Kribbeln in den Fingern – so bekommen Sie Ihre Hände wieder in den Griff 

Doc Esser - Der Gesundheitscheck 16.03.2022 44:30 Min. UT Verfügbar bis 16.03.2023 WDR

Kribbeln in den Fingern – so bekommen Sie Ihre Hände wieder in den Griff 

Stand: 14.03.2022, 13:00 Uhr

Unsere Handgelenke stehen im Alltag ziemlich oft ‚unter Druck‘: ob auf dem Rad, am PC, im Fitnessstudio oder sogar beim Zeitunglesen. Wenn es in Daumen, Zeige- und Mittelfinger kribbelt, schmerzt oder sie einschlafen, dann können das erste Hinweise auf ein sogenanntes Karpaltunnelsyndrom (KTS) sein.

Wer rechtzeitig handelt, der kann die Beschwerden schnell in den Griff bekommen. Doch wer zu lange wartet, dem drohen Kraftverlust, Bewegungseinschränkungen und Muskelschwund in der betroffenen Hand. Doc Esser und sein Kollege „Revierdoc“ Matthias Manke klären, wie man ein Karpaltunnelsyndrom behandelt und wie man die Handgelenke im Alltag entlastet – damit es soweit gar nicht erst kommt.

Wie entsteht ein Karpaltunnelsyndrom?

Das Bild zeigt ein Modell einer Hand.

Der Karpaltunnel wird durch ein Bindegewebsband und die Knochen im Handgelenk gebildet. Durch ihn läuft der Mittelnerv, der sogenannte Nervus medianus. Durch Wassereinlagerungen, wiederholt falsche oder ungewohnte Belastung kann der Tunnel verengt werden. Passiert das, reizt er den Nerv und das wiederum erzeugt das taube Gefühl in den Fingern. 15% der Bevölkerung leiden hierzulande im Laufe des Lebens darunter – also rund 10 Millionen Menschen.

Treten die Symptome nur gelegentlich auf und verschwinden nach kurzer Zeit wieder, so ist das allenfalls unangenehm. Doch spätestens, wenn die Finger auch nachts und unabhängig von einer akuten Belastung kribbeln oder einschlafen und schmerzen, wird es Zeit zu handeln. Nachts auftretende Symptome bringen Betroffene sogar häufig um den Schlaf, und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise: Während die einen durch Missempfindungen und Schmerzen kaum einschlafen können, werden andere nachts von ihnen geweckt. Wer die nächtlichen Symptome dann ignoriert, weil er meint, nur falsch gelegen zu haben, riskiert schwere Folgen. Schlimmstenfalls sorgt der geschädigte Nerv dafür, dass sich der Daumenballenmuskel mit der Zeit zurückentwickelt. Die Folge: man kann schlichtweg nicht mehr richtig zugreifen. Der Schmerz beim Greifen strahlt bis in den Arm aus. Selbst das Öffnen eines Marmeladenglases wird zur Herausforderung. 

Karpaltunnelsyndrom – das geht auf den Nerv  

Das Bild zeigt eine Hand, mit der ein Marmeladenglas gehalten wird.

Der Nervus medianus wird auch Mittelarmnerv genannt. Als einer der wichtigsten Armnerven versorgt er Teile des Unterarms, der Hand und der Finger. Sein Name stammt daher, dass er im Gegensatz zu den beiden anderen wichtigen Armnerven, dem Nervus ulnarius und Nervus radialis, relativ in der Mitte des Armes verläuft. Der Nerv besteht aus zwei unterschiedlichen Arten von Fasern, die auch unterschiedliche Funktionen haben.  Die eine Art Fasern transportiert sogenannte sensible Informationen von der Haut und den Gelenken in Richtung Rückenmark und Gehirn, also Informationen der Empfindung. Die zweite Art Fasern transportiert motorische Informationen, also Informationen der Bewegung, vom Gehirn zu den Armmuskeln. Auf dem Weg von der Achsel zum Handgelenk verläuft der Nervus medianus an der Innenseite des Oberarms und wandert dann durch den Unterarm bis in die Handfläche. Am Handgelenk muss er eine Engstelle passieren. Das ist der sogenannte Karpaltunnel.

Wenn der Nerv dort zu wenig Platz hat und eingeengt wird, kann er nicht richtig arbeiten – die Informationen also nicht richtig weiterleiten. Ist die Einengung nur vorübergehend, etwa durch ungewohnte oder ungünstige Haltung des Handgelenks, können die Symptome nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Doch hat der Nerv dauerhaft zu wenig Platz, kann er langfristig geschädigt werden. Obwohl der Nervus medianus an unterschiedlichen Stellen in seinem Verlauf geschädigt werden kann, ist das Karpaltunnelsyndrom die häufigste Störung.

Von Kribbeln bis Muskelschwund: Die unterschätzten Folgen

Doch was passiert, wenn der Nerv zu wenig Platz hat? In vielen Fällen sind Missempfindungen und Gefühlsstörungen im Bereich der ersten drei Finger, also Daumen, Zeige- und Mittelfinder die ersten Symptome. Die Folge: Sie können kribbeln oder taub werden. Im schlimmsten Fall kann sich bei anhaltender Schädigung des Nervs sogar die Daumenballenmuskulkatur zurückbilden.

Das betrifft genauer gesagt zwei der vier Muskeln im Daumenballen: den sogenannte Musculus abductor pollicis brevis und den Musculus opponens pollicis. Diese beiden Muskeln sorgen unter anderem dafür, dass wir unseren Daumen abspreizen und wieder an die Handfläche heranführen können, so wie wir es tagtäglich bei vielen unterschiedlichen Greifbewegungen tun. Normalerweise erhalten diese Muskeln über den Medianusnerv die Informationen vom Gehirn, ob und wie sie sich bewegen sollen. Ist diese Informationsübertragung durch die Einengung im Karpaltunnel gestört oder der Nerv sogar beschädigt, erhalten sie keine Information. Die Bewegung, die man eigentlich machen will, kann man dann nicht mehr oder nicht mehr richtig ausführen. Man schafft es beispielsweise nicht das Marmeladenglas aufzuschrauben, kann Gegenstände nicht mehr richtig greifen oder sie fallen einem plötzlich aus der Hand. Je länger die Muskeln keine Information bekommen, dass sie sich bewegen sollen, desto mehr bilden sie sich zurück und verkümmern regelrecht. Dann spricht man von einer Daumenballen-Atrophie. Wird das Karpaltunnelsyndrom rechtzeitig diagnostiziert und behandelt, muss es jedoch nicht so weit kommen.

Kein Platz im Tunnel? Das können die Gründe sein

Das Bild zeigt eine Hand an einem Fahrradlenker.

Ursache für das Auftreten von Beschwerden ist immer, dass der Nerv zu wenig Platz in seinem Tunnel hat und dadurch geschädigt wird. Das kann durch Veranlagung, aber auch durch hormonelle Veränderungen, Vorerkrankungen oder ungünstige Belastung auf das Handgelenk hervorgerufen werden. Statistisch gesehen sind fast 15% der erwachsenen Bevölkerung früher oder später betroffen. Das Karpaltunnelsyndrom trifft dabei häufiger Frauen als Männer, häufiger Übergewichtige als Normalgewichtige und häufiger Menschen, die körperlich arbeiten, als Menschen, die nicht körperlich arbeiten.

Veranlagung

Das Karpaltunnelsyndrom tritt oft familiär gehäuft auf. Wer also Familienmitglieder hat, die betroffen sind oder waren, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit, ein KTS zu entwickeln, erhöht. Der Hintergrund ist hier meist ein erblich bedingt von Geburt an engerer Karpaltunnel.

Hormone

Hormonelle Veränderungen, wie sie vor allem Frauen in der Schwangerschaft, in den Wechseljahren und im Rahmen einer Hormonersatztherapie betreffen, können ebenfalls ein KTS begünstigen. Durch die hormonelle Umstellung lagert das Gewebe im Handgelenk mehr Wasser ein und die Bänder verdicken sich. In der Folge kann der Karpaltunnel enger werden. Auch Patienten mit einer Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion haben ein höheres Risiko für KTS.

Verletzungen oder Begleiterkrankungen

Ein Karpaltunnelsyndrom kann auch die Folge von orthopädischen Problemen an der Hand bzw. dem Handgelenk sein. Nach Brüchen, vor allem nach einer Radiusfraktur, aber auch bei Prellungen, Sehnenscheidenentzündungen und bei Arthrose tritt es gehäuft auf. Es gibt jedoch auch einige nicht-orthopädische Krankheiten, die als Risikofaktoren für ein KTS gelten. Dazu gehören unter anderem Diabetes, Adipositas und die dialysepflichtige Nierenschwäche.

Belastung

Erstmals treten die Beschwerden bei vielen Betroffenen durch ungewohnte, anhaltende oder falsche Belastung auf. Dabei sind es drei Faktoren, die einzeln oder zusammenwirken können: Der Winkel, in dem das Handgelenk gehalten oder bewegt wird, sowie Erschütterung und Gewicht. Wenn das Handgelenk zu stark abgeknickt wird und der Karpalkanal so mechanisch gequetscht wird, kann das also Probleme verursachen. Auch anhaltende Erschütterungen können den Nerv ‚ärgern‘, beispielsweise bei der längeren Radtour über unebene Wege oder beim Bedienen von Maschinen, die stark vibrieren, wie Presslufthammer oder Bohrhammer. Als dritter Faktor ist die ungewohnte oder zu hohe Gewichtsbelastung, die auf das Handgelenk einwirkt, entscheidend: Das kann beim Radfahren das Eigengewicht sein, das beim Festhalten des Lenkers auf die Handgelenke wirkt, aber auch die zu schwere Hantel im Fitnessstudio oder die bereits genannten Maschinen, wenn sie über längere Zeit gehalten werden.

Bei anhaltenden und nächtlichen Beschwerden: ab zum Arzt!

Wenn die Schmerzen oder Empfindungsstörungen den Weg zum Arzt unumgänglich machen, steht die klinische Untersuchung an erster Stelle. Dabei überprüft der Arzt unter anderem durch Tasten, Bewegen und Abklopfen, wie empfindlich und beweglich Hand, Handgelenk und Daumen sind. Häufig reicht dem Hausarzt oder Orthopäden dies schon aus, um die Diagnose Karpaltunnelsyndrom zu stellen. Außerdem lässt sich so feststellen, ob der Daumen bereits in seiner Kraft oder Bewegung eingeschränkt ist.

Wenn die klinische Untersuchung nicht ausreicht, kann der Neurologe mit einer Untersuchung des Nervs helfen. Bei der sogenannten Elektroneurographie (ENG) misst der Arzt die Nervenleitgeschwindigkeit – also mit welcher Geschwindigkeit und mit welcher Stärke der elektrische Impuls, den der Nerv übertragen soll, sich bewegt. Dazu werden Elektroden an mehreren Stellen von Arm und Handgelenk angelegt. Leitet der Nerv den Reiz zu langsam oder zu schwach weiter, sind das Hinweise auf ein Karpaltunnelsyndrom.

Erste Maßnahme – Ruhigstellen

Das Bild zeigt eine Hand an einem Fahrradlenker.

Sind die Beschwerden nur mäßig bis moderat und halten noch nicht sehr lange an, kann der Arzt zunächst eine Nachtlagerungsschiene verschreiben. Die Schiene sorgt dafür, dass der Patient das Handgelenk über Nacht ruhig hält und verhindert ein Abknicken der betroffenen Hand. In vielen Fällen kann dies die Beschwerden bereits nachhaltig lindern. Betroffene werden nachts nicht mehr von Kribbeln oder Schmerzen in den Fingern geweckt und können endlich wieder schmerzfrei durchschlafen. Damit die Beschwerden nicht wiederkehren, muss die Schiene jedoch im Normalfall über mehrere Wochen jede Nacht getragen werden. Das Anlegen tagsüber ist nicht nötig, aber die Hand sollte dennoch geschont werden.

 Zu den konservativen Behandlungsmethoden gehört auch die medikamentöse Behandlung des Karpaltunnelsyndroms. Parallel zur Nachtlagerungsschiene oder unabhängig davon kann der Arzt freiverkäufliche Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) empfehlen. Neben den Schmerzen hemmen diese auch Entzündungen. Zu den NSARs gehören Tabletten, aber auch Salben, mit den Wirkstoffen Acetylsalicylsäure, Diclofenac oder Ibuprofen. Als weitere Medikamente stehen noch Kortisonpräparate, sogenannte Kortikosteroide, zur Verfügung. Diese kann der Arzt in Tablettenform verschreiben oder direkt als Spritze ins Handgelenk injizieren. Die Injektion von Kortikosteroiden ist dabei zwar wirksamer als die Einnahme in Tablettenform, birgt aber zusätzlich das Risiko einer Infektion.

Während Medikamente besonders die Schmerzen im Zusammenhang mit einem Karpaltunnelsyndrom rasch lindern können, wirken sie auf die Ursache des KTS nur dann, wenn es durch eine Entzündung ausgelöst wurde. Andernfalls ist der Effekt nur kurzfristig.  Die Beschwerden können also zurückkehren und eventuell sogar chronisch werden.

Kleiner Schnitt – große Wirkung: Die Karpaltunnel-OP

Das Bild zeigt eine Hand, die operiert wird.

Je nach Schwere des Karpaltunnelsyndroms, Dauer der Beschwerden und wenn alle konservativen Behandlungsmethoden nicht erfolgreich waren, kann eine OP unumgänglich sein. Die gute Nachricht: die OP kann je nach Methode häufig ambulant in weniger als einer halben Stunde durchgeführt werden und die Beschwerden sind danach meist dauerhaft verschwunden.

Grundsätzlich kann der Chirurg offen oder minimalinvasiv (endoskopisch) operieren. Bei der klassischen, offenen OP erfolgt ein größerer Schnitt am Handgelenk. Bei der minimalinvasiven OP braucht er nur zwei kleine Hautschnitte.  In beiden Fällen öffnet der Chirurg den Karpaltunnel, indem er das Karpaldach, also das Bindegewebsband, spaltet. Dadurch fällt der Druck im Tunnel sofort ab und die Schmerzen lassen nach. Besonders in den ersten Tagen nach dem Eingriff sollten Patienten die Hand noch schonen und nur leicht belasten.