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5. August 1946 - Ex-Reichskanzler Wilhelm Marx stirbt

Wilhelm Marx

5. August 1946 - Ex-Reichskanzler Wilhelm Marx stirbt

Hunger, Inflation und politischer Terror: Die Weimarer Republik ist eine Zeit der Extreme. Reichskanzler Wilhelm Marx sucht den Ausgleich, hat Erfolg - und muss doch resignieren.

Wilhelm Marx, Politiker und Reichskanzler (Todestag, 05.08.1946)

WDR ZeitZeichen 05.08.2021 14:42 Min. Verfügbar bis 04.08.2099 WDR 5


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Vierzehn Jahre, zwölf Reichskanzler, zwanzig Kabinette: In der Weimarer Republik halten Regierungen nicht lange. Zu tief sind die Gräben im Parlament, ein Spiegelbild der sozialen und politischen Konflikte im Land, die von Hyperinflation, Ruhrbesetzung und Reparationsforderungen angeheizt werden.

Gut 400 Tage regiert jeder Reichskanzler im Schnitt. Anders Wilhelm Marx: Er bringt es auf insgesamt drei Jahre, mehr als jeder andere Amtskollege. Der Zentrumspolitiker ist kein Charismatiker, aber er gilt als besonnen, "der wandelnde Vermittlungsausschuss", wie ihn sein Biograf Wolfgang Pyta nennt. Damit schafft er es, dem Nachkriegs-Deutschland etwas Ruhe zu verschaffen.

Kämpfer gegen Mädchenhandel

Wilhelm Marx wird am 15. Januar 1863 als Sohn eines Volksschullehrers in Köln geboren, studiert und schlägt die Richter-Laufbahn ein. Gleichzeitig engagiert er sich in der Zentrumspartei, der Vertretung des politischen Katholizismus. Er kämpft gegen den internationalen Mädchenhandel, für Konfessionsschulen und übernimmt 1922 den Parteivorsitz.

Da hat er die Richterbank längst gegen einen Sitz im Reichstag getauscht. Er bleibt im Hintergrund, tritt erst 1923 aus den Kulissen: Kurz nach dem Hitler-Putsch wird er an die Spitze einer neuen Regierung berufen. Es ist das erste von insgesamt vier Kabinetten, die er leiten wird.

Hyperinflation und Ruhrkampf

Die Probleme, die er zu bewältigen hat, sind enorm: Hyperinflation, Reparationsforderungen der einstigen Kriegsgegner, Separatismus und die darnieder liegende Wirtschaft sorgen für Unruhe. Aber er hat Sinn für das Machbare und hat Erfolg. Er führt die Rentenmark ein, schafft es, dass Franzosen und Belgier aus dem besetzten Ruhrgebiet abziehen und Deutschland in den Völkerbund aufgenommen wird. "Mein Kölner Wesen war Grund des Vertrauens", kommentiert Marx selbst bescheiden nach einer Verhandlungsrunde. Und Deutschland blüht auf, zumindest für eine kurze Zeit.

Eine Million Stimmen zu wenig

Marx muss aber auch Misserfolge hinnehmen. Seine größte Niederlage: Er soll 1925 Reichspräsident werden, unterliegt seinem antirepublikanischen Kontrahenten Paul von Hindenburg aber knapp - ein Menetekel.

Denn die Radikalisierung im Land wächst, und Marx, zum zweiten Mal Kanzler geworden, kann sie nicht bremsen. 1928 kommt das Aus für das Kabinett "Marx IV". Der Kölner gibt erst den Parteivorsitz ab, dann auch sein Reichstagsmandat. Das deutsche Volk werde jedem zum Opfer fallen, "der in möglichst lauter, marktschreierischer Weise sich als Retter darstellt", warnt er. Ein Jahr später ernennt Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Wilhelm Marx zieht sich zurück, übersteht die NS-Zeit in Bonn, wo er am 5. August 1946 stirbt. Seine letzte Ruhe findet er in einem bescheidenen Reihengrab auf dem Kölner Melatenfriedhof.

Autor des Hörfunkbeitrags: Heiner Wember
Redaktion: Gesa Rünker

Programmtipps:

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 05. August 2021 an Wilhelm Marx. Das "ZeitZeichen" gibt es auch als Podcast.

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