Françoiz Breut "Vif!"

Space-Pop aus der Natur auf Françoiz Breuts neuem Album "Vif !"

Stand: 03.06.2024, 00:00 Uhr

Françoiz Breut macht sinnliche Chansons und tritt mit ihrem 8. Soloalbum eine Reise in den Mikrokosmos der Natur an, um der erdrückenden Krisenstimmung etwas entgegenzusetzen. "Vif !" ist wunderbarer kosmischer Pop und eine Ode an das Leben.
 

Von Anna-Bianca Krause

Françoiz Breut: "Vif !"

COSMO Album der Woche 03.06.2024 02:50 Min. Verfügbar bis 03.06.2025 COSMO


Françoiz Breut ist eine der interessantesten und sinnlichsten weiblichen Stimmen der französischsprachigen Chansonszene. Die 54-Jährige ist ein Multitalent: Sängerin, Songwriterin, Bildhauerin und Zeichnerin und illustriert hauptsächlich Kinderbücher. Breut lebt seit langem in Brüssel, ist aber im französischen Cherbourg geboren.
1997 hat Breut ihr erstes Soloalbum gemacht und blickt inzwischen auf eine über 25-jährige Karriere im Musikbusiness zurück. Seit ihren Anfängen sucht sie mit jedem Album nach neuen Soundabenteuern und bleibt auf der anderen Seite doch immer auch dem Chanson mit einem Hauch Nostalgie treu.

Landflucht

Nachdem Breut mit ihrem Ihr 7. Album "Flux flou de la foule" den Stadtdschungel mit Elektronik-Chansons erforscht hat, ist "Vif !" eine Forschungsreise durch den Mikrokosmos der Natur. Um den erdrückenden Nachrichten und Erfahrungen der letzten Zeit – von der Pandemie über Gewalt und Ungerechtigkeit weltweit bis zur globalen Erwärmung und den Kriegen in Nahost und der Ukraine – etwas entgegen zu setzen, hat sie sich mit dem beschäftigt, was es noch an Schönem und Lebenden gibt und ihren Blick instinktiv auf die Natur gerichtet. Zusammen mit ihrem Partner hat sie einen kleinen, nur 37 Ar großen Wald gekauft und darauf einige Obstbäume angebaut. Eigentlich wollte Breut die neue Songs in diesem Wald schreiben, aber das hat sich dann doch als unrealistisches Vorhaben herausgestellt, da das Areal zwei Stunden von Brüssel entfernt liegt und übernachten dort nicht erlaubt ist. Also hat sie sich beim Schreiben in Gedanken in den Wald begeben.

Von Flechten und Elfen

Das Thema Natur ist für Breut nicht nur Stadt- und Gesellschaftsflucht, sondern auch eine Rückkehr in die Kindheit. Sie ist in der Natur groß geworden, ihre Großeltern waren Bauern und ihr Vater hatte immer einen Garten, in dem er Gemüse und Obst angepflanzt hat. Für "Vif !" ist Breut in die Rolle der Beobachterin geschlüpft, inspiziert wie mit einer Lupe die kleinen Dinge im Wald – von Würmern über Flechten und Insekten bis zu Blättern - und beschreibt und besingt sie dann poetisch. Mit ihrer Feenstimme singt sie vom Leben unter der Erde, von Bäume, die den Asphalt sprengen, von Elfensichtungen, von der Vorstellung in einem Baumstamm zu sitzen und das Mikroleben dort zu beobachten, von der Angst vor der Nacht im Wald und auch eine Ode an die Würmer hat sie geschrieben.

(K)ein Klimaprotest

Breuts Stimme schwebte schon immer über den Dingen wie es die von Beth Gibbons tut, nur eben geprägt durch den Sound der französischen Sprache. Aber diesmal ist ihr Gesang noch klarer, schöner und weicher als zuvor. Die Musik ohne Overdubs, organischer als auf Breuts letztem Album. French Pop mit Rock- und Trip Hop-Anteilen, die Musik oft dezent spacig – dafür verantwortlich der schwebende Gesang von Breut und die kosmischen Sounds, die ihr Tastenmann Marc Mélia aus seinem analogen Prophet-Synthesizer aufsteigen lässt. François Schulz holt die Songs mit seinem wunderbaren E-Bass-Spiel immer wieder auf die Erde zurück.

"Vif !" ist ein typisches Breut-Album, d.h. es trägt ihre Handschrift und ihr verführerisches, altersloses Timbre und ist doch anders als die Vorgänger. Man könnte das Album als elegante Art des Klima-Protests lesen, doch dafür ist es viel zu poetisch und sinnlich. "Vif !" bedeutet "lebendig" – es ist Breuts Ode an das Leben.