Live hören
Jetzt läuft: Street Knowledge von Lord Echo

Königreich des Schweigens - Stimmen aus syrischen Gefängnissen

Trailer "Königreich des Schweigens" 02:12 Min. Verfügbar bis 03.12.2020

Königreich des Schweigens - Stimmen aus syrischen Gefängnissen

Von Jakob Weingartner

Das in den Bergen von Damaskus gelegene Militärgefängnis Saydnaya gilt als Todesfabrik. Zehntausende werden dort systematisch gebrochen und getötet. Da sie nichts sehen dürfen, tragen Geräusche die Erinnerungen der Überlebenden.

Das Feature steht am 7.Dezember 2019 zum Download zur Verfügung. Zusätzlich wird eine binaurale 3D Kopfhörerfassung angeboten die eine besonders immersive Hörerfahrung ermöglicht.

Flur des früheren Stasigefängnis Hohenschönhausen mit Interview-Equipment.

Den Gefangenen sind die Augen verbunden oder sie sitzen mit dem Gesicht zur Wand. Sie horchen in den Raum, um Gefahren zu orten, erkennen Wärter an ihren Schuhen und Folterinstrumente an ihren Geräuschen. "Saydnaya ist eine Maschine, die schneidet, verbrennt und schmilzt. Sie vernichtet nicht nur Fleisch; sie tötet auch Seelen", sagt ein ehemaliger Häftling. Die Tonaufnahme findet in einer fensterlosen Zelle des früheren Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen statt. Geräusch für Geräusch rekonstruiert der Zeuge den Nicht-Ort Saydnaya und fasst schwer Sagbares in Worte. Über zwei Jahre hat der Autor Zeugnisse von Überlebenden dokumentiert und verdichtet.

Königreich des Schweigens - Stimmen aus syrischen Gefängnissen

Dok 5 - Das Feature 08.12.2019 53:16 Min. Verfügbar bis 06.12.2020 WDR 5 Von Jakob Weingartner

Download

Königreich des Schweigens - 3D Kopfhörerfassung

Dok 5 - Das Feature 08.12.2019 53:17 Min. Verfügbar bis 06.12.2020 WDR 5 Von Jakob Weingartner

Download

Literatur:

Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle Verlag, Bonn 2019, 312 Seiten, 23,- EUR

Die Tortur hat System. Das Regime von Bashar al-Assad nutzt Angst, um Syrien zu einem "Königreich des Schweigens" zu machen. Wer freigelassen wird, ist meist traumatisiert; entweder politisch gelähmt oder religiös radikalisiert. Mancher ist nach dem Erlittenen selbst bereit, den Kreislauf der Gewalt weiter zu befeuern, bei dem sich Assad als "kleineres Übel" zu präsentieren sucht.

Amnesty International fordert seit Jahren eine internationale Untersuchung der syrischen Traumatisierungsmaschine. Öffentliche Aufmerksamkeit ist für die Überlebenden eine letzte Hoffnung. Obwohl, oder gerade weil viel darauf hindeutet, dass das Assad-Regime seine Macht über ganz Syrien zurückgewinnen könnte.

"Eine Maschine, die Seelen tötet"

Interview mit dem ehemaligen Gefangenen Shapal Ibrahim in einer Zelle des früheren Stasigefängnis Hohenschönhausen.

Interview mit dem ehemaligen Gefangenen Shapal Ibrahim in einer Zelle des früheren Stasigefängnis Hohenschönhausen.

Wie macht man ein Radiofeature über den schlimmsten Ort der Welt? Ein Ort, den Überlebende beschreiben als "einzigartige Maschine, die nicht nur Fleisch schneidet, verbrennt und schmilzt, sondern die auch Seelen tötet"? Ein Ort, den Human Rights Watch charakterisiert als "schwarzes Loch, von dem keine Bilder existieren"? Wo Gefangene "unter brutal exekutierter Stille in totaler Finsternis gehalten werden", auf den Knien, nackt, den Kopf gegen die Wand gerichtet? Wo bis zu 20.000 Menschen zu Tode gefoltert und exekutiert wurden?

Im syrischen Foltergefängnis Saydnaya erkennen die Insassen Wärter an ihren Schritten, Folterinstrumente an ihrem Lärm, Räume an ihrem Echo. Das Hören wird zum wichtigsten Faktor des menschlichen Sensoriums. Es ermöglicht eine geistige Kartographierung der Umgebung und ihrer Risiken, entscheidet mitunter über Leben und Tod. Weil der Schall als wichtigster Botenstoff der Erinnerung funktioniert, erscheint es nur logisch, mit Hilfe der Überlebenden eine akustische Rekonstruktion von Saydnaya zu versuchen.

"Königreich des Schweigens" wurde im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen aufgenommen. Das sogenannte "U-Boot" ist der älteste, unterirdische Trakt des Gefängnisses und wurde vom sowjetischen Geheimdienst noch zur Folter genutzt. Dort unten inszeniert ein Geräuschemacher in einer leeren Zelle die Geräusche von Saydnaya: Schritte, Metallschüsseln, Stöcke, Ketten. Im Dialog mit den Überlebenden wird das "schwarze Loch" Saydnaya auf diese Weise Geräusch für Geräusch erfahrbar gemacht - die routiniert stattfindenden Praktiken systematischer Unterwerfung über ihren Ton sukzessive erschlossen. Wie klingt und funktioniert die Trauma-Maschine Foltergefängnis? Was passiert mit den Menschen, die sie erleben?

Die Beschreibung von Folter bleibt am Ende immer nur eine Annäherung und ihre klangliche Nachahmung eine Anmaßung. Eine Rekonstruktion sollte nachvollziehbar und eine nüchterne, forensische Distanz erhalten bleiben. Als Inspiration dient das Projekt "Inside Saydnaya" von Forensic Architecture, welches im Auftrag von Amnesty International entstand. Es wird deutlich, dass die "Wahrheit" über solch einen Nicht-Ort immer nur die Schnittmenge verschiedener Stimmen sein kann. Oder wie es ein Überlebender in "Königreich des Schweigens" ausdrückt: "Das Gedächtnis ist in solch extremen Situationen kein guter Zeuge."

In Paris interviewte ich einen makellos gekleideten Syrer, der in internationalen Medien gefeiert wird als migrantische Erfolgsstory. Er inszeniert seine Fluchtgeschichte als Hintergrund für einen einzigartigen Aufstieg als Chefkoch. Doch der junge Mann mit den nervösen Augen trägt ein Geheimnis in sich, das seine "Seele verwüstete". Er ist der erste Häftling seit der Revolution, der Saydnaya von innen gesehen hat, überlebt hat und auch darüber spricht. Abu Omar schaffte es, durch Bestechung zum Funktionshäftling aufzusteigen. Danach war er in der Lage, sich als Essensträger frei im Gebäude zu bewegen. In "Königreich des Schweigens" bricht er zum ersten und einzigen mal sein Schweigen. Für seine Kollaboration bezahlte Abu Omar einen hohen Preis. Unter einem Pseudonym erzählte er mir, dass er heute seine kleinen Kinder verprügelt: "In meinem Inneren ist ein Monster gewachsen."

Warum wird in Saydnaya gefoltert? Die Antwort scheint nahe zu liegen: Um Informationen über die Opposition zu erpressen, aus Sadismus, aus Rache. Die meisten Überlebenden sind sich jedoch einig, dass diese Faktoren nicht ausreichen, um die staatliche Strategie zu verstehen, die hinter der massenhaften Traumatisierung von Opposition und unbeteiligter Zivilbevölkerung steckt. Einerseits sind traumatisierte Menschen oft für immer in einem selbstzerstörerischen Zyklus eingesperrt: Ihre Psyche oszilliert zwischen Schuldgefühlen und Scham, tendiert zur Isolation und entzieht sie brutal der politischen Sphäre. Andererseits funktionieren syrische Foltergefängnisse wie Durchlauferhitzer eines totalitären social engineerings. Diese Gefängnismaschinen spucken konstant zerstörte Individuen und hasserfüllte ExtremistInnen aus, welche den Kreislauf der Gewalt des syrischen Bürgerkriegs befeuern. "Königreich des Schweigens" versucht, am Beispiel Saydnaya zu beschreiben, welche Strategie das Assad Regime mit der Traumatisierung weiter Teile seiner Bevölkerung verfolgt – sei es durch Folter, Gasangriffe oder Fassbomben auf Hospitäler.

Yassin al-Haj Saleh hat 16 Jahre in syrischen Gefängnissen verbracht: "Saydnaya ist heute mehr als ein Foltergefängnis, es ist eine Todesmaschine, ein Vernichtungslager im Herzen des Genozids, den das Assad Regime gegen seine eigene Bevölkerung führt."

Von Jakob Weingartner

Ausstrahlung am 8. Dezember 2019, Wiederholung am 9. Dezember 2019
Von Jakob Weingartner
Redaktion: Thomas Nachtigall
Produktion: WDR/DLF/ORF 2019

Stand: 05.12.2019, 14:12