Cover des Albums "Mokoomba - "Tusona: Tracings in the Sand""

Mokoomba: "Tusona - Tracings in the Sand"

Zwischen Spiritualität und Dancefloor

Stand: 09.07.2023, 00:00 Uhr

Mokoomba sind der heißeste Musikexport Simbabwes. Eine der wichtigsten Bands aus dem südlichen Afrika. Die Musiker begeistern mit einer Fusion aus traditionellen simbabwischen Rhythmen und Vokalharmonien aus den Regionen ihres Landes mit Afro-Pop oder Funk.

Von Anna-Bianca Krause

Mokoomba: "Tusona - Tracings in the Sand"

COSMO Album der Woche 10.07.2023 02:40 Min. Verfügbar bis 08.07.2024 COSMO


Mokoomba sind der heißeste Musikexport Simbabwes. Eine der wichtigsten Bands aus dem südlichen Afrika. Die Musiker um Leadsänger Mathias Muzaza begeistern das Publikum mit einer Fusion aus traditionellen simbabwischen Rhythmen und Vokalharmonien aus verschiedenen Regionen ihres Landes mit Afro-Pop oder Funk. Vor etwas über zehn Jahren landeten sie mit den Songs ihres zweiten Albums "Rising Tide" wie ein UFO auf den internationalen Bühnen. Und sind seitdem in über 40 Ländern und auf fast allen großen Festivals  - von Roskilde über SXSW, North Sea Jazz und Sziget bis WOMAD - aufgetreten. Ihr Erfolg liegt nicht nur an ihrem überzeugenden panafrikanischen Sound, sondern auch an den hochenergetischen Live-Shows.

Vom siebten Weltwunder

Die Musiker von Mokoomba sind aus Viktoria Falls. Einer Grenzstadt zu Sambia im Westen Simbabwes, die am Sambesi liegt.  Die Region hat mit den Viktoriafällen nicht nur eines der sieben Weltwunder. Sie grenzt auch an Sambia, Botswana, Mosambik und Angola. Ist deshalb ein Schnittpunkt verschiedener Kulturen und Ethnien. Diese diversen Einflüsse sind in der Musik Mokoombas deutlich zu hören.

Die sechs gründeten ihre Band schon als Schüler an der Mosi-Oa-Tunya High School in Viktoria Falls. Das größte Problem der damals 13- bis 14-jährigen Teenager war es, an Instrumente wie Keyboards und Gitarren zu kommen.  Sie stammen aus verschiedenen Milieus ihrer Region, vor allem aus den Ethnien der Tonga und Luvale. Sie wollen die Musik, die Kulturen und die Sprachen ihrer Heimatregion am Leben erhalten. Und nicht nur auf die Bühnen der Welt, sondern auch in die Zukunft bringen. 2010 ist ein sehenswerter 50- minütiger Dokumentarfilm über Mokoomba veröffentlicht worden.

Spuren im Sand und tanzende Masken

"Tusona : Tracings in the Sand" ist das vierte Album von Mokoomba. Ein Pandemie-Album, das sie im DIY-Verfahren und ohne Produzent realisiert  haben. Der Albumtitel ist eine Hommage an die Bräuche ihrer Vorfahren. Speziell an ein System von Zeichen und Symbolen, die von den Alten in den Sand gezeichnet wurden und Hinweise für die Jungen während der Initiations-Zeremonien waren. Die Songtexte sprechen gesellschaftliche Themen an. Manche in Form tradierter Geschichten, die auch heute noch als Lebenshilfe wichtig sind. In «Nazara Hapana» geht es um einen Mann, der seine geliebte Frau und seine Kinder mit einem Testament absichern will, damit seine eigene Familie im Falle seines Todes die Frau nicht enteignet und ausbeutet.

Im Song «Tamvela Mama» geht es um eine Mutter, die ihren Kindern den Rat gibt, dass sie nicht nur mit ihren Geschwistern friedlich zusammenleben sollen, sondern auch mit den Nachbarn und allen anderen Menschen, denen sie im Leben begegnen.

"Makisi" ist der Schlüsselsong des Albums, da er am stärksten die Tradition der Luvale-Ethnie ihrer Region thematisiert. Es geht um Maskeraden und Tänze während der Initiationsriten der Jungen. Die tanzenden Masken symbolisieren die Geister der Vorfahren. Sie haben die Grenze zwischen dem Reich der Sterblichen und der ätherischen Ebene überwunden, um den Jungen Weisheit weiterzugeben und sie auf ihrer Reise ins Erwachsenenleben zu begleiten. Die UNESCO hat 2008 dieses Makisi-Brauchtum zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Trotzdem verschwinden die Rituale mehr und mehr. Mokoomba versuchen mit einem Song wie "Makisi" und dem dazu gehörigen Video diese Traditionen wieder in der Gegenwart zu verankern.

Der Mann mit den 1000 Stimmen

Im Zentrum des Mokoomba-Sounds: die Wahnsinns-Performance von Lead-Sänger Mathias Muzaza, mit großen Stimmumfang und einer beeindruckenden vokalen Intensität. Man nennt ihn "den Mann mit den 1000 Stimmen", mal rau, mal weich, guttural, trällernd und dabei so spirituell wie rockig. Seine Mitmusiker sagen, er sei eine wandernde, sprechende, meist aber singende Musikbibliothek der Songs des südlichen Afrikas. Muzaza spricht und singt in 7 Sprachen.

Die anderen Bandmitglieder an Gitarre, Bass, Keyboards, Perkussion und Drums sind aber auch als Vokalisten essentiell. Sie singen die Backgroundchöre, sind das Gegenüber der Call and Response-Parts. Gesungen wird in verschiedenen lokalen Sprachen; in Tonga, Luvale, Shona, Nyanja.

Special Guests auf dem Album sind die drei Bläser der ghanaischen Highlifeband Santrofi an Trompete, Posaune und Saxophon. Die Musiker sind schon lange befreundet und hatten nun endlich die Gelegenheit zusammen ins Studio zu gehen. Die Bläsersätze machen den Sound fetter, treiben ihn zusätzlich an.

Andere Gäste: der kongolesische Sänger Desolo B, mit dem Muzaza ausnahmsweise sogar auf Lingala singt. Und die junge Sängerin Ulethu aus der House Music-Szene von Harare. Sie singt den gefühlvollsten Song zusammen mit Mathias Muzaza, der im Text mit unter die Haut gehender Stimme den Tod seiner Eltern während der Pandemie beklagt.

Spirituelle Gesänge & Mörder-Grooves

Der Sound von Mokoomba: Afro-Grooves, die stark in den simbabwischen Traditionen verankert sind und im sambischen Zamrock der Siebzigerjahre, der von angloamerikanischem Rock und Funk beeinflusst war. Aber sie greifen auch andere wichtige afrikanische Stile auf, wie die vielseitige gitarrenbasierte Musik aus dem Kongo. Das Album enthält neben neuen Songs drei Song-Remakes ihres letzten, akustischeren Albums «Luyando», die jetzt auch dancefloor-kompatibel sind.

«Tusona: Tracings in the Sand» ist Spiritualität und Groove. Gespielt und gesungen von herausragenden Musikern und Sängern. Die Band hat ihren Sound perfektioniert und tanzbarer gemacht. So mitreißend war schon lange kein Album mehr.