Diagnose Leukämie - Warum Westerwelles Arzt sagt: "Leben Sie!"

Diagnose Leukämie - Warum Westerwelles Arzt sagt: "Leben Sie!"

Zwei Jahre lang hat Prof. Michael Hallek von der Uni-Klinik Köln Guido Westerwelle behandelt. Jetzt kämpft er weiter, für die Genesung und für die Würde von Leukämie-Patienten. In enger Abstimmung mit Guido Westerwelles Angehörigen hat er uns ein Interview gegeben.

Michael Hallek hat viele Menschen in den Tod begleitet. Intensive Gespräch, Verluste, Trauer: Sie stehen für den Mediziner auf der Tagesordnung. Die Chancen seine Arbeit zu nutzen, niemals das Gute aus den Augen zu verlieren, darum geht es Michael Hallek. Guido Westerwelle war seit Juni 2014 bei ihm an der Kölner Uniklinik in Behandlung. Michael Hallek hat ihn betreut, behandelt, kennengelernt und zusammen mit seinem Team um sein Leben gekämpft. Guido Westerwelle litt an AML, der akuten myeloischen Leukämie, einer besonders schwer zu behandelnden Form des Blutkrebses.

"Leben Sie!", das haben Sie Herrn Westerwelle zu seiner ersten Entlassung gesagt.

Professor Michael Hallek: Das sage ich vielen Patienten. Denn wenn die Behandlung besprochen ist und Chemotherapie, Strahlentherapie oder Operation oder was auch immer kommen soll, fragen viele: Was können wir denn sonst noch tun? Hilft gesunde Ernährung, irgendwelche Medikamente, etwa fürs Immunsystem? Einer meiner wichtigsten Ratschläge ist: zu versuchen, trotz der Behandlung, trotz der Diagnose zu leben, also so intensiv und so viel wie möglich und die Dinge zu machen, die einem wichtig sind. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen, weil man nie weiß, wie viel Zeit man noch hat. Zum Zweiten, weil das hilft, weil das diese Bejahung des Lebens zum Ausdruck bringt, ohne die man häufig nicht gesund werden kann.

Das heißt häufig: ein bisschen neu sortieren, vielleicht ein bisschen mehr Sport machen, ein bisschen mehr Dinge machen, die man möchte. Viele Manager, die dann da sitzen, wissen sofort, was ich meine. Etwa wenn ich den Vorschlag mache, sie sollten doch alle Besprechungen, die sie für unsinnig halten, einfach mal canceln mit dem Hinweis auf ihre jetzige Situation. Sie fangen dann an zu lachen und sagen: Ja, das wäre eine tolle Idee. Das meine ich mit leben. Einfach konzentrieren auf die Dinge, die einem wichtig sind. Das ist manchmal gar nicht so einfach, aber meiner Ansicht nach, das Wichtigste, was man tun kann.

Leben Sie. Haben Sie das auch auf sich selbst so übertragen?

Professor Michael Hallek: Ja, zu 100 Prozent.

Was bedeutet das?

Professor Michael Hallek: So zu leben, wie ich lebe. Diese Arbeit zu machen. Wobei es ein großes Privileg ist, so arbeiten zu dürfen. Ich arbeite auf einem Forschungsgebiet, in dem wir heute den Verlauf der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) durch unsere Arbeit verändern und verbessern. Das ist ein Riesenprivileg. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen Beruf mache, der nicht anderern Menschen helfen kann.

Ich habe außerdem eine Familie, die das respektiert und toleriert und mich sehr unterstützt, auch nicht ohne Kritik manchmal. (...) Aber was mehr soll ich denn vom Leben erwarten? Ich kann genau das machen, was ich machen wollte, was ich mir vorgenommen habe und noch viel mehr. Wenn ich das Gefühl hätte, ich würde hier meine Zeit vergeuden, würde ich morgen aufhören. Ich muss nicht an der Uniklinik arbeiten, um etwas Sinnvolles zu tun. Ich habe das Gefühl, dass es in Köln, so wie es jetzt hier ist, ziemlich gut ist und ich ziemlich viele Sachen machen kann, die ich für wichtig halte. Deshalb mache ich es.

Sprechen wir noch mal über AML. Wie steht es um die Behandlung in 10, 20 Jahren. Was wünschen Sie sich? Was ist realistisch?

Professor Michael Hallek: Was ich mir wünsche, weiß ich: Dass niemand mehr daran versterben muss und dass niemand mehr mit einer intensiven Chemotherapie oder Stammzellentransplantation heutiger Art behandelt werden muss, weil es sind unscharfe, ungenaue Verfahren.

Realistisch ist, dass wir einen zunehmenden Teil in 20, 30 Jahren auch hier mit gezielteren Medikamenten behandeln können, die bestimmte Schaltermoleküle auch bei diesen Leukämien erfassen. Das ist schwieriger, weil sie komplexer verschaltet sind, als bei anderen Leukämien. So dass dann, sagen wir, ein Drittel oder vielleicht bis zu Hälfte der Patienten ohne die jetzigen Therapien auskommt und trotzdem eine sehr gute Lebenserwartzug hat. Das halte ich für realistisch.

Die akute Myeloische Leukämie (AML) ist eine der härtesten Nüsse, die wir zu knacken haben. Es gab Jahrzehnte lang kaum Fortschritt. In bestimmten Bereichen gibt es immer noch die gleichen Medikamte wie vor 30, 40 Jahren. Das zeigt, wie dringend es wäre, hier Fortschritt zu machen. Wir verstehen AML besser, also von der Entstehung her. Die Schaltermoleküle sind alle genetisch charakterisiert, wir wissen, welche Genveränderungen diese Leukämie auslösen - und jetzt braucht man ein bisschen Glück, um an diesen Stellen tatsächlich Medikamente zu finden oder Ideen, die die Prognose deutlich verbessern.

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Stand: 08.04.2016, 14:19