Podcast-Host Daniel Donskoy vor dem Schriftzug "Freitagnacht Jews"

Folge 1: Party Jews – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland 

Stand: 01.04.2022, 08:00 Uhr

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Was gibt es eigentlich zu feiern in diesem so feierlichen Festjahr? Wir haben Menschen gefragt, die sich so richtig auskennen. Gemeinsam mit Pia Lamberty, Laura Cazés, Samuel Salzborn und Burak Yılmaz haben wir uns die Partyhüte aufgesetzt.

Daniel Donskoy: Hallo, mein Name ist Daniel Donskoy – und ich bin Jude. Wenn Sie jetzt noch nicht abgeschaltet haben, dann sind sie hier richtig. Wir sind der einzig wahre Podcast, der sich mit dem Lieblingsthema aller Menschen in Deutschland beschäftigt: den Juden – naja, dem Antisemitismus – naja, der medialen Berichterstattung über antisemitische Vorfälle – naja, den Social-Media-Kämpfen und den Informationen beziehungsweise Desinformationen über Israel und Palästina – mit dem BDS, den Querdenkern, den mutmaßlich antisemitischen Moderatorinnen, mutmaßlich jüdischen Publizisten, mutmaßlichen Sophie Scholls und Janas aus Kassel, dem Zentralrat der Juden, den Weisen von Zion und den Abgründen der Medienwelt ...

HIER IST DER FREITAGNACHT-JEWS-SPEZIAL-PODCAST!

Letztes Jahr als wir noch eine kleine sensible, in der Pubertät steckende Mediathek-Sendung des Öffentlich-Rechtlichen waren, dann aber auch am Freitagabend in der Nacht im Fernsehen laufen durften – hatten wir noch was zu Lachen. Doch dann kam das Leben… die fucking Realität, und die ist in den vergangen Monaten – wie soll man es anders sagen – ziemlich beschissen gewesen, wenn es um uns Juden ging. "Jesus Fucking Christ!" 

Samira El Ouassil: Die erste Staffel Freitagnacht Jews finden sie in der ARD Mediathek. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Lieblingsrabbi oder einen Antisemiten ihrer Wahl. 

Daniel Donskoy: Ob mit unseren Gästen in Staffel 1 – oder im wahren Leben – oft versuchen wir den Antisemitismus, der durch wirklich jede Gesellschaftsschicht durchsickert, auszublenden. Doch der Versuch ist gescheitert. "Der Versuch ist gescheitert, denn Antisemitismus gehört zu Deutschland - wie der Islam."

Antisemitismus findet seinen Weg in fast alle Ecken und Winkel der Gesellschaft – tropft dabei gerne mal von der gut bürgerlichen Decke mitten in Oma Bertas alte Kaffeekanne – oder ein kleiner Rest hängt dem Papa Uwe neben der Leberwurst noch vom gut gestutzten Schnauzer. Antisemitismus macht auch vor deinem Kumpel Ahmad keinen Halt, oder ist Annika von der Antifa manchmal näher als Rosa Luxemburg – manchmal kommt Antisemitismus auch einem Schmierblatt-Juliennen mal gelegen, um ein bisschen Rassismus zu produzieren.  

Halt Stop! Habe ich etwa vergessen zu erwähnen, dass wir eigentlich gerade feiern? Ja, wir stecken immer noch mitten in den Festivitäten zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Klingt komisch? Ja, finde ich auch…   

Samira El Ouassil: Seit 1700 Jahren leben Juden auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Am 11. Dezember 321 erließ Kaiser Konstantin ein Edikt, das den Kölner Ratsherren die Berufung von Juden in den Stadtrat erlaubte. Dieses Schriftstück gilt als der älteste Nachweis über jüdisches Leben nördlich der Alpen. 

Daniel Donskoy: … ja, ohne deutsche Bürokratie gäb’s wahrscheinlich auch keine Juden – keine Juden, kein Antisemitismus - Problem gelöst! Ah nee stimmt, das hat ‘39-45 auch nicht funktioniert. 

Na gut.. dann zurück zum Thema Feiern! Wir wollten uns mal ganz genau angucken, was dieses feierliche Jahr so gebracht hat - eine Art Jahresrückblick und Ausblick auf das, was da noch so kommen mag – an Geschichtsrevisionismus, an Instrumentalisierung von Antisemitismus, um rassistische Ressentiments zu verbreiten. Ja, ich weiß, alles schwere Worte, aber glauben Sie mir. SIE BRAUCHEN DIESEN PODCAST MEHR ALS ICH! Vier Folgen. Viele Gäste! 

In diesen vier Folgen des Freitagnacht Jews Spezial Podcasts werden Menschen zu Wort kommen, deren Meinung manchmal nicht weiter auseinander sein könnten. Manchen von ihnen wird es schwer fallen, die Hamas als Terrororganisation zu bezeichnen. Andere sind fast zu konservativ für sehr, sehr linke Zeitungen. Manche schreiben sehr gerne Meinungsstücke über Israel – andere wiederum haben einfach nur einen palästinensischen Background.  Aber keine Sorge, auch wenn Sie Israel einfach nur blöd finden, Juden hassen und ihnen allen den Tod wünschen, kommen Sie hier auf ihre Kosten. 

Wir haben mit ihnen gesprochen, den Juden und "den Anderen". Wir haben um Meinungen gebeten. Manche sind unserer Einladung gefolgt. Über die Gründe derer, die unsere Einladung ablehnten, können wir nur munkeln. Wir haben sie gesucht und gefunden! Die "Judenthemen des Jahres"! Das Beste aus Deutschland, Israel und den besetzten Gebieten! 

Samira El Ouassil: Meine, Damen, Herren, Menschen! Die Podcast-Sensation aus dem Herzen der deutschen Hauptstadt! Ihre Eintrittskarte zum Club der Schönen, Reichen und Juden! Freitagnacht Jews – Der Podcast mit Daniel Donskoy – das Spezial zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" – eine vierteilige Produktion von Turbokultur im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks. Folge 1: Party Jews! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Was wird überhaupt gefeiert?  

Daniel Donskoy: Herzlich Willkommen zur ersten Folge: PARTYYYYYY JEWWWWWS! Ja und es gab so viel zu feiern: Antisemitismus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ("Wieso sind in Sachen Humor die Juden den Frauen zwei Nasenlängen voraus?"),  Israel-Hass auf deutschen Straßen (Gelsenkirchen), ein mutmaßlich lügender Jude in Leipzig (Berichterstattung zu Gil Ofarim) – aber vielleicht hat er ja doch nicht gelogen, der kleine Jude? – Kommt da nicht direkt schon Partystimmung auf?  

Dank einer Vielzahl von nicht immer gut geschriebenen Essays durften wir in den letzten Monaten endlich verstehen, wer aufgrund seiner Mutter ein echter Jude ist – und aufgrund seines Vaters eben nicht. ("Ich bin ein schlechter Jude...") Also wir vom Freitagnacht Jews Team, wir hatten tatsächlich was zu feiern. Wir durften den Deutschen Fernsehpreis mit nach Hause nehmen. ("Nominiert: ein Mann, eine Frau und ein Jude.")  

Also eigentlich doch alles gut. Juden dürfen im Fernsehen mit anderen Juden sprechen. Na gut, danach kriegt man zwar die Inbox nicht mehr frei von Hassnachrichten aber hey, "Sieg Heil!" 2021 war ein Jahr der Blütezeit für Antisemitismus im pandemisch aufgewühlten Deutschland – Oder vielleicht war alles gar nicht so schlimm. Übertreibe ich? Ist mein Blick zu eng? Liegt's an der fehlenden Vorhaut?  

Lisa Schreckhart [Parodie]: Wissen Sie eigentlich, warum der Jude immer so notgeil ist? Immer so rollig, so aufgerieben? Na weil er keine Vorhaut hat und seine Eichel beständig an seiner Schnellscheißerhos’n reibt. Deswegen will er den Frauen beständig an die Wäsche… und bestimmt hat sein beschnittener Johannes auch irgendwas mit der Größe seiner krummen Nase zu tun. Oder etwa nicht? 

Daniel Donskoy: Liebe Zuhörerinnen, Liebe Zuhörer, erinnert Sie diese Performance an irgendwas oder irgendwen? Vielleicht sogar an ihren eigenen Humor? Dann schreibt’s uns doch auf Twitter! Oder per Leserbrief an den WDR!

Dabei fing das Jahr doch so gut an! Wir hören jetzt Dr. Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit einem Grußwort aus dem Februar 2021: "Ich bin optimistisch: So wie wir es hinbekommen werden, die Corona-Pandemie zu bewältigen, so können wir die Bevölkerung auch stärker gegen Antisemitismus immunisieren."

Mit der Immunisierung hat das im vergangenen Jahr noch nicht so richtig geklappt, denn es gibt da so eine Gruppe von Menschen, die sich nicht immunisieren lassen wollen - weder gegen Corona noch gegen Antisemitismus. Ein absolutes Musthave der Querdenker Fashionweeks von Berlin bis nach Hagen und Nürnberg ist der Gelbe Stern am Revers. Eine Reminiszenz an Donatella Versace? Eher nicht.

Die Verschwörungserzähler, die Querdenker, die Schwurbler, die Holocaustverharmloser – und inmitten der Protestbekundungen: jede Menge Rechtsextremisten, die sich neben Bill Gates, 5G-Chips, Reptiloiden oder Chemtrails auch an antisemitischen Stereotypen und Narrativen bedienen. Wie man da durchblickt? Man trifft Pia Lamberty. 

Samira El Ouassil: Pia Lamberty, Sozialpsychologin und Geschäftsführerin der CeMAS - dem Center für Monitoring, Analyse und Strategie. Sie und ihre Kolleg:innen analysieren Verschwörungserzählungen, Desinformation, Rechtsextremismus und Antisemitismus im digitalen Raum. 

Daniel Donskoy: Ich wollte von Pia vor allem wissen, inwieweit Antisemitismus in der Verschwörungsideologie der sogenannten Querdenker vorkommt.

Pia Lamberty: Ja, also um es runter zu brechen: Es gibt sicherlich eh viele verschiedene Perspektiven, aus denen man antworten kann, meine ist ja immer so eine psychologische. Und da gibt es sogar Modelle, in denen wirklich in allen möglichen Ländern gefragt wird: Womit assoziierst du auch Jüdinnen und Juden? Und die werden immer dann eher als kalt und als mächtig beschrieben. Das ist so das Stereotyp, was mit Jüdinnen und Juden assoziiert wird, das Vorurteil, das da ist. 

Und das passt dann halt perfekt in dieses verschwörungsideologische Narrativ. Die da oben haben einen geheimen Plan und wollen die Welt beherrschen. Und wenn man noch mal so ein bisschen genauer hinguckt, hast du ja ganz häufig die Politik, die Wissenschaft, die werden immer so als die Handlanger quasi dargestellt, dieser unsichtbaren Gruppe, die im Hintergrund die Fäden zieht. Das sind ja die Bilder und da sind wir halt immer mit einem Fuß, auch im Antisemitismus, wenn nicht mit beiden voll drin. 

Daniel Donskoy: Wir hören immer wieder von Holocaust-Relativierung, aber wird der Holocaust innerhalb der Querdenken-Bewegung vielleicht sogar in Frage gestellt?  

Pia Lamberty: Also Querdenken ist ja eh immer nur so eine Subgruppe, innerhalb dieses Milieus und eine, die auch immer mehr zerbröckelt ist. Und da hast du halt Leute, die die Shoa leugnen, die sagen, das hat nicht existiert, und dann wird das so graduell. Man stellt es auf eine Ebene mit den aktuellen Corona-Maßnahmen beispielsweise. Und damit öffnet man ja genau die Tür zu einer Holocaustleugnung, bewegt sich da ja auch immer mehr rein und das sieht man da schon auch einfach. Also es gibt da ja auch ganz klare Verquickungen mit einer Neonaziszene, die in unterschiedlichen Arten sagen, die Shoah hat es nicht gegeben oder sie als legitim darstellen. 

Daniel Donskoy: Pia, schaust du mit Besorgnis auf die Radikalisierung, die gerade geschieht? 

Pia Lamberty: Oh ja, ja, also ich blicke eh von Anfang an mit Sorge auf das, was ich sehe. Ich habe da ja auch wie viele andere, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, früh vor gewarnt, dass es nicht nur ein Problem geben wird beim Impfen, sondern auch was Gewalt angeht, was Antisemitismus angeht. 

Aber ich finde die Verschärfung gerade wirklich teilweise selber auch beängstigend zu sehen, dass auf einmal überall diese Demonstrationen aus dem Boden poppen. Dass du wirklich auch in kleinen Orten auf einmal 1.000 Leute hast, die auf die Straße gehen, die dann kein Problem haben, mit wirklich Neonazis zu marschieren. 

Daniel Donskoy: Mann, Mann, Mann… Pia ist doch schon ein ziemlicher Party Pooper. Wir haben die Folge doch nicht umsonst Party Jews genannt. Die CeMAS – informativ, aber wenig Fun – dafür gibt es bei Jew Advisor nur zwei von fünf gelben Partysternen. Aber irgendwas muss es doch zu feiern geben! Einer Person, der ich sofort fünf gelbe Partysterne geben würde, ist meine Freundin Laura Cazés, die ihr sicherlich schon aus Staffel 1 von Freitagnacht Jews kennt.

Samira El Ouassil: Laura Cazés ist Referentin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und war 2021 besonders aktiv im Off- und Online-Kampf gegen Antisemitismus. Die Zentralwohlfahrtsstelle, kurz ZWST, ist der soziale Dachverband der jüdischen Gemeinden. Ähnlich wie die Caritas oder die Diakonie kümmert sich die Zentralwohlfahrtsstelle um die vulnerablen Gruppen innerhalb der jüdischen Community. 

Daniel Donskoy: Na Laura, hattest du was zu feiern? 

Laura Cazés: Es ist lustig: Ich habe mit meiner Mutter vor einer Woche drüber gesprochen. Die sagt da: "Also irgendwie, das war schon enttäuschend." Und dann habe ich sie gefragt: "Was hast du dir denn erhofft?" 

Daniel Donskoy: Ach komm schon Laura, irgendwas Schönes muss es doch gegeben haben.  

Laura Cazés: Also, ich glaube auch, dass in diesem Fest sehr viel sichtbar geworden ist, an diversen Stimmen oder auch an Initiativen. Manche besser, manche gelungener, manche ein bisschen unbeholfener. Andere haben Juden überhaupt nicht inkludiert. Aber ich glaube gewissermaßen, und auch wenn man so fragt: Okay, was war jetzt eigentlich der Sinn dieses Festjahres? Dann ist das ein Stück weit schon gelungen. Wenngleich es natürlich so ist, dass die Hoffnung oder die Erwartungshaltung, Antisemitismus in irgendeiner Form mit einer solchen breit angelegten Initiative bekämpfen zu können, ein naiver Glaube ist. 

Daniel Donskoy: Nach so viel Konfetti wollte ich Laura nicht vorenthalten, was wir für eine charmante Formatbeschreibung für die Folge der ersten Staffel erhalten haben, in der Laura meine Gästin war. (Eine Nachricht eines anonymen Bewunderers – Zitat:) 

"Zwei Jüdinnen betreten das Studio. Sie laufen da ein wie Julius Cäsar in Rom nach seinem Feldzug gegen die Gallier. Der kleine Schwuchtel-Juden-Bub darf den koscheren Drecksfraß servieren. Der Jude kann nicht kochen. Als Nagetier kann er nicht mal richtig essen. Das Interview mit den zwei Hexen, die Juden-Hexen-Mütter, gestört von Hass, besessen von Rache gegen alles seit ihrem Trauma. Die Juden-Mutter ist die treibende Kraft des Bösen." Findest du das eine passende Formatbeschreibung für Freitagnacht Jews? 

Laura Cazés: Ja, absolut. Kommt auf die Perspektive an, aus der man auf diese Show guckt (lacht). Das ist durchaus schon eine sehr kreative Beschreibung dieser Zuschreibungen. Das habe ich auch so noch nie gehört. Was ich erstmal ganz interessant fand war, dass für viele Menschen, die nicht selber jüdisch sind, erstmal so dieses neue Format interessant war, dass Jüdinnen und Juden überhaupt so wahrgenommen werden. Und es gab aber schon auch innerhalb der jüdischen Community Leute, die gesagt haben, ihnen ist das ein bisschen zu viel.  

Lisa Schreckhart [Parodie]: Da schau her! Da verweigert der Jude die prall gefüllte Zitze des Staatsfunks - da gibt man dem Juden schon mal eine eigene Sendung, eine Chance, seine Mischpoke zur Schau zu stellen… und dann ist es ihm auch wieder nicht recht. 

Daniel Donskoy: Ja, Lisa… In Fernsehen, Funk und Internet wurde in diesem Jahr wirklich viel über jüdisches Leben gesprochen und viel gezeigt – aber was genau ist davon in den Köpfen der Menschen angekommen, was ist hängengeblieben? Am Ende der meisten Berichte, Dokus, Filme und Festakte ging es dann doch vorwiegend um Antisemitismus. Wurden dadurch Jüdinnen und Juden noch mehr darauf reduziert? Bleibt es dadurch nicht dann einfach bei "Juden gleich Antisemitismus"? Na gut: Antisemitsmus, Palästina, Rothschild und Hitler. 

Vor einiger Zeit sah ich Laura im sehr empfehlenswerten Dokumentarfilm "Die Sache mit den Juden". "Ständig wird man gefragt: Aber ist das wirklich Antisemitimus? – weil der Antisemitismus, den Menschen hier in Deutschland mit dem Hass gegen Juden assoziieren, der ist in ihren Köpfen mit der Gaskammer assoziiert." Und ich wollte von Laura wissen, was genau sie damit meinte? 

Laura Cazés: Naja, ich meinte vor allem, dass dadurch, dass die Alltagserfahrung von Jüdinnen und Juden so wenig Eingang in öffentliches Verständnis darüber finden, was Antisemitismus ist. Der durchschnittliche Bürger in Deutschland Antisemitismus assoziiert mit dem, was er oder sie, wenn überhaupt, dann in der Schule gelernt hat oder mit Juden assoziiert, nämlich die Vernichtung von Juden. Das ist dermaßen entpersonalisiert und sowas von nicht zusammenbringbar mit einer alltäglichen Person, die genauso aussieht wie ich, die so spricht wie ich oder auch nicht. Oder vielleicht auch eben nicht Weihnachten, sondern Chanukka feiert. Aber vor allem ist eben Antisemitismus ein unglaublich großes entpersonalisiertes, statisches Konstrukt, das auch gar nichts mit mir zu tun hat. Auch nicht, wenn ich Deutscher bin und meine Eltern und Großeltern auch. Das hat nichts mit mir zu tun - etwas zynisch gesprochen. 

Es hat gar nichts mit überhaupt niemandem zu tun. Aber deshalb ist es auch wenn wir nur von Antisemitismus als dem absoluten Superlativ sprechen, nämlich der Vernichtung, dann können wir das auch super gut von uns weghalten. Dann kann ich gar nicht antisemitisch sein. Weil so ein bodenloses Menschheitsverbrechen in dem Menschen – Triggerwarnung! – vergast und zu Seife verarbeitet wurden, das ist etwas, das kann nichts mit mir zu tun haben. Interessant ist aber, wenn wir dann über Alltagsantisemitismus sprechen, kriegen die Menschen im Umkehrschluss auch nicht wieder zusammen, dass das, was bei jüdischen Menschen die Angst auslöst, wenn sie Antisemitismus wahrnehmen, das Wissen darüber, dass im Antisemitismus auch immer ein Vernichtungsbedürfnis innewohnt. Und es ist nicht nur eine Paranoia. 

Das darf man auch nicht vergessen, auch in so einem Festjahr, in dem auch Kontinuitäten der Diskriminierung, Kontinuitäten der Verfolgung, Kontinuitäten der Angst in den Familien sich auch noch mal fortschreiben, dass daraus auch etwas erwachsen ist, nämlich ein junges jüdisches Selbstverständnis, dass sich das auch nicht mehr alles gefallen lässt.  

Daniel Donskoy: Ja oder nein? Mit Laura Cazés: Juden fühlen sich in Deutschland sicher.  

Laura Cazés: Nein.  

Daniel Donskoy: Wir haben viel gegen den Antisemitismus getan. 

Laura Cazés: Nein. Wer ist wir? 

Daniel Donskoy: Wir. Die Mehrheitsgesellschaft. 

Laura Cazés: Nein. 

Daniel Donskoy: Nächste Frage: Sind Juden mächtig? 

Laura Cazés: Nein. 

Daniel Donskoy: Wie nein? 

Laura Cazés: Schade, ne? Nein. Sie sind einfach nur ganz normale Menschen. 

Daniel Donskoy: Ja klar, normale Menschen… haha. Ja, junges jüdisches Leben ist im letzten Jahr sicherlich sichtbarer geworden – und vielleicht lassen sich einige Juden auch weniger sagen als zuvor, aber zugleich werden junge Mitglieder der jüdischen Community in Zeiten von Social Media auch zunehmend mit antisemitischen Äußerungen, Diskriminierung und Hass konfrontiert. Im Mai 2021 war es vor allem ein Ereignis, durch das auch in Deutschland der Hass gegen Juden angestachelt wurde: das erneute Aufflammen der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina. 

Samira El Ouassil: Der Israel-Palästina-Konflikt: Worum geht es? Wenn man die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts verstehen möchte, könnte man im Jahre 3500 vor Christi Geburt beginnen, bei der Gründung des Königreichs Israel, oder aber bei den Griechen, oder vielleicht den Römern. Man könnte aber auch ein paar Jahrtausende vorspulen: nach dem Ersten Weltkrieg und den Briten, welche die Kontrolle über das Gebiet übernahmen, das vor der osmanischen Herrschaft als Palästina bekannt war. Ein Name, der von den Philistern kommt… 

Zwischen den 1920er und 1940er Jahren wuchs die Zahl der nach Israel fliehenden Juden – einige kamen aus Europa und suchten zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust eine neue Heimat. 1947 stimmten die Vereinten Nationen für die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat. In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 lief um null Uhr das offizielle britische Mandat aus. Bereits kurz danach erklärten Ägypten, Transjordanien, Syrien, Libanon und Irak dem israelischen Staat den Krieg – es folgten weitere kriegerische Auseinandersetzungen, irgendwas mit einem Josef Arafat, Assad, Clinton, Putin, Selenskij, dies das Ananas… Friedensverträge, Siedlungspolitik, Libanon, 1. Intifada, 2. Intifada, Ibiza,  jadajadajada, mehr Siedlungen, Gaza wurde abgesperrt – woraufhin mehr Terrorismus der sogenannten Hamas folgte, der radikalislamischen Palästinenserorganisation. Im Westjordanland wurde die Berliner Mauer wieder aufgebaut. 

1990 wurde Daniel Donskoy in der Sowjetunion geboren. 2021 begleitete er den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei einem Staatsbesuch in Israel – weshalb er ein ausgezeichneter Jude ist, um hier über den Israel-Palästina-Konflikt zu sprechen. Ach ja, und im Mai 2021 ging's dann wieder richtig ab – irgendjemand hat geschossen, Ding Dong, Iron Dome.

Daniel Donskoy: Während also im Mai 2021 Raketen im Nahen Osten fliegen, gibt es auf deutschen Straßen anti-israelische Proteste. Auf manchen dieser Demonstrationen wird Juden explizit der Tod gewünscht. Dabei wird nicht unbedingt zwischen Juden in und außerhalb Israels unterschieden. Nicht nur in Deutschland passiert das. Weltweit erlebten Juden eine Welle des Hasses. Ich wollte von Laura wissen wie sie das sieht. Darf man Juden auf Israel ansprechen oder ist das antisemitisch? 

Laura Cazés: Nee, das ist erstmal noch nicht antisemitisch, darauf angesprochen zu werden. Dazu muss ich aber sagen, es ist was anderes, ob ich angesprochen werde. Ich bin eine Person, die sich dafür entschieden hat, auch als Person in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen oder meine jüdische  Perspektive, meine Perspektive als Jüdin in mein Sprechen mit einzubeziehen, das heißt, das ist natürlich schon mal eine Sache. Aber es gibt einen riesengroßen Unterschied auch in Bezug darauf, ob Personen, die vielleicht gar nicht preisgegeben haben, dass sie jüdisch sind oder nur in bestimmten privaten Kontexten preisgeben, dass sie jüdisch sind, wenn diese Person dann adressiert werden - das ist die eine Sache. Und die zweite Sache ist natürlich, in welcher Art und Weise werden jüdische Personen mit dem Nahost-Konflikt konfrontiert? Und werden sie in einer Art und Weise adressiert, in der sozusagen die Unterscheidung zwischen ihnen als Individuen und dem Staat Israel nicht mehr gemacht wird. 

Daniel Donskoy: Yo, ihr da draußen an den mobilen Apparaten – hattet ihr im letzten Jahr auch mal das dringende Bedürfnis, einfach mal so mit einem Juden oder einer Jüdin unbedarft über Netanjahu zu plaudern, ihn dann im Laufe des Gesprächs vielleicht mit Hitler zu vergleichen, um eine kritische Einschätzung der israelischen Siedlungspolitik zu bekommen? An alle Jews da draußen: I feel you! Auch ich durfte, konnte, neee, musste mich in diesem Jahr vermehrt zu diesem Konflikt äußern. 

Auch wenn ich im heutigen Russland geboren wurde, habe ich einen persönlichen Bezug zu Israel. Meine Familie lebt dort – und wenn Raketen auf Tel Aviv fliegen, dann muss meine Mama in den Bunker. Meine kleine Schwester muss momentan ihren Militärdienst in der Israelischen Armee leisten. Andere würden sagen, deine Schwester ist Teil der weißen Kolonialisten, die die ethnische Säuberung von Palästina vorantreiben. Ja, solche Menschen und solche Perspektiven gibt es tatsächlich. Und genau darauf kommt es an. Es kommt darauf an, wie man mit mir darüber spricht, faktenbasiert und mit Interesse an einem echten Austausch – oder ob man einfach seine Vorurteile bei mir abladen möchte. Das ist mir letztes Jahr an einem Set passiert. Zwischen zwei Szenen. Jemand kam zu mir und fragte mich, wie ich es finde, dass Israel mit deutschem Reparationsgeld einen Holocaust 2.0 an den Palästinensern vollzieht. Na, habt ihr nicht auch Bock auf so ein bisschen Shoa-Verharmlosung und Geschichtsrevisionismus am Arbeitsplatz? 

Es ist anstrengend und nicht fair als Jude in Deutschland die außenpolitische Pressestelle der israelischen Regierung spielen zu müssen. Denn wenn man wie Laura oder ich in der Öffentlichkeit steht, dann wird man vor allem bei solchen Konflikten von allen Medien nach seiner Meinung gefragt. 

Lisa Schreckhart [Parodie]: Sie wollen nichts mit den Medien zu tun haben – wieso? Ihr kontrolliert sie doch! Der Soros oder der Bill Gates - ich sag mal so: Juden ohne Geld, Immobilien oder Medien sind seltener als deutsche Männer ohne Vorhaut.

Daniel Donskoy: Ja, Lisa… wenn wir Juden nur tatsächlich so viel Einfluss hätten. Im vergangenen Jahr waren die antiisraelischen Proteste während der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas für mich wirklich nur schwer zu ertragen; nicht nur, weil dabei auf deutschen Straßen Israel-Flaggen verbrannt wurden, nein, sondern weil oftmals auch ein sehr pauschaler Judenhass zum Vorschein kam; (Stimmen sind zu hören: "Scheiß Jude!") weil wir dabei auch vor Synagogen Ausschreitungen erleben mussten – und Parolen wie "Juden ins Gas" gerufen wurden. Wieso das gerade in Deutschland besonders unangenehm ist, muss ich nicht weiter erklären, oder? Wir treffen Samuel Salzborn:

Samira El Ouassil: Samuel Salzborn, Politikwissenschaftler und Beauftragter des Landes Berlin für Antisemitismus.  

Daniel Donskoy: Herr Salzborn, in einem Interview mit der WELT sagten Sie im Mai 2021, sie beobachteten eine Radikalisierung. 

Samuel Salzborn: Also im Mai, Juni des Jahres 2021 haben wir eine ganze Reihe von antisemitischen Demonstrationen auf deutschen Straßen erlebt und das, was tatsächlich eine markante Veränderung meines Erachtens gewesen ist und auch von Anfang an ist, das ist dieser Umweg. Die soziologische Forschung spricht ja oft von sogenannter Umweg-Kommunikation, also der Antisemitismus wird auf einem Umweg kommuniziert in einem Feld, das eben öffentlich nicht so sehr in der Kritik steht, also zum Beispiel im Umweg der Orientierung gegen Israel. Dieser Umweg war aber verschwunden. Das heißt, diese Demonstrationen haben sich von Anfang an gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland gerichtet. 

Es gab Drohungen, es gab Übergriffe gegen Jüdinnen und Juden und gegen Synagogen. Und ganz, ganz klar die Orientierung auf Jüdinnen und Juden in Deutschland. Das heißt, das, was diese Radikalisierung ausgemacht hat, ist das meines Erachtens die Fassade. Und mehr ist es nicht. Die Fassade, sich hinter vermeintlicher Israelkritik zu verstecken, dass die weggebrochen ist und dass wir sehr, sehr offen gesehen haben, was zum Beispiel Jahre vorher im Jahr 2014 bei den antisemitischen Großdemonstrationen noch anders war. Da wurden natürlich auch offen direkt an Jüdinnen und Juden adressierte judenfeindliche Parolen gerufen. Aber nicht so klar, nicht so eindeutig sozusagen. Das ist der Grundkonsens dieser Veranstaltung - von Anfang an war und das ist, glaube ich, Ausdruck dieser Radikalisierung. 

Daniel Donskoy: Kritik an Israel und seiner Siedlungspolitik ist jederzeit legitim, aber in der Solidarisierung mit der palästinensischen Bevölkerung wurde zunehmend ein gewaltverherrlichender, zerstörerischer Antisemitismus sichtbar.

Wer nicht zwischen Israel als Staat und den Juden als Menschen trennt, sondern alles in einem großen Feindbild vermengt, der ist Antisemit – und wer in Israel den Ursprung alles Bösen sieht auch. Wem es wirklich um Solidarität mit marginalisierten Gruppen geht, sollte nicht mit Menschen demonstrieren, die eine andere Gruppe auslöschen wollen.  

Samuel Salzborn: Was wir glaube ich zunächst mal sehen ist, dass man natürlich über unterschiedliche Formen von Antisemitismus sprechen kann und sie auch mit konkreten Erscheinungen in Verbindung bringen kann, etwa den gegen Israel gerichteten Antisemitismus oder was für mich sehr deutlich geworden ist bei den Großveranstaltungen im Mai, Juni, im Jahr 2021 ist, dass eben ganz, ganz klar ist, dass hier unterschiedliche Varianten von Antisemitismus unmittelbar zusammenkommen und dass wir daran auch sehr, sehr deutlich sehen können, dass das natürlich ein Vorwand ist gegen internationale Entwicklungen. Die Politik in Israel ist ein Vorwand für Antisemiten und Antisemitinnen. Aber es ist eben nicht ein Anlass, um sich kritisch zu äußern, sondern es ist ein Vorwand, um Antisemitismus zu formulieren. Und ob der dann aus einem Schuld abwehrenden Kontext motiviert ist oder aus einem islamistischen Kontext oder einem arabischen Kontext oder einem rechtsextremen Kontext, ist am Ende völlig egal. Und insofern ist das ein Anlass und Vorwand, der genutzt wird, um antisemitische Ressentiments zum Ausdruck zu bringen. 

Daniel Donskoy: Wenn Salzborn von diesen Menschen auf diesen Demonstrationen spricht, und man sich anschaut, wer da mitmarschierte, dann lässt sich anhand der Bilder erkennen, dass es sich dabei vorwiegend um Menschen mit muslimischem und/oder arabischem Background handelte. 

Die mediale Berichterstattung sowie politische Aussagen über muslimischen Antisemitismus sind oft von Angst überschattet. Berechtigte und richtige Angst davor, dass Pauschalisierungen zu rassistischen Ressentiments gegenüber ALLEN Muslim:innen führen könnten. Oder aber auch die Angst davor, sich mit dem tatsächlichen Ursprung auseinanderzusetzen. Aufgrund dieser Angst wird die Problematik oft umschrieben – manchmal wird geschwiegen – oder eben pauschalisiert und mit dem Finger drauf gezeigt. Ausgewogene Dialoge über den Ursprung von Judenhass in einigen muslimischen und/oder arabischen Communities – sind eher selten. 

Und darüber möchte ich sprechen, erfahren wie man an diese Problematik herangehen kann – denn ich möchte es besser machen. Denn ebenso, wie es für mich unangenehm ist, wenn Menschen pauschal über "die" Juden sprechen, führt es natürlich überhaupt nicht weiter, wenn man pauschal von "den" Muslimen spricht, die gegen "die" Juden und Israel auf die Straße gehen. Ich wollte mit jemandem sprechen, der sich beruflich intensiv mit solchen Stereotypen beschäftigt – und bei meinen Recherchen bin ich auf Burak Yilmaz gestoßen.   

Samira El Ouassil: Burak Yilmaz ist Pädagoge und Teil des Beraterkreises von Dr. Felix Klein, dem Bundesbeauftragten für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus. Er fährt mit muslimischen Jugendlichen zu Holocaust-Gedenkstätten und erarbeitet mit ihnen Theaterstücke. Für sein Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus hat er von Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Seine Erfahrungen bei der Arbeit mit muslimischen Teenagern hat Burak Yilmaz vor kurzem in einem Buch veröffentlicht – unter dem Titel "Ehrensache. Kämpfen gegen Judenhass".  

Daniel Donskoy: Ich wollte von Burak wissen, wie diese Jugendlichen das wahrnehmen, wenn in solchen Zeiten in den Medien vor allem muslimisch gelesene Personen zu sehen sind. Was macht das mit ihnen? 

Burak Yilmaz: Also es macht sie vor allem wütend. Das, was ich erlebt habe als Reaktion zum Beispiel aus der Community auf diese Demos, dass sich viele darüber aufgeregt haben, dass sie total sauer waren, dass sie aber ganz genau wussten, boah nee, jetzt fängt wieder die Pauschalisierung an. Und jetzt geht es darum, dass die, die auf diesen Demos waren, stellvertretend für alle gesehen werden. Und was dann auch wiederum auf der anderen Seite ein Problem ist, wenn ich dann auch zum Beispiel zu diesem Thema Statements gebe, dann macht man immer so ein guter Moslem, böser Moslem Spiel und das will ich halt eigentlich nicht mitmachen.

Also ich bin nicht der gute Moslem, der über die bösen Muslime redet, sondern ich bin Pädagoge, der darüber redet, dass Antisemitismus in allen Gesellschaften vielleicht verschiedene Ursachen hat, aber dass in der Konsequenz jüdisches Leben halt bedroht wird. Und das halt sichtbar zu machen ist extrem anstrengend und das merken auch die Jugendlichen, mit denen ich zusammen arbeite. Und ich glaube halt, das, was ich interessant finde, ist, dass wenn sich Muslime antisemitisch verhalten, dann kann man auf einmal darüber reden. Da kann man auf einmal Talk-Shows dazu machen. Aber wenn sich Leute aus der Mehrheitsgesellschaft so verhalten, wie zum Beispiel Leute, die gewisse Sprachcodes wie Hans-Georg Maaßen verwenden, wo man irgendwie nicht drauf eingeht und so weiter, dann wird darüber nicht geredet. Und das ist halt das Interessante, dass man auf einmal, wenn die anderen in Anführungsstrichen sich antisemitisch äußern können, bin ich davon entlastet von dieser Verantwortung und kann dann mit dem Finger auf sie zeigen.  

Daniel Donskoy: Burak hat Recht: Eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft findet in den Medien weniger statt – außer es geht um das Thema der Holocaust relativierenden Querdenker. Medien des Axel Springer Verlags, wie die BILD-Zeitung oder die WELT sind jedoch immer vorne mit dabei, wenn es darum geht auf Antisemitismus im muslimischem Milieu hinzuweisen – oder auch auf missverständliche Berichterstattung zum Thema Israel/Palästina im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 

Was einerseits begrüßenswert ist, bringt in der Konzentration auf die muslimische Community die Gefahr mit sich, dass Antisemitismus instrumentalisiert wird und rassistische Ressentiments verbreitet werden – dieses Thema werden wir im weiteren Verlauf des Podcasts vertiefen. Aber man darf auch nicht davor zurückscheuen, diesen spezifischen, zum größten Teil islamistisch bedingten Antisemitismus innerhalb der muslimisch und oder arabisch gelesenen Community zu benennen. Zumeist ist dieser auf Israel bezogen.  

Doch wie kann man Antisemitismus innerhalb der muslimischen Community besprechen, ohne Vorurteile zu reproduzieren, ohne Rassismus zu befördern und den Leuten einfache Antworten zu liefern - à la: Ja, genau! Guck! Die sind’s!  

Burak Yilmaz: Man kriegt das hin, indem man zum Beispiel nicht nur Sprache benutzt, wie die saugen das mit ihrer Muttermilch auf. Das sind auch so Sprüche, die ich gehört habe. Und ich habe auch schon gehört, die haben das in ihrer DNA. Furchtbare Sprache, furchtbare Metaphorik. Und vor allem kriegt man es glaube ich halt auch gerade medial auch hin, wenn man natürlich auf der einen Seite differenziert dieses Problem halt benennt und vielleicht auch noch mal gut veranschaulicht, wie die unterschiedlichen Erscheinungsformen da sind, aber auf der anderen Seite auch nicht vergisst zu erwähnen, dass in den letzten zehn Jahren das Engagement gegen Rassismus unter Muslimen gestiegen ist. Also ich habe 2009 angefangen und hatte das Gefühl, ich habe das Gefühl, ich bin alleine. Bis auf ein paar Leute in Berlin habe ich irgendwie noch angeschrieben, die ich gesehen habe. Aber wenn ich das mit heute vergleiche, dass ich heute bundesweit in vielen verschiedenen muslimischen Organisationen auch am Start bin, dann ist das etwas, was mich auch stolz macht, weil sich das total geändert hat und weil ich merke, dass lokal die Leute verstanden haben, dass man zum Beispiel Begegnungen schaffen muss. Das war auch so ein Thema, was vor zehn Jahren noch sehr schwierig war.  

Daniel Donskoy: Gerade bei Aufklärungsarbeit braucht es unbedingt Identifikationsfiguren, Menschen, denen man gewillt ist zuzuhören – und ja, da hilft es natürlich, wenn die Figuren aus der eigenen Community kommen. Zurück zu Laura Cazés - auch sie hat in ihrer Arbeit mit den Perspektiven von Jugendlichen zu tun. Wie war es denn für jüdische Jugendliche während der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas, als weltweit auf Social Media einerseits eine Sympathiewelle mit der palästinensischen Zivilbevölkerung zu spüren war und gleichzeitig Hass gegen Jüdinnen und Juden befördert wurde. 

Laura Cazés: Das Problem ist: Jüdische Menschen sind eben mit diesen alltäglichen Erfahrungen beschäftigt und sind keine Expert:innen in Bezug auf Antisemitismus. Sie erkennen nicht immer, wenn sich eine bestimmte Ausprägungsform des Antisemitismus entwickelt, aber sie spüren es, wenn er ihnen widerfährt. Was krass ist mit den jungen Leuten, nach denen du mich gefragt hast, ist, dass die, wenn wir von Leuten sprechen, die jetzt auf TikTok unterwegs sind, also 15-Jährige, die haben das zum ersten Mal wirklich so wahrgenommen und die haben eben wirklich eine maßlose Überforderung wahrgenommen, weil sie auf der einen Seite genau wissen, dass das, was die meisten Leute, die das posten, gar nicht sie damit meinen - und gleichzeitig der Raum für sie unsicher wird.  

Lisa Schreckhart [Parodie]: Jaja, die Juden, die Moslems – die Moslems, die Juden – sind wir mal ehrlich: Es kann doch kein Zufall sein, dass nicht nur der Jude seine Söhne beschneidet, sondern auch der Muslim. Ja! Angeblich sind der Prophet Mohammed und auch sein Kumpel Moses ohne Vorhaut zur Welt gekommen – also gewissermaßen so eine Art unbefleckte Empfängnis für den Mann. Kommt daher der medizinische Ausdruck Phimose? Pfui-Moses? Und ich frage mich nur, woher man das weiß, wenn man sich doch vom Propheten kein Bild machen darf – vom kleinen Mohammed gibt es also doch Bilder oder wie soll ich das verstehen? Vielleicht reiben sich die Juden und die Muslime deshalb so gerne aneinander, weil sie wissen wollen, wer die kürzere Vorhaut hat?  

Daniel Donskoy: Ja, Lisa… Juden und Muslime arbeiten ja eigentlich heimlich zusammen, so ein krudes verschwörungs-mythologisches Narrativ hat im Jahr 2019 einen Terroristen in Halle dazu motiviert, Menschen in einer Synagoge hinrichten zu wollen. Und das am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Was kann uns Pia Lamberty dazu sagen? 

Pia Lamberty: Ja, also ich meine Halle ist ja ein ganz schreckliches Beispiel dafür. Der Attentäter in Halle hatte die Weltsicht, dass Muslime alle nach Deutschland kämen für einen angeblichen Bevölkerungsaustausch und dass Jüdinnen und Juden das alles orchestrieren würden. Und deswegen war das seine Legitimation für den Terroranschlag. Und das ist ja genau auch der Grund, warum terroristische Gruppen immer wieder Verschwörungsnarrative nutzen. Was man da macht, ist - also das war im Nationalsozialismus doch auch nicht anders: Man baut einen übermächtigen Feind auf, einen Feind, der so brutal ist, der so böse, so kaltherzig ist, dass man ihn nur zerstören kann. Man legitimiert damit in dieser Weltsicht auch jegliche Handlung, weil man ja glaubt, man sei der Gute und der andere ist der Böse. 

Und das zieht sich so durch. Guckt mal in die Gründungscharta der Hamas. Was steht da drin? Die Protokolle der Weisen von Zion. Auf die wird sich bezogen oder in der Ursprungsversion, um Gewalt gegen Jüdinnen und Juden zu rechtfertigen. Was die Hamas macht, ist Antisemitismus. Das ist ein brutaler Antisemitismus. Rechtsextreme Gruppen haben das und nutzen das für sich. Islamistische Gruppen nutzen das für sich. Das zieht sich so durch. Und ich glaube, deswegen muss einem einfach auch klar sein, wie Gewalt verherrlichend das sein kann, wie Gewalt legitimierend das sein kann und dass das schon einfach eine reale Bedrohungslage ist.  

Daniel Donskoy: Wie kann man sich dieses Paradox erklären, dass auf der einen Seite innerhalb der verschwörungs-ideologischen Szene die Juden die Bösen und Mächtigen sind, auf der anderen Seite sich Menschen einen gelben Stern anheften und schreiben "Ungeimpft", um sich dem Opferstatus von Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit zu bedienen. 

Pia Lamberty: Man kann ja auf unterschiedlichen Ebenen antisemitisch sein, auch gleichzeitig. Das geht ja ganz gut miteinander einher. Und ich glaube, viele sind sich dessen ja auch nicht immer bewusst. Also das ist ja auch bei anderen Formen der Diskriminierung von Menschen, dass man – "Ah, Rassist ich doch nicht!" – obwohl man selber vielleicht rassistische Inhalte verbreitet. Und ich würde sagen, hier ist es das gleiche. Auf der einen Seite erschafft man eine Gruppe, die ja überall auf der Welt außer Israel eine Minorität darstellt, eine Minorität, die häufig bedroht wird, die Opfer von Antisemitismus ist und dabei schafft, die als übermächtige Gruppe, die alles in der Welt lenkt, und hat so sein Feindbild und knüpft damit ja auch an jahrhundertealte Mythen an, es gibt so viele Verschwörungserzählungen zu Impfungen und Israel und das ist immer der alte Antisemitismus mit ein bisschen neuen Kleidern. Also ein bisschen upgedatet an die Jetztzeit, aber das ist eigentlich immer das gleiche.

Und dieser Geschichtsrevisionismus - also man klebt sich den Judenstern an den Arm, der erfüllt dann noch mal die Funktion, man ist halt ein Opfer eines unglaublich großen Verbrechens, dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Man will sich damit gleichsetzen und das überziehen und verharmlost damit eben auch gleichzeitig dieses Verbrechen deswegen, das vermutlich auch nochmal gleichzeitig eine Entlastungfunktion hat. Weil: "So schlimm war das ja dann alles nicht, wenn es so schlimm ist wie jetzt." 

Daniel Donskoy: Aber das ist nicht das einzige Paradox - in vielen der Antirassismusdebatten, die gerade geführt werden, bleiben jüdische Perspektiven oftmals unberücksichtigt. Wie sieht das Burak Yilmaz? 

Burak Yilmaz: Also das ist eigentlich so etwas das, was mir häufig auffällt, dass man zum Beispiel beim Thema Rassismus die verschiedenen Formen von Rassismus behandeln will, also antischwarzer Rassismus, antimuslimischer Rassismus, die man ja auch in ihrer Unterschiedlichkeit auch noch mal benennen muss und auch bekämpfen muss. Aber ich merk dann häufig, wenn es um das Thema Antisemitismus geht, dann geht es eigentlich sofort um Israel. Also dann geht es direkt darum, wie stehst du dazu? Das habe ich auch leider bei Lesungen, bei sogenannten antirassistischen Organisationen, dass ich eingeladen werde, um über Antisemitismus in Deutschland zu sprechen. Aber es geht die ganze Zeit um Fragen: "Warum darf man denn nicht Israel kritisieren in Deutschland?" Wobei Israel überall kritisiert wird.

Und da frage ich mich, warum kann man da keine Empathie entwickeln? Also wenn man ja sowieso dabei ist, Menschen beziehungsweise Opfer von rassistischer Gewalt eine gewisse Sensibilität da gesellschaftlich breit zu machen oder Perspektiven zu wechseln, warum klappt das in dem Kontext von Antisemitismus nicht? Und da bin ich dann eigentlich selber in so einem ziemlich großen Spagat, wo ich dann auch häufig selber auch manchmal total angegriffen werde, nach dem Motto: "Ja, redet doch mal über uns, also über uns Muslime zum Beispiel. Warum redest du immer über die Juden?" Aber was mir eigentlich wichtig ist in meiner Arbeit und was mir auch wichtig war in dem Buch: Für mich bedeutet der Kampf gegen Rassismus auch, den Kampf gegen Antisemitismus einzuschließen, weil ich möchte nicht, dass beide Phänomene gegeneinander ausgespielt werden, dass irgendwie beides unterschiedlich gewichtet wird. 

Oder man sagt: Das eine ist schlimm, das andere ist nicht so schlimm, sondern es geht ja letztendlich darum, dass diese beiden Phänomene unser Zusammenleben angreifen und vielen Menschen in diesem Land das Gefühl geben, dass sie nicht Teil des Ganzen sind, dass sie nicht Teil dieser Gesellschaft sind. Und ich glaube halt, dass wir diese Kämpfe auch zusammendenken müssen.  

Daniel Donskoy: Boah – Mann! Langsam wird alles wirklich deprimierend. Immer nur Antisemitismus, Antisemitismus – die Folge heißt doch “Party Jews”! Wo ist denn jetzt die verdammte Party?! Festjahr!! Das Ganze hier sollte doch eigentlich Spaß machen!  Burak Yilmaz – Funfaktor: 3 von 5 gelben Party-Sternen. Samuel Salzborn: 0 von 5 Party-Sternen. Na gut, der ist ja auch Politikwissenschaftler, die größten Downer auf jeder Party. 

Und vielleicht wissen diese ganzen Wissenschaftsbeauftragten für die jüdische Caritas, CeMas und wie sie auch nicht alle heißen, gar nicht, was in Deutschland eigentlich abgeht. Diese Sozialpsychologinnen und Berater. Kann ja jeder behaupten, dass Antisemitismus zugenommen hat – aber wer soll das schon so genau wissen?  

Samira El Ouassil: Hat der Antisemitismus in Deutschland zugenommen? Benjamin Steinitz ist Gründer und Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin – kurz RIAS – sowie Geschäftsführer des Bundesverbands von RIAS, die erste zivilgesellschaftliche Meldestelle für Antisemitismus in Deutschland.  

Daniel Donskoy: Laaaangweilig! 

Samira El Ouassil: Daniel, halt die Fresse! Benjamin Steinitz sagt, dass es aktuell allein in Berlin durchschnittlich pro Tag zu 3 antisemitischen Vorfällen kommt, das heißt rund 1.000 im Jahr – wobei es sich um online über die Website www.report-antisemitism.de gemeldete Vorfälle handelt – und somit nur um die Spitze des Eisbergs. 

Daniel Donskoy: Ja, es muss sich um Einzelfälle handeln. Was sind antisemitische Vorfälle? 

Samira El Ouassil: Extreme Gewalt, Angriffe, gezielte Sachbeschädigung, verletzendes Verhalten, Bedrohungen bis hin zu Massenzuschriften. Bei der von der RIAS genutzten Antisemitismusdefinition handelt es sich um einen Betroffenen orientierten Ansatz. Bei diesem stehen die Wahrnehmung und Perspektive von Jüdinnen und Juden im Mittelpunkt, sprich, in erster Linie die Wirkung von Vorfällen und nicht die Intentionen oder Motive der Täter, auch wenn viele der gemeldeten Vorfälle strafbar sind und strafrechtliche Relevanz haben. 

Für das Jahr 2021 liegen der RIAS noch keine abschließenden Zahlen vor. Seit 2015 wurden jedoch im gesamten Bundesgebiet noch nie so viele antisemitische Vorfälle in einem einzelnen Monat dokumentiert wie im Mai 2021, insbesondere in Form von Israel bezogenem Antisemitismus, der zwei Drittel der Vorfälle ausmachte.  

Benjamin Steinitz betont: Nicht der Nahost-Konflikt oder die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen sind die Ursache für die antisemitischen Vorfälle, sondern diese wurden als Anlass genommen, um vorhandene antisemitische Haltungen zu legitimieren und auf die Straße zu tragen. Laut Steinitz werden in den letzten Jahren jüdische Institutionen, Organisationen und Personen wesentlich stärker und zielgerichteter bedroht, eingeschüchtert und attackiert. 

Für die jüdische Gemeinschaft kam der Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 nicht überraschend – und es war vor allem kein Warnsignal, wie einige Mitglieder der nichtjüdischen Gesellschaft behaupteten, sondern vielmehr ein Beleg für diese Kontinuität der Gewalt und Bedrohung. Hätte man den jüdischen Institutionen in den letzten Jahren zugehört, dann hätte man sich darauf vorbereiten können, denn jüdische Einrichtungen investieren mehr als die Hälfte ihrer Budgets in Sicherheit.  

Daniel Donskoy: Ja, wie gesagt… PARTY! Nach dieser ernüchternden Bestandsaufnahme denken Sie, es geht nicht deprimierender? Na, dann warten sie mal ab, wenn es um Jüdinnen und Juden in den deutschen Medien geht. 

In Folge 2 "JEW NEWS - Die Judenthemen des Jahres 2021" wird alles noch viel, viel schöner. Wir fragen: Wer darf Jude sein in Deutschland, und wer Antisemit? Wie arbeitet sich die Presse an Juden und Antisemiten ab? Wer berichtet wie über welche Raketen? Freuen sie sich auf Medienmachende, Politiker:innen und Aktivist:innen. Alles im Namen der Völkerverständigung. Und zum Ende: stereotypische Folklore. 

Lisa Schreckhart [Parodie]: Ja, glauben Sie, es ist ein Zufall, dass die Impfkampagne vor allem in Israel gleich zu Beginn ein voller Erfolg war? 

Daniel Donskoy: Halt's Maul, Lisa Schreckhart!