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Rayess Bek: "Baher" - Blick vom betonierten Ufer auf das Meer und eine Schiff, darüber der Schriftzug "Baher".

Identitätssuche zwischen Vergangenheit & Gegenwart

Review: Rayess Bek –"Baher"

Stand: 31.01.2024, 16:16 Uhr

Rayess Bek, früher eine der zentralen Figuren des arabischen HipHop, hat auf seinem neuen Album "Baher" die ersten Plattenaufnahmen arabischer Musik mit aktuellen Sounds zusammengebracht. In der Fusion des libanesischen Musikers, Rappers und Produzenten treffen uralte Gesänge auf Synthesizer, Drum Machine, E-Gitarre und E-Bass.

Von Anna-Bianca Krause

Wer bin ich?

1979 mitten im libanesischen Bürgerkrieg in Beirut geboren, ging die Familie, als Wael Koudaih, Künstlername Rayess Bek, gerade drei Jahre alt war ins Exil nach Frankreich und kehrte erst nach dessen Ende zurück. Das Thema Exil prägt seine Familie jedoch schon länger, mussten seine palästinensischen Großeltern doch ebenfalls ihre Heimat verlassen und 1948 ins libanesische Exil gehen. Das Album ist nicht durch den aktuellen Nahost- Krieg ausgelöst worden, doch es kommt zu einem Zeitpunkt, der an viele Themen hochholt, die Bek schon seit langem bewegen. Und es bringt ihn auch zurück zu seinen Großeltern, die alles in Palästina zurücklassen mussten und nie mehr dorthin zurückkehren konnten. Mit dem Album "Baher" geht Bek auf die Suche nach seiner Identität, zwischen der arabischen und der europäischen Kultur, zwischen urbanen Sounds und uralter arabischer Musik hat er versucht diese diffusen Gefühle in Songs zu übersetzen.

Der gehobene Schatz

Der heute 44-jährige Musiker, Rapper, Komponist und Produzent, war einer der ersten, der auf Arabisch gerappt hat, von seinem ersten Album in 2020 an, galt er als eine der wichtigsten Figuren der urbanen Musik in der arabischen Welt und bezeichnete sich in dieser Phase selbst als "freies Elektron der libanesischen Rap-Szene". 2011 dann fand er im Haus seiner Mutter alte Kassetten mit der Stimme seiner Großmutter. Im Bürgerkrieg hatten die Menschen diese Kassetten statt Briefen hin- und hergeschickt, um die geliebten Stimmen zu hören. Daraus entstand das audiovisuelle Projekt "Good Bye Schlöndorff", Beks erste Arbeit, die ihn vom HipHop wegführte. Er wollte ab sofort nicht mehr so frontal, wie im Hip Hop üblich arbeiten, sondern poetischer sein und seine eigenen Roots mit urbanem Sound verbinden.

Die Wiederbelebung

"Baher" ist das Meer, für Bek Synonym für Hoffnung und auch Erinnerung an seine Heimatstadt Beirut. Er streut die Legende, dass er die alten Schallplatten, die er für das Album gesampelt hat, am Strand in Beirut gefunden hat, tatsächlich bekam er die Scheiben von einem Freund, der Archivar ist und ihm vor allem die ersten Aufnahmen der arabischen Welt weitergereicht hat. Diesen völlig vergessenen Songs aus den 1930er bis 1950er Jahren wollte er mit seinen Sounds neues Leben einhauchen. Bei den meisten Aufnahmen weiß keiner, wer da singt oder spielt, auf dem Cover steht nur Chanson oder die Tonart. Zudem sind die Aufnahmen so schlecht, dass man fast nur die Gesangsstimme hört. Das hat es jedoch für Bek einfacher gemacht den Gesang mit seinen Rhythmen und den Sounds von E-Bass, E-Gitarre, Perkussion, analogen Synthesizern und Drum Machine zu unterlegen. Da es in der arabischen Musik keine Harmonien gibt, konnte er alles harmonisieren und den Songs damit eine neue Ebene geben.

Was lange währt

Drei Jahre hat Rayess Bek an "Baher" gearbeitet, nicht nur, weil so viel Schmerz, Erinnerungen und andere Emotionen in den Songs stecken. Er musste immer wieder unterbrechen, zuerst durch die libanesische Revolution 2019, dann durch die Explosion im Hafen von Beirut 2020 und schließlich noch einmal, als er entschied 2022 aufgrund der Situation ganz ins Exil nach Frankreich zu gehen. Arabische Musik und Elektronik passen ohnehin gut zueinander, doch diese lange Brütperiode hat dem Album sicher gut getan. Bek hat eine sehr persönliche Form von Fusion kreiert, die beidem Raum lässt und das Alte und das Neue nicht zu zaghaft aufeinandertreffen lässt.