Ein historisches Provisorium

Archivgut im Provisorium

Archivalien im Zwischenlager

Ein historisches Provisorium

Vor über einem Jahr stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Am Freitag (23.04.2010) ziehen die Mitarbeiter in das zweite Provisorium seit der Katastrophe. Dort können Besucher wieder digital recherchieren. Dem Kalten Krieg sei Dank.

Immerhin: Das Recherchieren ist im neuen Lesesaal am Heumarkt komfortabler als im bisherigen Provisorium im Deutzer Stadthaus. Statt auf Mikrofilm können die Nutzer nun per Software die Dokumente im digitalen Lesesaal einsehen. Doch was da zu recherchieren ist, bleibe nur ein Bruchteil dessen, was ursprünglich im Archiv lagerte, erklärt Andreas Berger vom Stadtarchiv: "Das sind die Teile des Bestands, die wir schon vor dem Unglück auf Mikrofilm gespeichert hatten, sie wurden nun digitalisiert." Wie viele Briefe, Urkunden und Dokumente genau es sind, ist schwer schätzbar: "Von der Zeit vor 1815 war ein größerer Teil auf Mikrofilm gespeichert. Von der Zeit danach weniger." Was vor allem daran liege, dass seit Ende des 19. Jahrhunderts die Zahl der Schriftstücke "explosionsartig" angestiegen sei, so Berger. Die bedeutendsten Dokumente seien aber erfasst.

Mikrofilme im Sicherheitsstollen

Dass diese "Sicherheitskopien" auf Mikrofilm überhaupt angefertigt wurden, hat historische Gründe: In Zeiten des Kalten Krieges hat die Bundesrepublik damit begonnen, ihr Kulturgut vor einer möglichen Zerstörung durch Kriege zu schützen. Der zentrale Bergungsort ist der Barbarastollen im Schwarzwald. Dort lagert, auf Mikrofilm gebannt und in luftdichten Fässern verpackt, das "nationale Gedächtnis". Darunter der Vertragstext des Westfälischen Friedens, Briefe Franz Kafkas - und über 6.000 Filme mit mehr als zehn Millionen Aufnahmen aus dem Kölner Stadtarchiv. Auf die Mikrofilm-Aufnahmen für den Barbarastollen greifen die Archivare zu - statt wegen eines Atomschlags nun wegen des Einsturzes durch einen U-Bahn-Bau.

Fundstücke in ganz Deutschland verteilt

Unterdessen geht die Restaurierung der Archivalien weiter, die nach dem Archiveinsturz geborgen werden konnten. Sie befinden sich mittlerweile in 19 bundesweit verteilten Asyl-Archiven. Rund 85 Prozent der Bestände seien bereits geborgen, teilte Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia mit. Doch geborgen bedeute nicht gerettet, die Dokumente seien "mittelschwer bis schwerstbeschädigt". Derzeit werden sie identifiziert, erfasst und in eine Software eingegeben, die das Archiv - zumindest virtuell - wieder zusammenfügt. Wann es für die Bevölkerung wieder möglich sein wird, die Original-Dokumente in Händen zu halten, kann Andreas Berger auch nur schätzen. "Wir rechnen mit 30 Jahren."

Letzte Bergungen im Juli

Hektisch wird es noch einmal, wenn im Juli die letzten noch verschütteten Materialien aus der Baugrube geborgen werden sollen. Bagger werden die im Schlamm versunkenen Dokumente ans Tageslicht befördern, anschließend werden sie noch vor Ort von Trümmerresten befreit, gewaschen, luftdicht verschweißt und in Gefrierhäuser transportiert. Die Mitarbeiter des Archivs bekommen Verstärkung durch 30 zusätzliche Helfer, sie sollen im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten. Für die Reinigung der Fundstücke sind Nachtschichten eingeplant, denn nach der Bergung müssen die Dokumente möglichst schnell gewaschen werden, ansonsten würden sie schon innerhalb weniger Stunden untrennbar mit Schlamm und Schutt verbunden sein.

Schätzungsweise 500 Millionen Euro wird die Restaurierung nach ersten Schätzungen über die Jahrzehnte kosten, ein großer Teil davon soll aus der "Stiftung Stadtgedächtnis" kommen. Land und Bund haben mit jeweils einer Million Euro das Startkapital auf fünf Millionen Euro aufgestockt. Den übergroßen Rest erhofft man sich aus Spendengeldern. "Wir haben jetzt ein gutes Grundkapital", sagt Stadtarchiv-Sprecherin Claudia Tiggemann-Klein. Sie ist optimistisch, dass das nötige Geld über Spenden zusammenkommt. Für kulturell so bedeutsame Zwecke gebe es eine große Spendenbereitschaft: "Das hat man zum Beispiel bei der Dresdner Frauenkirche oder der Anna-Amalia-Bibliothek gesehen."

Stadtarchiv-Neubau nicht vor 2014

Erst ab Mitte des Jahres können die geborgenen Dokumente aus den Asyl-Archiven zurück nach Köln gebracht werden. Dann soll im rechtsrheinischen Köln-Porz das Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum fertig sein - ebenfalls ein Provisorium, in dem auch rund ein Dutzend Restauratoren die geborgenen Dokumente bearbeiten. Der Neubau des Stadtarchivs wird voraussichtlich frühestens 2014 fertig sein. Wo, ist schon beschlossene Sache: weit weg vom U-Bahn-Schacht.

Stand: 23.04.2010, 00:00