Katastrophe mit Ansage?

Großes Gedränge am unteren Ende der Rampe, die zum Festivalgelände der Loveparade führt.

Neues Gutachten zur Loveparade

Katastrophe mit Ansage?

Die Loveparade-Katastrophe war vorhersehbar: Zu diesem Ergebnis kommt das Gutachten, das dem WDR vorliegt und das ein britischer Wissenschaftler im Auftrag der Duisburger Staatsanwaltschaft erstellt hat. Tunnel- und Rampensystem seien nicht dafür gemacht gewesen, die vielen Menschen aufzunehmen.

Keith Still, Experte für das Verhalten großer Menschenmengen, hat Karten, Diagramme, Fotos und Videos aus der Planungsphase und von dem Tag des eigentlichen Unglücks analysiert. Die Vorgabe der Staatsanwaltschaft: Er sollte vor allem untersuchen, wie sich die Menschenmassen auf dem Gelände, im Tunnel und auf der Rampe hin- und her bewegten. Sein Fazit: Tunnel und Rampe wurden gleichzeitig als Eingang und als Ausgang benutzt. Deswegen ging die Zahl der Menschen pro Quadratmeter weit über das hinaus, was Experten für sicher halten, nämlich zwei bis drei Menschen. Schon ab sechs werde es "extrem gefährlich", so Still. Aber in Duisburg waren es sogar acht bis zehn Menschen pro Quadratmeter. Eine Katastrophe, die hätte vermieden werden können, glaubt man dem Gutachten. Denn, so Stills Beobachtung: Eine einfache mathematische Rechnung hätte gezeigt, dass die Rampe die ankommenden und abfließenden Menschen gar nicht hätte aufnehmen können - sie war dafür viel zu eng. Wer dieses Versäumnis zu verantworten hat, lässt der Experte allerdings offen. Namen nennt er nicht, er gibt auch keiner der beteiligten Gruppen, also den Veranstaltern, der Stadt oder der Polizei, ausdrücklich die Schuld.

Kein Blick für die Gefahrenstellen?

Auf 21 Seiten listet Still, der etliche Fälle von Massenpanik analysiert und zuletzt an der Planung für die Hochzeit im britischen Königshaus beteiligt war, die Ergebnisse seiner Analysen auf. Dabei macht er Fehler im Vorfeld aus: "Normalerweise" gebe es ein Sicherheitskonzept, in dem Details zur Risikoanalyse festgehalten würden. Außerdem sei es wichtig während der Veranstaltung zu beobachten, wie die Menschen ankommen, wo es Schlangen gibt und wo es eng werden könnte. Im Duisburger Fall sei dieses "crowd monotoring" bei der Planung zwar angesprochen worden. Aber: Rampe und Tunnel wurden nach Stills Ansicht nicht als neuralgische Punkte identifiziert.

Niemand erhob Einwände gegen das Konzept

Überhaupt fehlten spezifische Details, was die Sicherheit an der Rampe, im Tunnel und beim Aufeinandertreffen der ankommenden und abfließenden Menge betrifft. Dabei hätten andere Katastrophen ähnlicher Natur gezeigt, dass gerade die Ein- und Ausgänge besonderer Aufmerksamkeit bedürften. Trotz dieser Mängel habe es keine offiziellen Einwände gegen das Sicherheitskonzept gegeben, weder bei den Planspielen noch beim allgemeinem Genehmigungsverfahren oder bei der Überprüfung durch Experten.

Auf den Stau nicht reagiert

Vertrocknete Rosen liegen im Unglückstunnel

Die Suche nach den Schuldigen geht weiter

Still erwähnt auch den zerbrochenen Gully, der am 24. Juli 2010, dem Tag der Loveparade, mit einem Bauzaun abgedeckt wurde: Eine Stolperfalle, die nicht auf den Karten vorab auftauchte, die aber die Gefahr deutlich erhöhte. Entscheidend war aber, so das Fazit, dass es zu viele Menschen auf zu kleinem Raum gab, dazu Lärm, allgemeine Verwirrung - und Verantwortliche, die nicht auf den gefährlichen Stau reagierten. Die Eingeschlossenen versuchten, dem Druck zu entfliehen und über die Treppe zu entkommen. 21 Menschen kamen dabei um.

Stand: 17.02.2012, 15:51