Alfred Döblin: Blick in Abgründe der menschlichen Seele

Alfred Döblin: Blick in Abgründe der menschlichen Seele

"Berlin Alexanderplatz" macht ihn 1929 berühmt. Seinen Erfolg kann Alfred Döblin als verfolgter Jude aber nicht lange genießen. Mit Fassbinders Fernsehverfilmung 1980 ist er lange nach seinem Tod wieder in aller Munde. Vor 140 Jahren wird Alfred Döblin geboren.

Mann mit Hut und Mantel steht im Treppenhaus

Günter Lamprecht spielt Franz Biberkopf, die wohl berühmteste Schöpfung Alfred Döblins. Mit dieser Figur geht der Schriftsteller 1929 in die Literaturgeschichte ein. Sein Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" (hier in der Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder) macht Alfred Döblin zum Kandidaten für den Literaturnobelpreis.

Günter Lamprecht spielt Franz Biberkopf, die wohl berühmteste Schöpfung Alfred Döblins. Mit dieser Figur geht der Schriftsteller 1929 in die Literaturgeschichte ein. Sein Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" (hier in der Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder) macht Alfred Döblin zum Kandidaten für den Literaturnobelpreis.

Vor 140 Jahren, am 10. August 1878, wird Alfred Döblin in Stettin geboren. Er ist gerade zehn Jahre alt, als sein Vater, ein jüdischer Geschäftsinhaber, pleitegeht und mit seiner 20 Jahre jüngeren Freundin nach New York durchbrennt. Zurück bleibt Alfred mit seiner Mutter und vier Geschwistern. Sie gehen nach Berlin zu Verwandten. Trotz ständiger Geldnot kann er verspätet sein Abitur machen und Medizin studieren.

In der Psychiatrie lernt Alfred Döblin die Abgründe der menschlichen Seele kennen. Mit 33 Jahren lässt er sich als Nervenarzt nieder. Neben Arthur Schnitzler und Gottfried Benn ist er der dritte deutschsprachige Arzt auf höchstem literarischem Niveau. Er schreibt zunächst in seiner Freizeit und beschäftigt sich schon früh mit Außenseiterfiguren und gestörten Persönlichkeiten.

Die Großstadt ist sein Thema. Alfred Döblin wird Vorreiter des Expressionismus, dann der Neuen Sachlichkeit. "Ein kreativer und innovativer Autor, der im Ästhetischen viel riskiert hat", findet die Wuppertaler Germanistik-Professorin Gabriele Sander. Unverblümt nimmt Döblin die Wirklichkeit der Weimarer Republik ins Visier. Er geht in den 20er Jahren öfter zu Gerichtsverhandlungen, interessiert sich für Unterprivilegierte, Kriminalität und Gewalt.

Das findet sich in "Berlin Alexanderplatz" wieder: "Er hat ein wildes Leben geführt", heißt es über Franz Biberkopf in der Hörspielfassung, die Döblin 1930 erarbeitet hat. "Zement- und Transportmitarbeiter ist er gewesen. Dann hat er zu trinken angefangen. Seiner Freundin hat er die Rippen zerschlagen. Vier Jahre hat er wegen Todes in Tegel gesessen."

Franz Biberkopf will jetzt anständig sein, kann sich als vorbestrafter Straßenhändler im Moloch Berlin aber kaum über Wasser halten. Eine Flut großstädtischer Eindrücke stürmt auf ihn ein. In wenigen Wochen verkauft sich der Roman "Berlin Alexanderplatz" öfter als sämtliche von Döblins Büchern zuvor.

Alfred Döblin kann den Erfolg aber nicht lange genießen. Für die Nazis ist er ein Jude und Vertreter einer "artfremden Asphaltliteratur". 1933 flieht der 54-Jährige mit seiner Frau und den vier Söhnen über die Schweiz nach Frankreich. Sie werden 1936 französische Staatsbürger, bevor sie vier Jahre später erneut in die USA flüchten müssen – wo sich Alfred Döblin noch fremder fühlt. Zwei Söhne bleiben zurück und kämpfen in der französischen Armee. Einer erschießt sich, als ihn die Wehrmacht gefangen nehmen will.

Döblin kehrt 1945 in seine Heimat zurück – und verlässt sie einige Jahre später wieder. In einem Abschiedsbrief an seinen Freund Theodor Heuss schreibt er: "Ich bin in diesem Lande, in dem meine Eltern und ich geboren sind, überflüssig." Alfred Döblin leidet an der Parkinson-Krankheit und stirbt 1957.

1980 ist er noch einmal in aller Munde, als Rainer Werner Fassbinder (in der Mitte mit Hanna Schygulla und Günter Lamprecht) seinen Roman "Berlin Alexanderplatz" in 14 Teilen fürs Fernsehen verfilmt. Döblins experimentierfreudigen Romane werden daraufhin wieder aufgelegt und neu gelesen. Und Günter Grass nennt Döblin seinen "Lehrer".

So erhält Alfred Döblin, der langjährige Rivale von Thomas Mann, sein Gewicht als Wegbereiter der literarischen Moderne in Deutschland zurück.
Autor des Hörfunk-Beitrags ist Christoph Vormweg

Stand: 02.08.2018, 11:18 Uhr