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Album Review: Reyna Tropical – "Malegria"

Bittersüße Hommage

Album Review: Reyna Tropical – "Malegria"

Stand: 05.04.2024, 15:08 Uhr

Auf ihrem Debütalbum teilt Sängerin und Gitarristin Fabiola Reyna ihren Weg durch Trauer, Transformation und Wiedergeburt. "Malegria" ist eine stürmische Feier queerer Afro-Kultur.

Von Anne Lorenz

Den Sound von Reyna Tropical kennen COSMO-Hörer:innen bereits seit Jahren aus der Playlist, das langerwartete Debütalbum ist allerdings gerade erst erschienen. Die Geschichte hinter dem neuen Release ist genauso schön und empowernd wie taschentuchtraurig. Dieser bittersüße Geschmack steckt schon im Albumtitel "Malegria". Denn die Wortschöpfung aus einem Manu Chao Song setzt sich aus dem Spanischen "Mal" für "schlecht" und "Alegria" für "Freude" zusammen. Reyna Tropical sind die queere Singer/Songwriterin und Gitarristin Fabiola Reyna und Nectalí Díaz alias Sumohair, ehemaliger Wrestler, Hairstylist, DJ und Produzent. Beide waren nicht nur musikalisch Partners in crime und seit Jahren in der afro-mexikanischen Diaspora von Los Angeles politisch aktiv, sondern auch beste Freunde. 2021 ging es dann plötzlich durch die Decke und Reyna Tropical sind als Vorband für die kolumbianischen Megastars von Bomba Estéreo um die ganze Welt getourt.

Neue Verletzlichkeit

Dann kam der große Cut Mitte 2022, als Sumo bei einem tragischen Verkehrsunfall verunglückte. Plötzlich stand Fabiola Reyna vor dem Nichts und musste sich komplett neu sortieren. Bis sie zu dem Entschluss kam, weiter zu machen, um Sumos Vision und seine Kunst am Leben zu halten. Mit neuer Verletzlichkeit, wie sie selbst erzählt: "Sumo hat mich mal gefragt: 'Wie oft weinst du eigentlich?'. Und ich habe geantwortet: 'Nie!', weil ich bis dahin wirklich kaum geweint habe. Darauf meinte er nur: 'Wow, du bist wohl aus Stahl, was?!'. Mittlerweile weine ich ständig! Ich spüre die Tränen wie einen Fluss durch meinen Körper laufen. Und ich bin wirklich dankbar für dieses Geschenk, das er mir hier gelassen hat!" Die neuen Songs von Reyna Tropical klingen immer noch stark nach Sumo. Seit Fabiola und er sich 2016 kennengelernt hatten, ist ihre gemeinsame Musik aus stundenlangen Jam-Sessions entstanden: auf und abschwellende, polyrhythmische Loops mit Fieldrecordings wie Meeresrauschen oder Vogelgezwitscher, dazu sehnsüchtige, leicht melancholische Melodien.

Wiedergeburt als Solo-Künstlerin

Diesen Sound hat Fabiola nun weiterentwickelt. "Malegria" ist eine liebevolle Hommage an ihren Freund und langjährigen Partner, aber auch eine Art Wiedergeburt als Solo-Künstlerin. Auf "Malegria" geht es um Rückkehr zu den Wurzeln, um die erdende Kraft indigener Folklore, aber auch um lesbische Liebe, Abenteuer und weibliche Sinnlichkeit. Inspiriert von Musiklegenden wie der mexikanischen Sängerin und Gitarristin Chavela Vargas. Getragen werden die Botschaften von kongolesischen, peruanischen und afro-mexikanischen Rhythmen. Zwischen den Songs gibt es immer wieder kleine Interludes: berührende Szenen und Dialoge aus den Recording-Sessions mit Fabiolas verstorbenem Kompagnon. Das Album ist eine emotionale Ode an eine echte Seelenverwandtschaft und zugleich eine stürmische Feier queerer Afro-Kultur.