Frédérick Leboyer: Vater der Geburt ohne Gewalt

Frédérick Leboyer: Vater der Geburt ohne Gewalt

Der französische Frauenarzt Frédérick Leboyer, vor 100 Jahren zur Welt gekommen, hat die gängige Vorstellung von Geburt seiner Zeit revolutioniert. Seine Kritik an der technisierten Geburtshilfe ist heute aktueller denn je.

Neugeborenes liegt auf Brust der Mutter

Frédérick Leboyer hat 1974 ein kleines Buch herausgebracht, in dem er die Sicht auf die Geburtshilfe, wie sie damals Standard ist, kritisiert. "Geburt ohne Gewalt" heißt der brisante Titel. Der französische Gynäkologe rückt darin das Neugeborene in den Fokus, hinterfragt die technisierte Klinikgeburt. "Es war eine gängige Lehrmeinung, dass ein Neugeborenes nichts fühlt, weil es kein Bewusstsein hat. Das Kind wurde wie eine Sache behandelt", so Leboyer. Er will das ändern.

Frédérick Leboyer hat 1974 ein kleines Buch herausgebracht, in dem er die Sicht auf die Geburtshilfe, wie sie damals Standard ist, kritisiert. "Geburt ohne Gewalt" heißt der brisante Titel. Der französische Gynäkologe rückt darin das Neugeborene in den Fokus, hinterfragt die technisierte Klinikgeburt. "Es war eine gängige Lehrmeinung, dass ein Neugeborenes nichts fühlt, weil es kein Bewusstsein hat. Das Kind wurde wie eine Sache behandelt", so Leboyer. Er will das ändern.

Der französische Frauenarzt wird vor 100 Jahren, am 1. November 1918, in Paris geboren. Mit seinem Buch wird er weltweit bekannt, von Kollegen angefeindet, aber er trifft den Nerv der Frauen, gilt fortan als "Vater der sanften Geburt."

Viele Jahre hat Leboyer in klinisch-kühl gekachelten Kreißsälen verbracht, hunderte Kinder auf die Welt geholt. Die konventionelle Geburtshilfe damals sieht so aus: Die Gebärenden werden mit Schmerz- und Narkosemitteln ruhig gestellt, die Babys bekommen einen kräftigen Klaps auf den Po, damit sie brüllen und selbständig anfangen zu atmen.

Er stellt diese Art der Geburtshilfe, sein eigenes Tun in Frage. "Ich hatte das Gefühl, den Frauen ihre Geburt zu stehlen", sagt Leboyer. "Ich hätte den Frauen sagen müssen: Ich kann nicht Ihr Kind für Sie bekommen. Niemand kann das. Es ist ganz allein Ihre Sache."

Niederkunft nach Plan, Wehen mit medizinischen Mitteln bremsen oder fördern, geboren wird an Werktagen und nicht am Wochenende – die so genannte programmierte Geburt ist in den 70er Jahren auch hier populär. Dass eine Frau dagegen Ungestörtheit, Ruhe, Intimsphäre braucht, wie Leboyer sagt, das gilt als revolutionär.

Was er fordert: das Neugeborene nicht in grelles Neonlicht zu zerren, es nicht mit lauten Stimmen zu verschrecken. Die Nabelschnur soll auspulsieren, bevor sie getrennt wird. Und das Baby wird nicht als erstes gebadet, sondern auf den warmen weichen Bauch der Mutter gelegt. Es soll ankommen dürfen. "Das wurde relativ schnell umgesetzt", weiß Hebamme Sarah Brummelte aus Dortmund, die sich mit den Gedanken von Leboyer beschäftigt hat.

Eine "sanfte Geburt", für die Leboyer steht, gibt es aber nicht, hat der französische Frauenarzt selbst betont. Die Geburt sei ein Sturm, ein Orkan. Nach eigenen Angaben hat sich Leboyer einer Psychoanalyse unterzogen, bei der er sich mit den Ängsten und Schrecken seiner eigenen Geburt konfrontiert sah. Das habe ihm die Augen geöffnet für die Empfindungen und Bedürfnisse von Neugeborenen.

"Sanfte Geburt" bedeutet für Hebamme Sarah Brummelte einen sanften Rahmen zu schaffen. Sie gründete mit einer Kollegin ein Geburtshaus. Das Interesse an außerklinischen Geburten steigt, doch nur etwa zwei von 100 Babys kommen in Deutschland in einem Geburtshaus oder zu Hause zur Welt. Kritiker argumentieren mit Risiken. Dabei gibt es klare Kriterien, wann außerklinische Geburten ausscheiden. Fakt ist auch: Eine Hebamme muss keinen Arzt an ihrer Seite haben – umgekehrt schon.

Auch in Kliniken, wo die überwiegende Mehrheit der Geburten erfolgt, wird Eltern ein Wohlfühl-Umfeld angeboten. Mit der Philosophie von Frédérick Leboyer hat die Realität in deutschen Kreißsälen oft allerdings nicht viel gemein. Personalmangel, Stress, Hebammen müssen mehrere Geburten gleichzeitig betreuen. So kann es zu Übergriffigkeiten kommen. Eingriffe werden nicht kommuniziert, der Umgangston ist nicht immer der richtige – Betroffene beschreiben das als "Gewalt unter der Geburt".

Immer mehr Frauen sprechen heute darüber, möchten ähnlich der #MeToo-Debatte Grenzverletzungen nicht mehr totschweigen, sondern benennen und diskutieren. Die Weltgesundheitsorganisation hat Gewalt in der Geburtshilfe als internationales Problem erkannt und 2014 zu einem Schwerpunktthema gemacht.

Während die Geburtenzahlen steigen, sinkt die Zahl der Hebammen. Offene Stellen können nicht nachbesetzt werden. Zudem schließen immer mehr kleinere Geburtsstationen. Sie arbeiten unrentabel, die Fallpauschalen pro Geburt können die Klinikkosten nicht decken. Die natürliche Geburt ohne Eingriffe ist ein Verlustgeschäft. Hebamme Sarah Brummelte sieht aber auch Licht am Horizont, da derzeit Ärzte und Hebammen an einem Tisch sitzen, um neue Leitlinien für die natürliche Geburt zu entwickeln.

Die Ideen von Frédérick Leboyer sind damals so aktuell wie heute. Der französische Frauenarzt hört zwei Jahre nach Erscheinen seines viel beachteten Buches auf, als Geburtshelfer zu arbeiten. Er stirbt 2017, im hohen Alter von 98 Jahren. Vater ist der Vordenker der Geburt ohne Gewalt selbst nie geworden.
Autorin des WDR ZeitZeichens ist Steffi Tenhaven

Stand: 16.10.2018, 16:22 Uhr