Archiv soll Schmuckstück sein

Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia

Schnelle Standort-Entscheidung erwünscht

Archiv soll Schmuckstück sein

Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia fordert ein klares Bekenntnis der Kölner Politik zum Historischen Stadtarchiv und eine zügige Entscheidung über einen neuen Standort: In die Severinstraße will sie nicht zurück, auch nicht in die Nähe der U-Bahn..

WDR.de: Mehr als zwei Monate nach dem Einsturz des Archivs tut sich die Stadt nach wie vor schwer, einen neuen Standort festzulegen. Warum?

Bettina Schmidt-Czaia: Es hat sich große Hilflosigkeit breit gemacht. Und bedauerlicherweise halten sich viele Politiker für Experten eines Archiv-Neubaus, glauben mehr davon zu verstehen als die Archivare selbst. Sie sollten besser mehr mit uns reden. Dabei geht es mir nicht darum, andere an den Pranger zu stellen. Aber wir brauchen eine tatkräftige und zugreifende Entscheidungsfindung.

WDR.de: Fürchten Sie, die Entscheidung soll auf die lange Bank, sprich auf einen Zeitpunkt nach den Kommunalwahlen geschoben werden?

Schmidt-Czaia: Es wäre fatal, wenn diese Frage als Politikum im Wahlkampf missbraucht würde. Notwendig ist eine überfraktionelle Entscheidung, die auch nach der Wahl Bestand hat. Das Unglück hat das Archiv zur Schande für die Stadt gemacht. Wir aber wollen das Schmuckstück der Stadt sein.

WDR.de: Was halten Sie vom Vorschlag, das Archiv an der Einsturzstelle neu aufzubauen?

Schmidt-Czaia: Wir sind entsetzt. Wir können doch nicht an dem Ort, wo so Schreckliches passiert ist, etwas Neues bauen und zur Tagesordnung übergehen. Einmal ganz abgesehen davon, dass hier aus baurechtlichen Gründen und wegen der vom Grundwasser ausgehenden Risiken kein modernes Archiv aufgebaut werden kann.

WDR.de: Wie muss das neue Historische Archiv aussehen?

Schmidt-Czaia: Unser altes Gebäude wirkte abweisend - fast wie ein Gefängnis. Ein künftiges Bürgerarchiv muss freundlich und einladend wirken. Es muss so gestaltet werden, dass ein attraktiver offener Bereich die Menschen empfängt. Verwaltung und geschützte, nicht öffentlich zugängliche Schätze müssen dann im Hintergrund lagern. Wir reden von 21.000 Quadratmetern. Das geht an der Severinstraße nicht.

WDR.de: Und auch nicht in der Nähe der U-Bahn?

Schmidt-Czaia: Jeder wird Verständnis dafür haben, dass wir nicht näher als 50 Meter an die U-Bahn heran wollen.

WDR.de: Andernorts schüttelt man ungläubig den Kopf über die Tatsache, dass die zum Teil Jahrhunderte alten Dokumente nicht digital gesichert waren ...

Schmidt-Czaia: Damit hatten wir doch gerade angefangen. Als ich im November 2005 hier angetreten bin, standen an unserem einzigen Internetanschluss 26 Kollegen Schlange. Ein Intranetzugang zur Kölner Stadtverwaltung existierte nicht. Das haben wir Stück für Stück geändert. Doch mit der digitalen Sicherung hatten wir gerade erst angefangen. Es wäre möglich gewesen, dieses Archiv in die Moderne zu führen.

WDR.de: Ist das Ziel noch erreichbar?

Schmidt-Czaia: Mit der vollen Unterstützung der Stadt und einer gemeinsamen Aufbruchstimmung ja. Aber ich verschweige nicht, dass dieser Rückschlag sehr schmerzhaft für die Archivare und schwer zu verdauen ist. Wir waren auf dem Weg nach oben und müssen nun von ganz vorne anfangen. Das geht an die Grenze der Belastbarkeit. Wir müssen versuchen zu retten, was zu retten ist, gleichzeitig Neues erschließen und Menschen beraten, aber auch hoffen, dass man uns weiterhin Nachlässe anvertraut.

WDR.de: Wie wertvoll ist die fachliche Hilfe, die ihnen aus dem In- und Ausland zuteil wird?

Schmidt-Czaia: So ein Unglück ist in keinem Notfallplan vorgesehen oder irgendwo in der Literatur beschrieben. Da ist die Erfahrung und Unterstützung, die uns angeboten wird, nicht nur bei der täglichen Arbeit extrem wertvoll. Das Tröstlichste aber ist, dass uns die Fachgemeinde bei diesem Gau nicht alleine lässt.

WDR.de: Wie viel Kulturgut können Sie retten?

Schmidt-Czaia: Ich hoffe auf 80 bis 85 Prozent.

WDR.de: Welche Rolle spielt dabei die Software, die das Fraunhofer-Institut entwickelt hat, um die in Schreddern und auf andere mechanische Art zerstörten Stasi-Unterlagen virtuell wieder zusammen zu fügen?

Schmidt-Czaia: Innerhalb eines Jahres könnte diese Software so ausgebaut werden, dass sie auch in der Lage wäre, Dreidimensionales sowie von Riss- und Stoßschäden beschädigtes Gut zu rekonstruieren. Damit könnten wir einen beträchtlichen Teil wieder herstellen.

WDR.de: Zu welchem Preis?

Schmidt-Czaia: Wir gehen allein für die Software von 1,85 Millionen Euro aus. Angesichts der Bedeutung des Archivs und seiner Unterlagen hoffen wir auf finanzielle Unterstützung durch Bund und Land.

WDR.de: Und wenn es die nicht gibt ...

Schmidt-Czaia: Dann gehen möglicherweise wertvollste historische Dokumente unwiderruflich verloren.

Das Interview führte Stephan Lüke.

Stand: 18.05.2009, 14:23