Interview zu den Protesten von Istanbul

Die türkische Polizei geht mit Tränengas gegen die Demonstranten vor

Ein Aufstand der Gebildeten und Bürgerlichen

Interview zu den Protesten von Istanbul

Die Sicherheitskräfte in Instanbul sind die dritte Nacht in Folge mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgegangen. Auf der Straße zeigt der westlich orientierte Teil der Gesellschaft, was er von der Regierung hält, sagt die WDR-Journalistin Ayca Tolun.

WDR.de: Frau Tolun, die Demonstrationen in Istanbul gehen auch am Samstag mit unveränderter Härte weiter. Geht es wirklich noch um ein umstrittenes Bauprojekt?

Es ist nie um ein Bauprojekt gegangen. Der Taksim-Platz in Istanbul ist immer ein sehr politischer Ort gewesen. Jede Regierung hat bisher versucht, ihm ihren Stempel aufzudrücken. Und ihn zuzubauen, damit er als traditioneller Ort für regierungskritische Demonstrationen unbrauchbar wird. Die regierende AKP hat nun, unter Umgehung aller Umweltauflagen und anderer Regelungen, beschlossen, dort die Rekonstruktion einer Kaserne aus dem 18. Jahrhundert mit integriertem Einkaufszentrum zu bauen. Und gleichzeitig sollte einer der letzten grünen Flecken in Istanbul verschwinden. Und dagegen hat sich der Protest bei Twitter und Facebook dann formiert.

WDR.de: Ein Protest, den die Polizei dann mit Gewalt aufgelöst hat. War das außergewöhnliche Härte für türkische Verhältnisse?

Ayca Tolun: Die türkische Polizei neigt zu Gewaltexzessen. Sie wird aber von dieser Regierung auch dazu animiert. In Europa müsste ein Polizeipräsident nach solchen Ausschreitungen sofort gehen.

WDR.de: Ist der Vergleich mit Stuttgart 21 berechtigt? Geht auch in Istanbul vor allem das Bürgertum auf die Straße?

Tolun: Erdoğan ist von 48 bis 49 Prozent der Türken gewählt worden. Man vergisst gerne, dass es 50 Prozent gab, die ihn nicht gewählt haben. Das sind zum großen Teil die Bürgerlichen, die Gebildeten. Unter den Demonstranten sind sehr viele Studenten, Freitagabend haben sich ihnen auch viele einfache Bürger angeschlossen. Auf der Straße zeigt der westlich orientierte Teil der Gesellschaft, was er von der Regierung Erdoğan hält.

WDR.de: Seit Jahren wird über eine schleichende Islamisierung der Türkei gesprochen. Merkt man das mittlerweile im Alltag?

Tolun: Natürlich. Das Alkoholverbot war eine der Geschichten, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Und jetzt steht das Abtreibungsverbot auf der politischen Agenda. Erdoğan wurde immer vorgeworfen, dass er eine verdeckte Agenda verfolgt. Nun scheint es so, dass er sie nicht mehr verdeckt. Er sagt auch ganz offen, dass er den Staat von Grund auf umbauen wird – zu einer konservativ islamisch geprägten Gesellschaft.

WDR.de: Die Demonstranten bezeichnen Erdoğan als "Extremisten". Haben sich vielleicht tatsächlich linke Gruppierungen an die Proteste rangehängt?

Tolun: Es gab Provokationen von Gruppen, die mit Steinen geschmissen haben. Aber es ist überraschend, wie wenig diese Gruppen in Erscheinung treten.

WDR.de: Was könnte im besten Fall aus diesen Demonstrationen erwachsen und was im schlechtesten Fall?

Tolun: Im schlimmsten Fall gibt es eine weitere Eskalation und auch die Rechtsradikalen und die Islamisten gehen auf die Straße. Im Fall von echten Unruhen, würde sich die bürgerliche Bewegung sofort zurückziehen. Im positivsten Sinne muss Erdogan einige seiner Pläne fallen lassen. Und er akzeptiert, dass die türkische Gesellschaft „fifty-fifty“ ist.

Das Interview führte Andreas Poulakos

Stand: 03.06.2013, 07:21

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