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Cover des Albums "Autopoiética" von Mon Laferte: Mit Rückem zum Betrachter liegt eine Person mit Anzughose und Hemd barfuß auf roter Decke im Halbdunkel

"Autopoiética" - Transformation als Konstante

Stand: 26.11.2023, 00:00 Uhr

Die chilenisch-mexikanische Sängerin, Musikerin und Aktivistin erfindet sich auf ihrem achten Album einmal mehr von Grund auf neu und kommt dabei - als frischgebackene Mutter in ihrem 40. Lebensjahr - so nah bei sich selbst an, wie noch nie.

Von Anne Lorenz

Mon Laferte: "Autopoiética"

COSMO Album der Woche 27.11.2023 02:41 Min. Verfügbar bis 25.11.2024 COSMO


Der Albumtitel "Autopoiésis" ist eine Wortneuschöpfung von Mon Laferte. Sie bezieht sich dabei auf einen Begriff aus der Neurobiologie, bei dem es um die Selbsterschaffung und Selbsterhaltung organischer Systeme geht. Die Sängerin hebt die Idee zusätzlich auf eine philosophische Ebene, indem sie die Poesie noch mit einbezieht. Denn: Für die Sängerin hängen Erhaltung und Erneuerung des Selbst unweigerlich auch damit zusammen, sich ausdrücken zu können. Mon Laferte sagt dazu: "Ich kann mich selber heilen und mich immer wieder neu erfinden!" Und damit verweist sie nicht nur auf die Zellfunktionen ihres Körpers, sondern auch auf die Dynamik ihres Kosmos und ihrer persönlichen Geschichte. Für ihr Album bedeutet die Headline "Autopoiésis" das Erschließen neuer Sound-Universen, eine völlig neue Arbeitsweise und 14 Songs die so ehrlich und persönlich sind wie noch nie.

Neue Gelassenheit

Zwei einschneidende Erlebnisse bilden das Fundament für Mon Lafertes neues Mindset: Die Geburt ihres Sohnes letztes Jahr und ihr vierzigster Geburtstag. Auf der einen Seite konnte die Musikerin kaum fassen, dass ihr eigener Körper ein Lebewesen hervorgebracht hat und fühlte sich plötzlich so stark und ermächtigt wie nie. Auf der anderen Seite wurde ihr in diesem neuen Lebensabschnitt von Anfang an gespiegelt, mit wie viel Stigma und Scham das Älterwerden in unserer Gesellschaft belegt ist. Vor allem für Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen. Doch Mon Laferte hat entschieden, sich davon nicht verrückt machen zu lassen, sondern offen auf die Thematik zuzugehen. In Songs wie "40 y MM" rappt sie zum allerersten Mal und singt im Refrain: "Ich bin vierzig und Mutter, niemand stirbt mehr vor Liebe zu mir. Aber was mich nicht umbringt, macht mich stärker!"

Global-Pop-Chamäleon

Neben Hip Hop erweitert Mon Laferte ihr Sounduniversum auf "Autopoiética" um moderne urbane Einflüsse wie Perreo, Trap, Techno und Trip Hop. Aber auch ihre Musikalische DNA - lateinamerikanische Rhythmen wie Bolero, Salsa, Mariachi, Bossa Nova oder Cumbia lässt sie mit einfließen. Dabei erzeugt sie Spannungsfelder zwischen dröhnenden Bässen und zart-zerbrechlichen organischen Klängen, vielschichtig pumpenden Beats und filigranem A-Capella Gesang. Alle Songs ihres Albums hat Mon Laferte in einem einzigen Monat aufgenommen und produziert. Ein weiterer Nebeneffekt ihrer Mutterschaft. Statt im Studio stundenlang an Soundnuancen zu schrauben, hat sich das Global-Pop-Chamäleon mit ihrer Sample-Bibliothek zu Hause eingeschlossen und gelernt, dass die erste Gesangsaufnahme oft die beste ist.

Kompromisslos authentisch

Mon Laferte sagt: "Autopoiética ist mein bisher stärkstes Album" und man kann ihr nicht widersprechen. Ihre Einflüsse reichen von Rosalía über Aphex Twin bis zu Juan Gabriel. Mühelos lässt sie opulente elektronische Arrangements nahtlos in ein akustisches Gitarrensolo übergehen. Mehrstimmige Chöre verschmelzen mit tief-vibrierenden Basslines. Kaum ein Song hört auf, wie er angefangen hat. Stimmungsvolle Intros, Outros und Interludes schalten das Kopfkino ein. Und dazu teilt Mon Laferte intime Gedanken über toxische Beziehungen, Doppelmoral in religiös geprägten Gesellschaften oder den Tod ihrer Großmutter, der sie immer versprochen hatte, sie auch nach Mexiko zu holen. Musikalisch ein Querschnitt durch die moderne Latin-Musikszene und inhaltlich ein tiefer Blick in Mon Lafertes Gefühlsleben.