Flechthecke und Martinszug sind jetzt NRW-Kulturerbe

Flechthecke und Martinszug sind jetzt NRW-Kulturerbe

  • Fachjury hat aus 14 Vorschlägen gewählt
  • Kulturerbe-Liste soll ehrenamtliches Engagement stärken
  • Fünf weitere Traditionen stehen bereits auf der Liste

Das Landesinventar des immateriellen Kulturerbes in NRW ist um fünf Traditionen reicher. Das hat das Ministerium für Kultur am Freitag (13.04.2018) bekannt gegeben. Zukünftig sollen dort die Martinstradition, die Bolzplatzkultur, das Brieftaubenwesen, die Anlage und Pflege von Flechthecken sowie die Haubergswirtschaft, eine nachhaltige Form der Waldbewirtschaftung im Siegerland, geführt werden.

Eine Fachjury hat diese fünf Traditionen aus 14 Vorschlägen ausgewählt, die online sowie auf Veranstaltungen von Museen, Vereinen und Bürgerinnen und Bürgern gemacht wurden. Dabei werden Traditionen, die dem klassischen Kulturbegriff entsprechen, genauso berücksichtigt wie solche aus den Bereichen Umwelt oder Jugendkultur.

Diese Traditionen gehören zum Kulturerbe NRW

Seit 2014 benennt das NRW-Kulturministerium Traditionen für das immaterielle Kulturerbe, die einen besonderen Bezug zum Land haben.

ARchiv: Brieftaube auf einer Messe

Besonders im Ruhrgebiet ist das Brieftaubenwesen beliebt: Es umfasst die Haltung und Zucht sowie Wettbewerbe im Hinblick auf Distanzflug und Schönheit. Für das Land NRW ist klar: Diese Tradition gehört zum immateriellen Kulturerbe.

Besonders im Ruhrgebiet ist das Brieftaubenwesen beliebt: Es umfasst die Haltung und Zucht sowie Wettbewerbe im Hinblick auf Distanzflug und Schönheit. Für das Land NRW ist klar: Diese Tradition gehört zum immateriellen Kulturerbe.

Genauso wie die Bolzplatzkultur. Ihren Ursprung hat diese in den städtischen Milieus der 1920er Jahre und wird bis heute - hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen - gelebt.

Jedes Jahr im November gibt es in den Städten und Gemeinden in NRW Umzüge, Feiern und Gesänge, die sich mit der Gesichte von Sankt Martin beschäftigen. Eine moralische Botschaft der Nächstenliebe - und somit ein wichtiger Teil des Kulturerbes.

Etwas weniger bekannt dürfte dagegen die Anlage und Pflege von Flechthecken sein. Doch auch diese besondere Technik des Knotens, die so für "lebende Zäune" sorgt, ist laut Kulturministerium eine wichtige Tradition im Land.

Flechthecken werden seit Jahrhunderten erstellt. Die Hecke liefert Brennholz, Nüsse und Laub für das Vieh. Zudem lockt sie Tiere wie Mäuse, Rebhühner und Hasen an.

Im Siegerland bewirtschaften Mitglieder der Waldgenossenschaft Fellinghausen einen 20 Hektar großen Niederwald nach dem Verfahren ihrer Vorfahren. Die nachhaltige Form wird seit Jahrhunderten weitergegeben. Das Prinzip der Haubergswirtschaft ähnelt der Fruchtfolge auf dem Acker. Allerdings umfasst ein Zyklus beim Hauberg 20 Jahre.

Zu den Bräuchen, die schon länger als Kulturerbe NRW gelistet sind, gehört die Flussfischerei an Rhein und Sieg. Die Fischerei-Bruderschaft zu Bergheim an der Sieg hat sich der Pflege des Naturschutzgebietes Siegaue verpflichtet. Zudem übermitteln sie Handwerkskenntnisse und historische Fischfangtechniken.

Der Rheinische Karneval gehört zu den "großen kulturellen Ausdrucksformen" des Landes und "schafft eine generationenübergreifende Gemeinschaft", so die Jurybegründung. Seit 2014 ist er auf der Liste.

Auch das Schützenwesen in NRW ist nach Ansicht der Jury "integrierend und identitätsstiftend" und prägt das lokale kulturelle und soziale Leben.

Doch es gibt auch lokale Bräuche und Traditionen, die es zum Landesinventar für das immaterielle Kulturerbe gebracht haben. Etwa den Osterräderlauf im lippischen Lügde...

...oder das Maiabendfest in Bochum, das dort seit dem 18. Jahrhundert stattfindet.

Ehrenamtliches Engagement stärken

Finanzielle Vorteile bringt die Aufnahme in die Liste nicht. Allerdings erhält man eine Urkunde und darf ein Unesco-Siegel führen. "Die Beteiligten empfinden da natürlich Stolz und es gibt ihnen Motivation", so der Juryvorsitzende Johannes Lierenfeld zum WDR. Die Kulturerbe-Liste wird in NRW seit 2014 geführt. Sie soll laut Kulturministerium die Sichtbarkeit der kulturellen Vielfalt verbessern und das ehrenamtliche Engagement stärken.

Sankt Martin wird Kulturerbe: "Im Rheinland in allen Orten und durch alle Generationen verbreitet"

WDR 2 | 16.04.2018 | 03:22 Min.

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Für René Bongartz aus Brüggen ist die Martinstradition eine "Herzensangelegenheit". Für ihn ist klar: "Es gibt keinen Brauch, der im Rheinland weiter verbreitet ist." Seit Jahren hat er sich darum bemüht, dass es die Martinstradition auf die NRW-Liste schafft, entsprechend glücklich hat ihn die Entscheidung gemacht. Doch das soll nur der Anfang sein: Auf lange Sicht soll der Brauch, so der Plan, UNESCO-Kulturerbe werden.

Fankultur nein, Bolzplatzkultur ja

Der Auswahl gingen zum Teil längere Diskussionen voraus, berichtet Lierenfeld. So habe es schon vor zwei Jahren den Versuch gegeben, die Fankultur im Fußball aufzunehmen. Dies habe die Jury mit Verweis auf Auswüchse wie Gewalt und Pyro-Exzesse jedoch abgelehnt. Nun wurde der Antrag modizifiziert und auf die harmlosere Bolzplatzkultur bezogen.

Bislang bestand das Landesinventar aus fünf Traditionen: Das Schützenwesen, der rheinische Karneval, die Flussfischer an Rhein und Sieg sowie das Bochumer Maiabendfest und der Osterräderlauf in Lügde.

Stand: 16.04.2018, 13:40

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