"Wenn es ehrlich ist, ist es wunderbar"

Klarsfeld über das Geständnis von Gröning

"Wenn es ehrlich ist, ist es wunderbar"

In einem der letzten Prozesse gegen einen mutmaßlichen Nazi-Verbrecher überraschte der Angeklagte Gröning mit einem Schuldeingeständnis. WDR.de sprach mit Beate Klarsfeld, die als "Nazi-Jägerin" bekannt wurde, über den Prozess und seine Bedeutung.

WDR.de: Sie verfolgen gewiss den Prozess von Ihrer Wahlheimat Paris aus aufmerksam. Haben Sie das Geständnis und die Reue von Oskar Gröning überrascht?

Beate Klarsfeld: Überrascht nicht, aber es ist der Einzige im Augenblick, der Reue zeigt. Es war vor kurzem ein Prozess angesagt, der leider nicht stattfand gegen einen Mann, der in Oradour dabei war. Er sagte in einem Fernseh-Interview, das auch in Deutschland lief: Ich weine, ich habe gesehen, was in Oradour vor sich ging, wie die Frauen und Kinder in der Kirche verbrannten, wie man die Männer erschoss, aber ich war nicht dabei. Das gleiche hört man nun wieder bei Gröning: Ich habe gesehen, wie man die Kinder an die Wand wirft, und sie tötet, ich habe alles gesehen, aber ich fühle mich nur moralisch schuldig.

WDR.de: Wie wichtig ist dieses Verfahren gegen Gröning?

Klarsfeld: Es ist gut, dass es stattfindet, denn es zeigt den Jugendlichen heute, wie der Holocaust war. Die Verbrechen werden so auf eine ganz andere Weise als durch Ausstellungen lebendig gehalten. 1985 ist ja schon ein Verfahren gegen Gröning eingestellt worden. Damals musste man ja noch konkrete Taten beweisen. Geändert wurde das 2011 mit dem Prozess gegen John Demjanjuk. Da genügte es, dass er Wachmann im Vernichtungslager Sobibor war. Aber er ist gestorben, bevor das Urteil rechtskräftig geworden war. Wenn Gröning verurteilt wird, dann wird wahrscheinlich auch der Bundesgerichtshof in Karlsruhe sagen, ob das gerecht ist oder nicht.

WDR.de: Was bedeutet es für die Überlebenden, dass die Täter bereuen und sich entschuldigen?

Klarsfeld: Das ist im Allgemeinen sehr selten. Bei dem großen Prozess 1979 in Köln, wo die Hauptverantwortlichen, die Schreibtischtäter alle zu Haftstrafen verurteilt wurden, war nicht einer, der Reue zeigte. Ganz im Gegenteil, sie sagten, wir wollen in Ruhe leben. Die Äußerungen von Gröning jetzt sind etwas Außergewöhnliches. Man weiß nicht, wie ehrlich es gemeint ist, aber gut, man muss es akzeptieren, dass er Reue zeigt. Ich habe ein Interview gesehen, in dem eine Überlebende sagte, "ich bin froh, dass Gröning Reue zeigen konnte." Wenn es ehrlich ist, ist es wunderbar. Er sagt, er hat nicht an der Vergasung, an den Erschießungen teilgenommen. Er war nur da. Aber er verurteilt damit das System des Nationalsozialismus und den Holocaust.  

WDR.de: Wie erleben es Überlebende im Gerichtssaal, die zum Teil als Nebenkläger auftreten, wenn die Täter alles abstreiten und bagatellisieren? Ist das eine Fortsetzung der Verbrechen?

Klarsfeld: In allen Prozessen, die wir bislang hatten, in den 1960er Jahren in Frankfurt zum Beispiel, machten sich die Angeklagten über die Nebenkläger sogar lustig und waren bestrebt, alles zu verniedlichen. Die Nebenkläger wurden sehr schlecht behandelt, auch von den Vertretern der Nazi-Verbrecher.

WDR.de: Ist diese Geste von Oskar Gröning für die Überlebenden vielleicht sogar wichtiger als die Höhe des Strafmaßes?

Klarsfeld: Man muss sehen, wie ehrlich seine Reue ist. Und zum Strafmaß: Er riskiert gar nichts in seinem Alter. Wenn er verurteilt wird, dann wird Beschwerde eingelegt und bis Karlsruhe entschieden hat, werden Jahre vergehen und bis dahin wird auch er gestorben sein, so wie Demjanjuk damals.

WDR.de: Das heißt, die Frage, welche Auswirkungen die Einsicht des Täters auf das Strafmaß haben sollte, ist für Sie nicht wichtig?

Klarsfeld: Ich hoffe nicht, dass das ein Argument ist, um die Strafe zu ermäßigen. Das hoffe ich nicht, sonst könnte es ja auch von ihm kalkuliert sein.  

WDR.de: Es wird einer der letzten Prozesse dieser Art sein.

Klarsfeld: Ja, im Fall von Oradour haben wir Beschwerde eingelegt. Aber ich bin skeptisch, dass das Verfahren eröffnet wird. Es ist wichtig, dass die Prozesse stattfinden können, um zu zeigen, dass auch nach 70 Jahren nicht Schluss sein kann. Solange die NS-Verbrecher noch leben, sollte man sie vor Gericht stellen und sie zur Verantwortung ziehen und der deutschen Bevölkerung zeigen, wer diese Männer gewesen sind.  

Das Interview führte Sabine Tenta.

Stand: 22.04.2015, 18:15

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