Die Mafia, das Revier und der Tod

Bestatter schiebt eine Leiche im Leichensack an Fahrzeugen vorbei

Zwei Jahre nach den Duisburger Morden

Die Mafia, das Revier und der Tod

Von Axel Klauwer

Sie lauerten ihren Opfern auf und feuerten, bis alle sechs tot waren: In der Nacht zum Samstag sind die Mafia-Morde von Duisburg genau zwei Jahre her. Man muss gut hinsehen, um noch Spuren des Massakers zu entdecken.

Die Erinnerung ist so groß wie zwei aneinander gelegte Zigarettenschachteln. "Warum? Zum Gedenken für den Mord an italienischen Bürgern im Jahr 2007", steht auf dem silbernen Schild, das jemand an einen Baum im Zentrum von Duisburg genagelt hat. Und weiter: "Solle der Frieden über alle Menschen der Welt kommen. Wie der Tag über die Nacht."

Das kleine Schild vor dem Klöcknerhaus ist nahezu von Efeu überwuchert. In einigen umliegenden Häusern an der Mülheimer Straße stehen Büros leer. Wer sie mieten will, muss keine Provision zahlen. Alltag im Ruhrgebiet.

Hinrichtung mitten in der Innenstadt

Vor zwei Jahren, nach der Nacht vom 14. auf den 15. August 2007, schaute ganz Deutschland entsetzt auf Duisburg. Vor dem italienischen Edel-Restaurant "Da Bruno" - das Lokal hat inzwischen einen neuen Besitzer und einen anderen Namen - wurden der Besitzer und fünf Mitarbeiter regelrecht hingerichtet. Sie hatten gerade nach Feierabend das Restaurant verlassen und waren in ihre Autos gestiegen. Mindestens zwei Männer stellten ihre Pistolen auf Schnellfeuermodus und gaben rund 60 Schüsse ab. Anschließend gaben die Killer jedem Opfer noch einen Kopfschuss und flüchteten im Auto.

Klare Botschaft an deutsche Behörden

Hintergrund war eine Fehde innerhalb der süditalienischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta, die seit 1991 schwelte und nun im Ruhrgebiet ausgetragen worden war. Eines der Opfer von Duisburg hatte vermutlich acht Monate zuvor in dem Dorf San Luca in Kalabrien eine Frau und ein Kind aus einem anderen Clan umgebracht; Duisburg war die Vergeltung. Die Clan-Chefs aus Italien hatten ein Exempel statuiert - und sie gaben den deutschen Behörden zu verstehen, dass sie auch in der Bundesrepublik tun und lassen, was sie wollen.

Ermittlungen auf Standby

Die deutschen Behörden waren darauf nicht vorbereitet, reagierten aber prompt. Die Duisburger Mordkommission hatte zeitweise 130 Mitglieder, Bundes- und Landeskriminalamt ermittelten, und in aller Eile wurde außerdem eine deutsch-italienische Anti-Mafia-Task-Force gebildet. Es gab zahlreiche Festnahmen in mehreren europäischen Ländern; unter anderen wurde der mutmaßliche Drahtzieher der Morde gefasst, Giovanni S. aus San Luca. Er war mit der Frau verwandt, die in Kalabrien ermordet worden war. S. hatte aber keine weite Anreise zum Tatort - er betrieb bis August 2007 in Kaarst zwei Restaurants.

Doch auch zwei Jahre später sind noch Fragen offen, und sie werden wahrscheinlich nicht mehr in Deutschland geklärt. So weiß die Staatsanwaltschaft Duisburg noch immer nicht, wie viele Killer die Morde verübt haben. "Wir gehen von mindestens zwei Tätern aus", sagt Oberstaatsanwalt Detlef Nowotsch. In Duisburg läuft ein Verfahren gegen den mutmaßlichen Killer Giovanni S. - allerdings offensichtlich pro forma.

Auslieferung nach Italien

Denn nur ein Staatsanwalt und eine Handvoll Polizisten sind noch damit beschäftigt, Akten aufzuarbeiten und nach neuen Indizien zu suchen. Zwar betont ein Polizeisprecher, die Mordkommission könne bei Bedarf "jederzeit" wieder auf ihre frühere Maximalgröße anwachsen. Oberstaatsanwalt Nowotsch geht aber nicht davon aus, dass Giovanni S. in Deutschland vor Gericht kommen wird. Der Verdächtige wurde im März in Holland festgenommen und anschließend nicht nach Duisburg, sondern nach Italien abgeschoben - mit Zustimmung der Deutschen, wie Nowotsch betont. Nun wartet S. im Gefängnis "Rebibbia" in Rom auf seinen Prozess wegen Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung.

Gerangel zwischen Deutschland und Italien

Immerhin ist inzwischen klar, dass ein zweiter mutmaßlicher Mafioso, Giuseppe N., damals in Duisburg nicht im Fluchtauto saß. Nach monatelangem Hin und Her erhielten die Duisburger Ermittler Beweismittel aus Italien und konnten endlich die DNA-Probe von N. mit Spuren aus dem Fluchtauto abgleichen. Das Gerangel um die DNA war aber nicht die einzige atmosphärische Störung zwischen den deutschen und den italienischen Ermittlern. Grund waren unterschiedliche Rechtsnormen und -Traditionen dies- und jenseits der Alpen.

Unterschiedliche Rechtssysteme als Problem

So warf der Antimafia-Untersuchungsrichter Salvatore Boemi im Laufe der Ermittlungen entnervt das Handtuch, weil die Deutschen es trotz seines entsprechenden Ersuchens ablehnten, Konten und Besitztümer mutmaßlicher Mafiosi zu beschlagnahmen. Boemi hatte Informationen, wonach das "Da Bruno" in Duisburg und eine Pizzeria am Niederrhein Waffenlager und Stützpunkte der 'Ndrangheta seien. In Italien, wo die Strafgesetze auf die Mafia zugeschnitten sind, hätte das für eine Beschlagnahmung gereicht - in Deutschland reichte es nicht. "Rechtshilfeersuchen werden immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Rechtsordnung bearbeitet", sagt Oberstaatsanwalt Nowotsch dazu.

Neues Gesetz gegen Geldwäsche

Da aber das Geld der Mafia nicht an Staatsgrenzen haltmacht, hat sich Deutschland jetzt doch bewegt. Anfang Juli beschloss der Bundestag ein Gesetz, wonach die deutschen Behörden künftig rascher als bisher Vermögen von Kriminellen einziehen können, die in Italien oder anderen EU-Staaten bereits verurteilt worden sind. Der Bundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter (SPD) wies darauf hin, dass Verurteilte ihr Vermögen aus Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Auftragsmord und anderen mafiösen Geschäften bisher oft noch rechtzeitig verschwinden ließen. Das neue Gesetz sei "ein wichtiger Schritt" im Kampf gegen die Mafia, sagt auch die italienische Abgeordnete Laura Garavini. Sie lebt in Rom und Berlin und wurde 2008 von den Auslandsitalienern ins Parlament gewählt, wo sie jetzt der Antimafia-Kommission angehört.

Clans haben sich wieder versöhnt

Bei allem Optimismus bleibt fraglich, ob sich 'Ndrangheta, Camorra, Cosa Nostra und Co. von den neuen Gesetzen wirklich beeindrucken lassen. Wie der aus Sicherheitsgründen untergetauchte italienische Mafia-Experte und Buchautor Roberto Saviano jüngst dem "Focus" sagte, betrachten die Mafiosi Teile von Deutschland längst als ihr Revier.

Die verfeindeten Clans in Kalabrien, deren Fehde im Blutbad von Duisburg gipfelte, haben derweil nach Einschätzung der italienischen Behörden wieder Frieden geschlossen. Im eigenen Interesse: Die Morde von Duisburg haben viel Staub aufgewirbelt, und die 'Ndrangheta arbeitet lieber im Verborgenen.

Stand: 14.08.2009, 00:00