Zwischen Solidarität und Sorgen

Mann mit Opel-T-Shirt und geballter Faust

Versammlung bei Opel Bochum

Zwischen Solidarität und Sorgen

Von Christoph Schurian

An Solidarität herrscht in dem Bochumer Opel-Werk kein Mangel. Die Belegschaftsversammlung am Donnerstag (05.11.2009) wurde zum nasskalten Stelldichein von Landespolitik, Gewerkschaft und Ex- Opelanern.

Linke und Jusos haben sich vor den Werkseingängen postiert. Zusammen mit vielen Journalisten, Gewerkschaftern und ehemaligen Opel-Mitarbeitern wird die einzige Automobilfabrik im Ruhrgebiet umlagert. Zweihundert Meter weiter - tief im Inneren von Werk 1 - treffen sich die Mitarbeiter zu einer außerordentlichen Werksversammlung. Die Reden sind bis vor die Werkstore zu hören.

Warum immer Bochum?

Für Gisela Achenbach ist es so etwas wie ein "Déjà-vu". Die Betriebsratsvorsitzende des Bochumer Nokia-Werkes hat sich mit ihrem Ehemann an Tor 1 eingefunden. 40 Jahre habe der in dem Werk gearbeitet, jetzt seien sie beide "Gott sei Dank" im Ruhestand. Die Ankündigung des US-Mutterkonzerns General Motors (GM) den Autobauer Opel nun doch nicht verkaufen zu wollen, ist für Achenbach ein Tiefschlag: Vor knapp zwei Jahren hatte sie als Nokia-Betriebsratsvorsitzende selbst mit einer Hiobsbotschaft zu kämpfen. Der finnische Kommunikationskonzern kündigte über Nacht an, die Fertigung in Bochum zu schließen. Jetzt steht die kleine Frau wieder auf der Straße. Bei GM oder Nokia gehe es nicht um "Ethik und Moral - so ist das, wenn global aufgehängte Konzerne das Sagen haben", meint Achenbach. "Aber warum muss es immer Bochum treffen?"

Erst Nokia, dann Opel

Sorge um Bochum hat auch die Jungsozialisten mobilisiert. Im Dauerregen begrüßen sie die Opelaner mit ihren roten Fahnen. "Wir wollen die unterstützen, auch wenn die Chancen nicht gut stehen", sagt Svenja Ludwig. Opel Bochum sei für sie "Identifikation und Zukunft". Wenn es nach Nokia jetzt auch noch die Autofabrik treffen würde, "dann geht hier eigentlich gar nichts mehr", sagt die Juso-Ortsvorsitzende.

Kritik an GM-Entscheidung

Um Solidarität ist auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) sichtlich bemüht. Vor dem Tor hält seine Regierungslimousine an, Rüttgers zieht eine Lederjacke über, die letzten Meter geht er zu Fuß. In die unzähligen Mikrophone sagt er dabei, mit der GM-Entscheidung gegen Magna sei "eine große Chance" für Opel verspielt worden. Die Konzernspitze in Detroit verhalte sich "unseriös, menschenverachtend und rücksichtslos". Es werde vergessen, dass es bei der Zukunft von Opel um "Männer, Familien, ganze Existenzen" gehe, sagt Rüttgers. Er sei im Sommer im Bochumer Werk gewesen, sei jetzt hier und werde auch in Zukunft für den Standort Bochum eintreten.

Die ersten gehen

Drinnen auf der kleinen Bühne in der weiträumigen Verladezone vor einer roten Fahne der IG Metall wiederholt Rüttgers seinen Zorn auf die GM-Führung. Die zeige "das hässliche Gesicht des Turbokapitalismus", für das in NRW kein Platz sei: "Hier steht man zu seinem Wort", ruft Rüttgers durch die Werkhallen, es gibt Applaus, doch die ersten Mitarbeiter verlassen die Fabrik schon wieder.

Hat Magna gezockt?

Rainer Einenkel vor Opellogo

Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel

Zuvor hatte der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel die Lage ausführlich analysiert. Mit eher gebremstem Schaum kritisiert Einenkel die Entscheidung in den USA. Das Angebot von "Magna" sei jetzt Geschichte. Sehr verwundert habe es ihn aber, wie zufrieden die Magna-Spitze die GM-Entscheidung gegen ihr Angebot aufgenommen hat. "Da haben wohl einige gezockt", sagt der Gewerkschafter. Die Bundesregierung hätte im Mai die Chance vertan, den Sack zuzumachen. Damals hätte man GM zum Opel-Verkauf zwingen können.

Das Zafira-Verprechen

Doch Einenkel hat noch Hoffnung für sein Werk: GM habe im Februar versprochen, auch den nächsten Zafira in Bochum bauen zu lassen. Darauf werde der Betriebsrat bestehen. In Detroit solle man wissen, Opel habe hier im Ruhrgebiet die meisten Käufer - "wer das Werk in Bochum schließt, begeht Selbstmord an der Marke."

"Ein langsames Sterben"

Vor Tor 1 sind sich die Alt-Opelaner da nicht so sicher. Werner Skrotzki hat hier 35 Jahre gearbeitet. Die Lage sei ziemlich schlecht. "Im Frühjahr wurde schon die Auszahlung der Werksrenten verzögert", das sei kein gutes Zeichen, wenn bei den Rentnern gespart würde. Er persönlich habe nur wenig Hoffnung für die Zukunft des Werks, das "ist ein langsames Sterben".

Stand: 05.11.2009, 19:35