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Cover des Albums "Sun without the Heat" von Leyla McCalla: Buntes Gemälde eines Kopfes mit langen Haaren auf blauem Hintergrund

Leyla McCallas Liebeserklärung an die Musik der Diaspora

Stand: 14.04.2024, 00:00 Uhr

Die US-amerikanisch-haitianische Singer/Songwriterin Leyla McCalla hat auf ihrem fünften Album "Sun without the Heat" sehr persönliche, von feministischer afroamerikanischer Literatur beeinflusste Songs geschrieben. Ihr Global Folk ist ein Hybrid aus afrikanischen, brasilianischen, karibischen und US-amerikanischen Elementen.

Von Anna-Bianca Krause

Leyla McCalla: "Sun without the Heat"

COSMO 15.04.2024 02:45 Min. Verfügbar bis 14.04.2025 COSMO


Leyla McCalla ist eine der interessantesten US-amerikanischen Singer/Songwriterinnen, eine Sängerin, die von zart bis kraftvoll alle Facetten des Singens beherrscht und die drei Saiteninstrumente Gitarre, Banjo und Cello meisterhaft spielt. Die 38-Jährige mit den haitianischen Roots bewegt sich musikalisch und thematisch zwischen Vergangenheit und Gegenwart und passt, seit sie 2014 ihr erstes Album veröffentlichte, in keine Genre-Schublade. Ihr hybrider Folk, inspiriert von der multikulturellen Mischung ihrer Wahlheimat New Orleans und den Stationen ihres Lebens, ist auf Album Nummer fünf fröhlicher und noch kulturübergreifender als zuvor.

Kommunikation mit den Vorfahren

Die in New York geborene und in New Jersey und Accra/Ghana aufgewachsene Leyla McCalla ist die Tochter haitianischer Migranten und politischer Aktivisten für Frauen- und haitianische Bürgerrechte. Doch auf die haitianische Musik stieß sie erst viel später durch ihre Liebe zu US-amerikanischer Musik und dem Erkennen, wo deren Wurzeln liegen. Inzwischen hat sie Haiti unzählige Male bereist, hat mit "Breaking the Thermometer" 2022 ein ganz besonderes Album über die Geschichte von Radio Haiti, dem ersten Radiosender, der die Nachrichten in haitianischem Kreyòl gesendet hat, gemacht. Der Schwere dieser Recherche, die auch Morde und Unterdrückung der Radiojournalisten einschloss, wollte sie mit der Leichtigkeit des neuen Albums etwas entgegensetzen. Haiti spielt trotzdem eine Rolle, etwa wenn die Sängerin im Song "Open the Road" mit ihren Vorfahren in Kontakt tritt, um sich Hilfe auf der Suche nach der eigenen Identität zu holen. Oder wenn musikalisch der gemütliche, gitarrenlastige Sound des haitianischen Musikstils Twoubadou auftaucht.

Von Meeressäugern lernen

Leyla McCalla wird beim Songwriting hauptsächlich von Büchern, Erzählungen und Texten beeinflusst. Für "Sun without the Heat" waren das afroamerikanische Autorinnen, Denkerinnen und Afrofuturistinnen wie Octavia Butler, Adrienne Maree Brown oder Alexis Pauline Gumbs. Das Buch "Undrowned" (Unertrunken) und Gumbs Studie über Meeressäugetiere und ihre Überlebensstrategien und was wir Menschen daraus lernen können, war die Hauptinspiration für das ganze Album. Die Songtexte spiegeln - auch wenn sie von anderen Autorinnen inspiriert wurden - die Auseinandersetzungen mit dem eigenen Lebensweg: Es geht um Mutterschaft und die Angst vor, aber auch Lust auf Veränderung, um die Suche nach Gemeinsamkeit und Glück in diesen politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten.

Keine Sonne ohne Hitze

Der Albumtitel "Sun without the Heat" klingt nach einem Statement zur Klimakatastrophe, ist aber viel größer gedacht und inspiriert von einer Rede, die der ehemalige Sklave und spätere Menschenrechtsaktivist, Politiker und Publizist Frederick Douglass 1857 vor weißen Abolitionisten gehalten hat. Er sagte ihnen: Ihr wollt die Sklaverei abschaffen, aber das geht nur, wenn ihr euch selbst verändert – es reicht nicht, dagegen zu sein. Diesen Gedanken hat McCalla weitergeführt und in ihrem Titelsong singt sie: Ihr wollt die Ernte ohne zu pflügen, ihr wollt den Regen ohne den Donner, ihr wollt den Ozean ohne das Getöse des Wassers, ihr könnt die Sonne nicht ohne die Hitze haben.

Die Vielfalt der diasporischen Musik

Für die überzeugende, aber auch überraschende Musikmischung hatte Leyla McCalla kein Konzept, aber eine musikalische Idee: Möglichst viele Genres der afrikanischen Diaspora in den USA unterzubringen…. Darunter brasilianischer Tropicalismo, Jazz, US-amerikanischer Blues & Folk, haitianische Twoubadou-Musik, Afrobeat, ghanaischer Highlife, Calypso und äthiopische Musik. Letztere wird hörbar in der Coverversion eines Songs von Ali Mohammed Birra aus den siebziger Jahren. McCalla verliebte sich in eine Platte des legendären äthiopischen Sängers, hatte jedoch keine Transkription des Originaltextes, also schrieb sie einen eigenen für "Love we had".

Auf "Sun without the Heat" zeigt Leyla McCalla einmal mehr, dass ihr musikalischer Horizont endlos ist, von zarter Piano-Ballade bis Fast-Rock-Song ist alles dabei. Die Multiinstrumentalistin, Komponistin, Songautorin und Sängerin macht aus Vielem Eins und ihres.