Theodor Wolff: Demokrat durch und durch

Theodor Wolff: Demokrat durch und durch

Der wichtigste Journalistenpreis der deutschen Zeitungen trägt seinen Namen. Theodor Wolff war Publizist, ein Demokrat durch und durch, mit einer gesunden Skepsis: "So schwebt über jeder Wahrheit noch ein letztes Vielleicht." Vor 150 Jahren wurde er geboren.

Porträt Theodor Wolff in Schwarz-Weiß von 1913

"Imponiert hat mir die Grundeinstellung von Theodor Wolff, diese distanzierte Skepsis bei starkem Engagement für die Sache, die Sprache und der Stil", sagt Bernd Sösemann. Der Historiker hat intensiv über den Publizisten Theodor Wolff geforscht, zahlreiche Bücher über ihn verfasst. Ein Kritiker feierte Wolff seinerzeit: "Jeder Leitartikel, jeder Wochenbericht ist ein Kunstwerk, ein Edelstein von vollendetem Schliff."

"Imponiert hat mir die Grundeinstellung von Theodor Wolff, diese distanzierte Skepsis bei starkem Engagement für die Sache, die Sprache und der Stil", sagt Bernd Sösemann. Der Historiker hat intensiv über den Publizisten Theodor Wolff geforscht, zahlreiche Bücher über ihn verfasst. Ein Kritiker feierte Wolff seinerzeit: "Jeder Leitartikel, jeder Wochenbericht ist ein Kunstwerk, ein Edelstein von vollendetem Schliff."

Der wichtigste Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, der seit 1962 verliehen wird, trägt seinen Namen. Dieser ist verbunden mit einer klaren Haltung zum Weltgeschehen. Theodor Wolff wurde vor 150 Jahren, am 2. August 1868, in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren.

Er war verheiratet und Vater von drei Kindern. Seine Frau, eine Schauspielerin, vergötterte ihn, was aus Briefen hervorgeht. Er war ein engagierter und liebevoller Vater, was sein erst kürzlich gefundenes, im Mai 2018 von Historiker Sösemann veröffentlichtes "Vater-Tagebuch" deutlich macht.

Es war die Zeit im Berlin Ende des 19. Jahrhunderts. Die Presselandschaft wurde bedeutender. Allein in Berlin erschienen rund 150 Zeitungen, manche zweimal am Tag. 1871 brachte Rudolf Mosse zum ersten Mal das Berliner Tageblatt heraus, das zu den renommiertesten großen Zeitungen in Deutschland gehörte.

Verleger Mosse bot seinem 25 Jahre jüngeren Cousin schließlich die Redaktionsleitung  an. Von 1906 bis 1933 war Theodor Wolff Chefredakteur beim Berliner Tageblatt, dem Erfolgsschlager des Verlags. Mit seinen Artikeln schärfte er das Profil der Zeitung als ein links-liberales Medium, das über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fand.

In diesem Gebäude – das heutige Mosse-Zentrum, ein achtstöckiger Bürokomplex mit vielen Unternehmen – entstanden Theodor Wolffs berühmte montägliche Leitartikel, die entschiedene Kritik am Wilhelminischen Kaiserreich und dem Ersten Weltkrieg übten. "Wenn dieselben Elemente, die den Krieg herbeischwätzen, auch über den Frieden entscheiden sollen, dann ist kein Ende abzusehen", kommentierte er 1915.

Seine journalistische Laufbahn begann Theodor Wolff mit Reiseberichten, überlegte damals erst Schriftsteller zu werden. Von 1894 bis 1906 arbeitete er dann als Auslandskorrespondent für das Berliner Tageblatt, berichtete aus Paris über Theater, Oper, Literatur, Politik. Er beschrieb diese Jahre als seine schönste Zeit: "An jeder Straßenecke sitzt verführerisch das Leben und bietet dir seinen Strauß."

Bekannt wurde Theodor Wolff während der Korrespondenten-Zeit aber durch seine Berichterstattung zur Dreyfus-Affäre. Der antisemitisch motivierte Schauprozess gegen den jüdischen Hauptmann Dreyfus erschütterte sein Bild einer mehr oder weniger freiheitlichen Demokratie in Ländern wie Frankreich oder Deutschland. "Entsetzt nahm er wahr, wohin sich eine Gesellschaft entwickeln kann", sagt Historiker Sösemann.

Eine Karikatur aus einer NS-Satirezeitschrift. Theodor Wolff war ein Demokrat durch und durch, sah die große Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. Seinen letzten Leitartikel – "Geht hin und wählt" – schrieb er 1933 über die bevorstehende Reichstagswahl, bereits auf dem Weg ins Exil. Im November 1933 konfiszierten die Nazis das Vermögen der Wolffs. Im Oktober 1937 erkannten sie ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft ab. "Die Ausbürgerung war für ihn eine entsetzliche Tat", sagt Historiker Bernd Sösemann, "dass er, überzeugter Deutscher jüdischen Glaubens, in Deutschland nicht mehr geduldet werden sollte."

Im Exil in Nizza wurde Theodor Wolff 1943 verhaftet und der Gestapo übergeben. Er starb nur wenige Monate später, im Alter von 75 Jahren. Was von ihm bleibt: Seine Artikel – politische Essays eines kritischen Beobachters, eines bürgerlichen Freigeistes, dem die liberale Gesellschaft heilig war: "So schwebt über jeder Wahrheit noch ein letztes Vielleicht."
Autorin des Hörfunk-Beitrags ist Claudia Friedrich

Stand: 01.08.2018, 11:19 Uhr