Frauen wollen mehr Macht

Katholische Laien wählen neuen Chef

Frauen wollen mehr Macht

Wer führt künftig die katholischen Laien? Zwei Politiker aus NRW stellen sich bei der ZdK-Hauptversammlung am Freitag (20.11.2015) zur Wahl. Wie positionieren sie sich bei Fragen zu Frauen, Geschiedenen, Schwangerschaftsberatung und Homosexuellen? Ein Interview mit WDR-Religionsexperte Theo Dierkes.

WDR: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wählt heute einen neuen Präsidenten. Welche Baustellen warten auf die neue Führung?

Theo Dierkes: Die größten Baustellen für den neuen Präsidenten oder die neue Präsidentin sind die gleichen wie die alten. Der enorme Vertrauensverlust innerhalb der katholischen Kirche nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle 2010 und den Vorgängen um Bischof Tebartz-van Elst 2013 muss bewältigt werden.

WDR: Wie kann das Vertrauen denn wiederhergestellt werden?

Dierkes: Der bisherige ZdK-Präsident Alois Glück hat mit vielen Stellungnahmen schon gute Arbeit geleistet. Und die gesamte katholische Kirche hat sich in einen Dialogprozess begeben. Gemeinsam wird nach Wegen gesucht, um das Vertrauen in der Bevölkerung und vor allem bei den eigenen Katholiken wieder herzustellen.

WDR: Wie können die Laien das Vertrauen zurückgewinnen?

Theo Dierkes

WDR-Religionsexperte Theo Dierkes

Diekes: Der politische Arm der Laien ist das ZdK. Hier wird über Stellungnahmen beispielsweise zur Sterbehilfe entschieden. In diesem Gremium sitzen 220 Delegierte, die sich zwei Mal jährlich treffen und ausführlich verschiedene politische, aber auch innerkirchliche Themen diskutieren. Was sie nicht sein wollen, ist eine Art innerkatholische Opposition. Das ZdK will vielmehr mit den Bischöfen zusammen in die Gesellschaft hinein sprechen.

WDR: Wie sieht es mit anderen Fragen aus, etwa bei der Wiederheirat von Geschiedenen, die vielen Gläubigen wichtig ist?

Dierkes: Das ZdK verlangt seit Jahrzehnten einen freundlicheren Umgang mit Geschiedenen, die erneut heiraten. Man merkt aber, dass sich die offizielle katholische Kirche mit einer Annäherung schwer tut. Alle hoffen nun auf den Papst, dass er den entscheidenden Fortschritt bringt.

WDR: Welche Möglichkeiten hat der neue Präsident, die Forderungen der Laien etwa zur Gleichbehandlung von Homosexuellen, Wiederverheirateten und Frauen in kirchlichen Ämtern zu forcieren?

Dierkes: Es gibt Theologieprofessoren, die sagen, die Kirche atmet in Jahrhunderten. Das trifft auch auf diese Fragen zu. Die Themen werden ewig diskutiert. Es gibt die Hoffnung auf Fortschritt mit diesem Papst. Es ist bei der Familiensynode in Rom aber auch sehr deutlich geworden, dass etwa eine Segnung von Beziehungen von Wiederverheirateten mit der asiatischen und afrikanischen Kirche nicht denkbar ist. In Deutschland ist die Position aber eindeutig: Wir brauchen eine Öffnung der katholischen Kirche.

WDR: Wie kann diese aussehen?

Diekes: Die katholischen Laien fühlen sich spätestens seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Gespräch ernster genommen. Bis dahin gab es Denkverbote, beispielsweise durfte Frauenpriestertum überhaupt nicht angesprochen werden. Heute fordert der ZdK zwar kein Priestertum, aber ein gleichwertiges Diakonat für Frauen. Hier blickt man auf die nächste Amtsperiode des Präsidenten oder der Präsidentin, von der man hier Entwicklungen erwartet.

WDR: Was wird noch vom neuen Chef erwartet?

Dierkes: Im kommenden Jahr steht der Katholikentag in Leipzig an, der vom ZdK organisiert wird. Dort fehlt aber im Moment ein Bischof, was eine etwas unglückliche Situation ist. Die zweite unglückliche Situation ist, dass es für den Katholikentag 2018 in Münster Finanzierungsprobleme gibt. Denn der Rat der Stadt Münster verweigert die vom ZdK gewünschten finanziellen Unterstützungen. Das Thema muss geklärt werden, warum man im sehr katholischen Münster die Mittel verwehrt.

Die Kandidaten

Die Bundestagsabgeordnete Maria Flachsbarth (CDU) ist Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium. Außerdem ist die gelernte Tierärztin Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB). Thomas Sternberg (CDU) ist Landtagsabgeordneter in NRW und leitet die Katholische Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster.

WDR: Inwieweit unterscheiden sich die beiden Kandidaten?

Dierkes: Maria Flachsbarth und Thomas Sternberg sind beides gebürtige Westfalen, stammen aus einem bodenstämmigen Katholizismus und sind CDU-Mitglied. Es hat noch nie einen SPD-Präsidenten der katholischen Laien gegeben. Das zeigt, dass die Bande zwischen der CDU und dem ZdK noch immer eng sind. Obwohl beispielsweise Wolfgang Thierse von der SPD schon lange Mitglied im ZdK ist.

WDR: Dann unterscheiden sich die Präsidentschaftskandidaten nur hinsichtlich ihres Geschlechts?

Dierkes: Der größte Unterschied liegt tatsächlich in der Rolle von Mann und Frau. Sternberg fordert schon auch das Diakonat für die Frau. Aber die Frauen sind deutlich stärker geworden und eine antreibende Kraft im ZdK geworden. Deshalb wollen sie eine Präsidentin stellen. Selbst als klar war, dass Sternberg kandidieren wird, haben sie noch eine Findungskommission eingesetzt, um eine Frau zu nominieren.

WDR: Was sind denn die Themen der katholischen Frauen?

Dierkes: Mehr Mitbestimmung bei der Wahl der Bischöfe und bei der Verwendung des Geldes in der Kirche. Klareres Entgegenkommen in moraltheologischen Fragen. Flachsbarth steht aber auch dafür, dass Frauen nicht nur in den Gemeinden viele Arbeiten übernehmen, sondern auch in Ämtern politische Verantwortung übernehmen.

WDR: Wer hat die besseren Chancen auf das Amt?

Dierkes: Ich sehe die besseren Chancen auf der Seite von Maria Flachsbarth. Sie ist die Vertreterin der starken Frauen im Zentralkomitee und sie ist die höherrangige Politikerin. Flachsbarth ist Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium und Bundestagsabgeordnete, während Sternberg Landtagsabgeordneter in NRW ist.

Das Interview führte Anke Fricke.

Stand: 20.11.2015, 06:00