Interview mit einer Augenzeugin der Loveparade-Katastrophe

Loveparade-Besucher versuchen, Treppe zu erreichen

"Die Leute sind immer aggressiver geworden"

Interview mit einer Augenzeugin der Loveparade-Katastrophe

Denise Becker aus Neuss steckte kurz vor der Katastrophe im Menschenpulk, der aufs Loveparade-Gelände wollte. WDR.de hat sie erklärt, mit welcher waghalsigen Aktion sie der Menge entkam.

WDR.de: Sie haben heute Mittag die Pressekonferenz der Stadt Duisburg und der Veranstalter im WDR-Fernsehen gesehen. Was halten Sie von den Aussagen, die da gemacht wurden?

Denise Becker: Ich find's echt lächerlich und traurig, dass die das alles so abgetan haben. Die haben gesagt wir hätten Ausweichmöglichkeiten gehabt. Aber die gab es eben nicht! Die haben so viele Sperren aufgebaut, dass man einfach nicht raus kam aus der Menge.

WDR.de: Wie sind Sie denn zum Loveparade-Gelände gekommen?

Becker: Wir sind zu Fuß vom Bahnhof immer den Menschenmassen hinterher gelaufen und dann standen wir irgendwann vor der ersten Barrikade. Da mussten alle warten, die zur Haupt-Area wollten. Da war alles abgesperrt, und die haben zu uns gesagt, sie können keinen mehr reinlassen, weil es einfach zu voll ist. Da gab es auch schon ein großes Gedrängel, weil da natürlich alle rein wollten. Irgendwann haben sie dann endlich diese Barrikaden aufgemacht. Und dann sind wir mit einem riesigen Schwall da durchgekommen. Dann ging es durch diesen Tunnel. Der war bei uns aber noch nicht so voll. Da konnten wir normal gehen. Aber dann, als wir aus dem Tunnel rausgekommen sind, ging nichts mehr. Da sind alle, die aufs Gelände wollten aufeinander getroffen. Von hinten kam der ganze Pulk und hat gedrückt, und vorne ging es nicht weiter. Wir hatten keine Chance, diese Rampe aufs Gelände hoch zu kommen.

WDR.de: Wie war denn die Stimmung unter den Leuten in der Menge?

Die Leute sind immer aggressiver geworden. Ich habe auch einige gesehen, die offenbar Drogen genommen oder zuviel Alkohol getrunken hatten. Eine Frau hat einem Mann immer ins Gesicht geschlagen, damit er nicht einschläft.

WDR.de: Wurde Ihnen denn von der Polizei oder von den Ordnern geholfen?

Becker: Es war eine Frechheit. Wir hatten Angst um unser Leben, und die Polizisten hatten nichts anderes zu tun, als mit ihrer - Entschuldigung - Scheiß-Kamera draufzuhalten und alles zu filmen. Und das Schärfste war einfach nur: Eine Polizistin wollte das deeskalieren, indem sie Apfelschorle über uns gekippt hat. Das hat aber alles noch verschlimmert. Wir waren einfach fassungslos. Wir dachten: Was tut die da? Das hat alles nur noch mehr aufgeschaukelt. Die Leute sind dann nur noch ärgerlicher geworden, weil es eben nicht vorwärts ging.

WDR.de: Und wie sind Sie aus der Menschenmenge rausgekommen?

Becker: Wir sind diesen Lampenmast hochgeklettert. Wir hatten Glück, dass wir in die richtige Richtung geschoben wurden. Alle um uns rum haben diesen Mast auch gesehen und wollten da hin, aber viele kamen gar nicht voran. Wir dachten uns, wir müssen da jetzt einfach hoch, sonst passiert noch irgendwas Schlimmeres. Wir haben wirklich um unser Leben kämpfen müssen. Da sind Leute über einen drüber gestiegen, die alle diesen Mast hoch wollten. Und irgendwie haben wir es dann Gott sei Dank noch geschafft. Da sind dann zum Teil vier Leute gleichzeitig hochgeklettert, weil sie einfach Panik hatten und einfach nur weg wollten. Das war ganz schön krass.

WDR.de: Danke für das Interview und alles Gute! Das Interview führte David Ohrndorf.

Stand: 25.07.2010, 16:10