, indem sie "Dienstobliegenheiten, die nicht zum Unterricht selbst gehören oder ohne Beteiligung der ganzen Klasse erledigt werden können, zum Beispiel Eintragungen in das Klassenbuch (…), aus der Lehrstunde fernhalten."  

Die 45-Minuten-Stunde bleibt umstritten

Das Modell ist von Beginn an umstritten. "Galoppierende Schwindsucht!", klagt ein Autor des "Korrespondenzblatts für den akademisch gebildeten Lehrerstand". "Die jungen Leute kommen noch weniger als jetzt zum Aussprechen und zusammenhängenden Reden." Gerade das Schönste in der Stunde, die Vertiefung, das Ausschöpfen aller Anregungen, die Belebung der Fhantasie müsse nun zurücktreten.

Mit denselben Argumenten wie damals ist die 45-minütige Schulstunde auch heute umstritten. Mittlerweile sind in Nordrhein-Westfalen acht Prozent der Schulen wieder zu 60-minütigen Unterrichtseinheiten zurückgekehrt.

Autorin des Hörfunkbeitrags: Daniela Wakonigg
Redaktion: Gesa Rünker

Programmtipps:

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 2. Oktober 2021 an der Verkürzung der Schulstunde in Preußen. Das "ZeitZeichen" gibt es auch als Podcast.

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