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Buchcover: "Mein Name ist Estela" von Alia Trabuco Zerán

Lesefrüchte

"Mein Name ist Estela" von Alia Trabucco Zerán

Stand: 11.04.2024, 19:16 Uhr

Das Mädchen ist tot. Jetzt macht Estela, die in den vergangenen Jahren als Hausangestellte der Familie gearbeitet hat, eine Aussage. In ihrem jüngsten Roman lässt die chilenische Autorin Alia Trabucco Zerán eine Stimme zu Wort kommen, die lange Zeit geschwiegen hat.

Estela findet sich allein in einer Zelle mit einem verspiegelten Fenster wieder. Vermutlich ist sie auf einem Polizeirevier in Santiago. Ob sich jenseits des Fensters noch andere Personen befinden, kann Estela nur erahnen. Trotzdem beginnt sie zu erzählen. Dabei steht das Ende ihrer Geschichte schon zu Beginn des Romans fest: Das Mädchen stirbt.

Das Mädchen war die einzige Tochter der Familie, bei der Estela als Hausangestellte gearbeitet hat. Mit Anfang 30 kam Estela aus dem Süden Chiles in die Hauptstadt. Gegen den Rat ihrer Mutter, die selbst seit ihren Kindertagen in Privathaushalten angestellt war, zog sie in das Hinterzimmer des Arztes und der Anwältin ein, um Geld für sich und ihre Mutter zu verdienen. Damit sie ihr Haus auf der Insel Chiloé ausbauen und zusammen wohnen könnten. Sobald sie genug verdient hätte, wollte Estela wieder dorthin zurückkehren

Sie ging einkaufen, bereitete drei Mal am Tag etwas zu essen zu, machte die Wäsche, putze das Haus und erledigte alles, was ihr sonst noch aufgetragen wurde. Dabei stets bemüht, möglichst wenig Raum einzunehmen und trotzdem immer auf Abruf bereit zu sein. Eine diskrete Angestellte, die ihre Aufgaben erledigt, ohne dabei wirklich bemerkt zu werden. Lautlos. Schweigsam. Von Montag bis Samstag, rund um die Uhr, Woche für Woche, die letzten sieben Jahre.

Schonungslos und mit einem Auge fürs Detail erzählt sie von ihrer Zeit mit der Familie. Von den emotional distanzierten Eltern, die ihren eigenen Ehrgeiz von Beginn an auf ihre Tochter übertragen haben und kontinuierlich Leistung forderten. Von der überwältigenden Einsamkeit, die sie mit dem Mädchen verbunden hat und die doch eine grundlegend andere war. Und von dem lähmenden Gefühl zu bleiben, obwohl man schon längst gehen wollte.

Dabei schweift Estela immer wieder auch in Erinnerungen an ihre Mutter und die eigene Kindheit ab. Aber am Ende ist doch alles miteinander verbunden und endet mit dem Tod des Mädchens. Alia Trabucco Zerán webt die verschiedenen Anfangspunkte Ihrer Ich-Erzählerin geschickt zu einer spannenden Erzählung zusammen, die sich irgendwo zwischen Kammerspiel, Krimi und Gesellschaftskritik verorten lässt. Die Geschichte von Estella ist eine Geschichte über Machtverhältnissen und Diskriminierung. Es ist eine Geschichte über die Klassengesellschaft Chiles. Stellenweise brutal, aber immer einfühlsam.

Eine Rezension von Amanda Andreas

Literaturangaben:
Alia Trabucco Zerán: Mein Name ist Estela
Aus dem chilenischen Spanisch von Benjamin Loy
Hanser Berlin, 240 Seiten, 24 Euro