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Eine Art Performance-Künstlerin: 150 Jahre Else Lasker-Schüler

Eine Art Performance-Künstlerin: 150 Jahre Else Lasker-Schüler

Sie war eine unkonventionelle, extravagante, moderne Frau. Jüdischstämmig, geschieden, alleinerziehend musste sie um ihre Existenz kämpfen: die Lyrikerin Else Lasker-Schüler. Vor 150 Jahren wurde sie in Wuppertal geboren.

Porträt Else Lasker-Schüler, schwarz-weiß, schaut nachdenklich an Kamera vorbei

Extravagant, eigensinnig, exotisch, eine extreme Individualistin – so wird Else Lasker-Schüler häufig beschrieben. Und immer als eine ganz besondere, herausragende Dichterin ihrer Zeit. "Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte", hat der Dichter Gottfried Benn über sie gesagt. Vor 150 Jahren, am 11. Februar 1869, wird sie in Wuppertal-Elberfeld geboren.

Extravagant, eigensinnig, exotisch, eine extreme Individualistin – so wird Else Lasker-Schüler häufig beschrieben. Und immer als eine ganz besondere, herausragende Dichterin ihrer Zeit. "Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte", hat der Dichter Gottfried Benn über sie gesagt. Vor 150 Jahren, am 11. Februar 1869, wird sie in Wuppertal-Elberfeld geboren.

Berühmt ist dieses Foto von ihr, das sie in Pluderhosen und mit Flöte zeigt. "Sie war klein, knabenhaft schlank, hatte pechschwarze Haare, kurzgeschnitten, was zu dieser Zeit noch selten war", beschreibt Gottfried Benn, der zeitweilig vernarrt in die unkonventionelle Else Lasker-Schüler war. "Große, rabenschwarze, bewegliche Augen mit einem ausweichenden, unerklärlichen Blick."

Eine Art Performance-Künstlerin, würde man heute sagen. "Sie liebte die Maskerade", so die Wuppertaler Germanistik-Professorin Gabriele Sander, Herausgeberin der gesammelten Gedichte von Else Lasker-Schüler. Die deutsch-jüdische Dichterin versteckte sich hinter mystisch-poetischen Namen, verwandelte sich in orientalische Gestalten. "Prinz Jussuf von Theben" wurde ihr Alter Ego, hier in einer Zeichnung von ihr.

"Weißt du, dass du gefesselt liegst/ In meiner wilden Phantasie…/ Damit du mich mit Küssen besiegst/ In den schwarzen Nächten, in der Dämm’rung früh" – so Else Lasker-Schüler in ihrem frühen Gedicht "Liebe". Sie habe in großer Offenheit weibliches Begehren geschildert, sich mit weiblicher Sexualität auseinandergesetzt, sagt Literaturwissenschaftlerin Sander – und sich damit gegen die Lustfeindlichkeit des 19. Jahrhunderts gestellt.

Else Lasker-Schüler: Die Rätselhafte, Liebestolle, Wortmächtige. Elisabeth, genannt Else, wird als jüngstes von sechs Kindern geboren. Ihr Vater, der jüdische Bankier und Kaufmann Aron Schüler, und ihre Mutter Jeanette, nehmen sie als Hochbegabte von der Schule und lassen sie privat unterrichten.

Als sie 13 ist, stirbt ihr Lieblingsbruder Paul. Es ist der Anfang einer langen Reihe von Verlusterfahrungen, die die junge Dichterin prägen. Sie ist gerade 21, als die Mutter stirbt: "Wie meine Mutter starb, zerbrach der Mond". Von ihrer Mutter habe Else Lasker-Schüler die dichterische Begabung, sie sei nur die Sagerin, die Mutter die eigentliche Dichterin.

Die junge Braut: Sie heiratet den Arzt Dr. Berthold Lasker, ist Mitte 20, als sie mit ihm nach Berlin geht. Stürzt sich in das Treiben der hauptstädtischen Bohème, verschafft sich mit Gedichten und Prosatexten Achtung in der Literaturszene. Tummelt sich ganze Tage in Cafés, trifft Kollegen – für sie eine inspirierende Atmosphäre.

Auf die Geburt ihres unehelichen Sohns Paul, benannt nach ihrem Lieblingsbruder, folgt 1903 die Scheidung. Im selben Jahr heiratet sie erneut, doch auch die zweite Ehe scheitert. Privates trennt Else Lasker-Schüler nicht von ihrer künstlerischen Person, lässt die Öffentlichkeit an Persönlichem und Intimitäten teilhaben. "Mein Herz – niemandem", bekennt sie mit Mitte 40.

Ein Werk des Malers Franz Marc, ihres innigen Brieffreundes. Sie nennt ihn "mein lieber, wundervoller Blauer Reiter". Nach der zweiten Scheidung ist Else Lasker-Schüler alleinerziehende Mutter und finanziell nicht mehr abgesichert. Sie wohnt in schäbigen Hotels oder schläft auf Parkbänken. Befreundete Künstler machen eine Spendenaktion für sie. Und dann fordert der Erste Weltkrieg das Leben von Franz Marc. Nie wieder werden ihre Traumwelten und Rollenspiele so ernst genommen wie von Franz Marc.

Else Lasker-Schüler kämpft um ihre Existenz. Und dann stirbt auch noch ihr geliebter Sohn Paul mit 28 Jahren an Tuberkulose. Das Unheil geht weiter: 1933 übernimmt Hitler die Macht, ihr zweites Drama "Arthur Aronymus und seine Väter" steht vor der Premiere. In dem Stück prophezeit sie die Judenvernichtung. Die Nazis nehmen es sofort vom Spielplan. Else Lasker-Schüler wird aufgelauert und verprügelt.

Mit 64 Jahren flieht sie in die Schweiz, erhält dort jedoch keine Arbeitserlaubnis. Sie reist mehrmals nach Palästina, in ihr "Hebräerland". 1939, nach Kriegsbeginn, wird ihr die Rückkehr in die Schweiz verweigert. Else Lasker-Schüler, die herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne, sitzt verzweifelt in Jerusalem fest. Sie stirbt dort im Exil 1945, einsam und mittellos, im Alter von 75 Jahren.

"Mein blaues Klavier" ist das Exil-Gedicht überhaupt, der letzte Gedichtband, den Else Lasker-Schüler veröffentlicht – und eines ihrer berühmtesten Werke. "Ich habe zu Hause ein blaues Klavier/ Und kenne doch keine Note./ Es steht im Dunkel der Kellertür/ Seitdem die Welt verrohte." Man erkenne Else Lasker-Schülers Lyrik im Ton, in der Wortwahl, findet Germanistin Gabriele Sander – "immer wieder die Farbe Blau, für sie die Farbe der Poesie schlechthin."

Autor des Hörfunk-Beitrags zum WDR ZeitZeichen ist Christoph Vormweg

Stand: 07.02.2019, 15:12 Uhr