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Romain Virgo - "The Gentle Man" - Der Sänger, angetan mit einem rotem Satain-Anzug, sitzt lässig mit offener Brust auf einem sofa und zieht an einer Leine.

Sanfte Innovation

Album Review: "The Gentle Man" von Romain Virgo

Stand: 13.03.2024, 00:01 Uhr

Romain Virgo ist eine der wichtigsten Figuren der modernen Reggae- und Lovers Rock-Szene. Auf seinem Album "The Gentle Man" flirtet er mit Elementen aus Dancehall, Afrobeats und HipHop, und bietet neben Liebesliedern auch nachdenkliche Songs über Karma, alleinerziehende Mütter, sowie echte und falsche Freunde.

Von Adrian Nowak

Wenn wir hierzulande von TV-Castingshows sprechen, wird das oft mit Trash assoziiert. Nicht so in Jamaika, wo in Sendungen wie "Rising Stars" tatsächlich junge Talente den Grundstein für eine ernstzunehmende, langjährige Karriere legen. Einer davon ist Romain Virgo, der 2007 den Titel bei "Rising Stars" gewann - da war er grade mal siebzehn Jahre alt. Die Songs, mit denen er kurz danach durchstartete, sind heute Klassiker. Sozialkritische Roots-Songs wie "Can't Sleep" oder kuschelige Lovers Rock Nummern wie "Love Doctor" sind zeitlose Hymnen, die der 34-jährige noch lange singen kann.

Schwiegermutter Liebling und Rampensau

Romain Virgo ist der Fachmann für mitreißende Melodien, die ins Herz treffen. Egal, ob er seine Lieblingsfrau umgarnt oder den harten Alltag in den jamaikanischen Ghettos beschreibt. Dabei ist er in seinen Texten nie explizit und wurde so in Jamaika zu Schwiegermutters Liebling, der im schicken Anzug bei jamaikanischen Muttertagskonzerten auftritt. Ein freundlicher junger Mann. Glücklich verheiratet und Vater von zwei vierjährigen Zwillingstöchtern.
Bei diesem Saubermann-Image sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass Romain Virgo mit seinem kraftvollen, durchdringenden Tenor auf der Bühne krasser abreißt als mancher Dancehall-Badman. Nur mit dem feinen Unterschied, dass er mit seiner energiegeladenen Performance nicht nur die Jugend abholt.

Moderne Beats und zeitlose Themen

Auf seinem letzten Album "Lovesick" fokussierte Romain sich auf romantische Songs. Auf "The Gentle Man" stellt er, musikalisch wie textlich, seine Vielseitigkeit unter Beweis. Es beginnt mit "Been There Before". Auf einem melodiösen HipHop-Beat lässt er seine Laufbahn Revue passieren.  Romain erinnert sich an seine bescheidene Herkunft, seine Zeit im Schulchor und an die Kämpfe, die es brauchte, um es im Musikgeschäft zu schaffen. Als Gast steht ihm Dancehallstar Masicka zur Seite. Der erinnert sich an seine Jugend im Ghetto. Gemeinsam schaffen sie eine hoffnungsvolle Hymne für alle, die schwere Zeiten durchmachen: "Remember the darkest part of the night is just before daylight." 

Moderne Beats gibt es auch auf "Take It Or Leave It", dass mit Trap-Einflüssen arbeitet. Oder "Good Woman", für das der Kölner DJ Densen einen Riddim zwischen Afrobeats und Dancehall geschraubt hat. Ein Highlight ist "I Believe", dass auf einem Afrobeats-Instrumental von Silly Walks Discotheque basiert und in dessen mehrstimmigen Refrain Romain Virgos Vergangenheit im Schulchor deutlich hörbar ist. Gemeinsam mit Nigerias Superstar Patoranking singt er ein Loblied auf alleinerziehende Mütter von Kingston bis in die Townships von Lagos.

Roots, Reggae und Romanzen

Neben den modernen Clubsounds hören wir auf "The Gentle Man" viel vom Trademark-Sound, für den Romain Virgo bekannt ist: Geradliniger Modern Roots mit Mitsing-Momenten. Für Big Tunes wie "Driver" oder "Switch You On" wurde der jamaikanische Top-Produzent Don Corleon gewonnen, ein Fachmann für die Schnittstelle von Mainstream und Insel-Vibe, der schon für Rihanna, Sean Paul oder Migos am Mischpult saß. Weitere catchy Reggae-Riddims kommen von Virgos langjährigen Business-Partner Niko Browne , dem BBC-Radio-Selector Seani B, sowie von Winta James, einem der wichtigsten Produzenten der Modern Roots Welle der 10er Jahre.

In der Mitte des Albums erzählt Romain - über fünf Songs verteilt - eine Liebesgeschichte. Von den ersten Schmetterlingen im Bauch bis hin zur bitteren Trennung. Und zum Ende hin erleben wir Virgo von seiner nachdenklichen Seite. In Songs wie "Bridges" besingt er die Kraft der Freundschaft. In  "You must pay" philosophiert er über die Konsequenzen unserer Handlungen. Romain Virgo ist auf seinem vierten Album nicht nur der sanfte Loverman, sondern auch Roots-Botschafter, Philosoph und Mutmacher, bleibt aber immer "The Gentle Man".