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Abenteurerin mit politischen Ambitionen: Gertrude Bell

Abenteurerin mit politischen Ambitionen: Gertrude Bell

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg reiste Gertrude Bell allein durch den Nahen Osten. Später zog die Archäologin und Agentin des britischen Geheimdienstes die noch heute gültigen Grenzen des Iraks. Vor 150 Jahren wurde sie geboren.

Gertrude Bell

Gertrude Bell wurde am 14. Juli 1868 bei Newcastle in Nordengland geboren, auf dem Landsitz ihres Großvaters, des Stahlindustriellen Isaac Lowthian Bell. Sie war von klein auf neugierig und wollte die Welt verstehen. Ihre liberalen Eltern förderten ihren Wissensdrang. Die Tochter durfte aufs College nach London und zum Studium in Oxford. Das war fortschrittlich für eine junge Frau ihres Standes.

Gertrude Bell wurde am 14. Juli 1868 bei Newcastle in Nordengland geboren, auf dem Landsitz ihres Großvaters, des Stahlindustriellen Isaac Lowthian Bell. Sie war von klein auf neugierig und wollte die Welt verstehen. Ihre liberalen Eltern förderten ihren Wissensdrang. Die Tochter durfte aufs College nach London und zum Studium in Oxford. Das war fortschrittlich für eine junge Frau ihres Standes.

Ein Onkel war Botschafter in Rumänien und später in Persien. Die Besuche dort entfachten Gertrude Bells Interesse für die orientalische Welt. Sie lernte Persisch und Arabisch, veröffentlichte ihre Iran-Abenteuer, übersetzte Hafiz-Gedichte und begann, den Koran und die "Geschichten aus 1001 Nacht" im Original zu lesen.

Gertrude Bell reiste nach Damaskus und Palmyra in Syrien – allein auf dem Pferd. Monatelang zog sie durch Kleinasien und ritt bis nach Mesopotamien. Die meiste Zeit war sie dabei als Frau auf sich allein gestellt. Bell konnte mittlerweile gut Arabisch und bekam tiefe Einblicke in das Leben der Menschen dort.

Bei einer Expedition in die Wüste im Winter 1913/14 wurde Gertrude Bells Karawane überfallen. Sie musste die Räuber auszahlen und mit lokalen Scheichs und Stammesführern ihren Schutz aushandeln. In jenen Monaten allein unter Beduinen sammelte sie so viele Informationen und Erfahrungen, dass sie für den Rest ihres Lebens als Expertin für das komplizierte Geflecht der arabischen Stämme galt.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs heuerte Gertrude Bell beim britischen Militärgeheimdienst an. Im November 1915 kam sie nach Kairo. T. E. Lawrence sammelte hier als junger Geheimagent Informationen über Infrastruktur und militärische Optionen in Arabien. Gertrude Bell schrieb Dossiers über die arabischen Stammesbeziehungen.

Die Briten umwarben den Scherifen von Mekka, an ihrer Seite gegen das Osmanische Reich in den Krieg zu ziehen. Im Juni 1916 begann der Aufstand der Araber gegen die Osmanen. T. E. Lawrence ging in die arabische Wüste, um dem Sohn des Scherifen, Prinz Faisal, zur Seite zu stehen. Die profunden Kenntnisse von Gertrude Bell trugen erheblich zum Erfolg jener Mission bei.

Im Oktober 1918 endete schließlich die Herrschaft der Osmanen über Arabien. Doch während der Scherif von Mekka von einem unabhängigen Großarabien träumte, verständigten sich Großbritannien und Frankreich insgeheim im Sykes-Picot-Abkommen über die Interessensgebiete im Nahen Osten. Nach dem Krieg sollten die Franzosen Syrien bekommen, die Briten den Irak.

Gertrude Bell bezog unterdessen als Verbindungsoffizierin zwischen den britischen Geheimdienststellen in Kairo und Delhi ein Büro in Bagdad. Als Orientsekretärin reiste sie 1919 zur Friedenskonferenz nach Frankreich und traf erstmals Prinz Faisal persönlich. Viele Stunden diskutierte sie mit ihm und T. E. Lawrence über die Zukunft des Nahen Ostens.

Im August 1920 übertrug der Völkerbund Großbritannien das Mandat über Mesopotamien, die alten osmanischen Provinzen Mosul, Bagdad und Basra. Zurück im Irak vermaß Gertrude Bell die Landesgrenzen und vermittelte zwischen den einzelnen Stämmen. So ging sie als "Mutter des Irak" in die Geschichte ein. Bedenken, Kurden, Sunniten und Schiiten in einer Nation zusammenzufassen, hatte sie nicht.

Auf der Konferenz von Kairo im März 1921 sprach sich auch Winston Churchill für den sunnitischen Scherifenprinzen als Marionette der Briten aus. Im August wurde Faisal als König des Irak ausgerufen. Die Kurden im Norden und die Schiiten im Süden fühlten sich im neuen Staat Irak nicht repräsentiert. Die damals angelegte Dominanz der sunnitischen Minderheit führte später zur Diktatur von Saddam Hussein. Kurden und Schiiten wurden jahrzehntelang unterdrückt. Die Folgen spüren die Iraker bis heute.

Als man ihre Expertise in politischen Fragen nicht mehr benötigte, widmete sich Gertrude Bell einer neuen Aufgabe. Sie gründete 1923 das Archäologische Museum Bagdad, später umbenannt zum Irakischen Nationalmuseum, das eines der bedeutendsten Museen der arabischen Welt wurde. 1926 starb Gertrude Bell krank und geschwächt vom anstrengenden Leben in Bagdad an einer Überdosis Schlaftabletten.
Autor des Hörfunkbeitrags ist Tobias Mayer.

Stand: 03.07.2018, 14:30 Uhr