"Kyrill ist noch nicht vorbei"

Forstmaschine zersägt umgestürzte Bäume

Ein Jahr danach zieht ein Förster Bilanz

"Kyrill ist noch nicht vorbei"

Von Markus Rinke

Vor einem Jahr stand der Iserlohner Förster Peter Borghoff fassungslos und mit Tränen in den Augen vor den Resten seines Waldes. Kyrill hatte die Arbeit von mehreren Jahrzehnten zerstört. Auch heute noch beherrscht der Sturm seinen Alltag.

"Das ist uns schon sehr an die Nähte gegangen", sagt Borghoff. Der Förster steht genau an jener Stelle in der Nähe seines Hauses, wo er auch vor einem Jahr stand. Äste und Stämme liegen auf dem zerfurchten Waldboden, vereinzelt stehen einige Fichten. "Die werden wir auch noch schlagen müssen", sagt der Förster. Nur die vielen umgestürzten Bäume sind hier schon abgefahren. Auch wenn der Förster sachlich erzählt, nüchtern kann er den Sturm immer noch nicht betrachten. Die Ruhe fehlt dem sonst so bodenständigen Mann. "Ich bin mindestens zwölf Stunden täglich mit Kyrill beschäftigt, obwohl ich zwei Hilfsförster zur Seite habe." Direkt nach dem Sturm waren es 16 Stunden täglich.

Hilfe von der Stadt

Dabei hätte sich der Förster das Leben einfach machen können. Mit seinen 64 Jahren wollte er eigentlich schon in Pension sein. "Ich habe versprochen, dass wir das gemeinsam durchziehen", sagt Borghoff. Ob er die Entscheidung bereut hat, lässt er offen. Die Waldbesitzer rund um Iserlohn haben sich zusammen getan. Mit günstigen Krediten der Städte Iserlohn und Hemer haben sie wenige Tage nach dem Sturm damit begonnen, ihre Wälder aufzuräumen. Geld vom Land gab es dagegen kaum. Zu bürokratisch, zu teuer, zu langwierig seien die Hilfsangebote, sagt Borghoff. Die Hälfte der Landesgelder in Höhe von 200 Millionen Euro sei zudem für Kommunen und Landesbetriebe reserviert - für die Reparatur von Straßen und Wegen etwa.

Angst vor Unfällen

Doch so weit sind die Sauerländer noch nicht. Hier, wo der Sturm besonders wütete, sind bislang etwa drei Viertel der Sturmflächen aufgearbeitet. Umgeknickte Bäume sind weggefahren, stehen gebliebene auf Schäden untersucht und nicht selten ebenfalls gefällt worden. Noch immer sind bis zu 50 Arbeiter in den Sauerländer Wäldern beschäftigt. "Wir haben Gott sei Dank noch keinen tödlichen Unfall erlebt. Das ist ganz großes Glück, denn die Statistik sagt etwas anderes."

Eine zusätzliche Belastung ist der organisatorische Aufwand: "Da muss man schon hellwach bleiben, es fahren hunderte Lastwagen Holz ab, da verlieren sie ganz schnell die Kontrolle." Viele Stunden verbringt Peter Borghoff mit Büroarbeit. Mitte 2008 soll mit den Waldbauern abgerechnet werden.

Wenig Verständnis

Erst dann hat Borghoff die Möglichkeit, sich wieder um die Aufforstung des Waldes zu kümmern. Erst dann können auch die Wege repariert werden. Dafür haben nicht alle Verständnis. Wandervereine beschweren sich bei ihm darüber, dass sie die Waldwege noch nicht nutzen können. Manchmal verliert Borghoff dann die Beherrschung - vor Kyrill für ihn undenkbar.

Zufriedener wirkt Peter Borghoff erst, als er von Chancen erzählt, die Kyrill bietet. "Wir werden versuchen, sturmfeste und klimaresistente Mischwälder zu schaffen." So sollen zum Beispiel die Esskastanie und die Douglasie, eine Kiefernart aus Nordamerika und Asien angepflanzt werden. "In zwei, drei Jahren werden hier ganz neue Pflanzen wachsen - Fingerhut und Waldweidenröschen etwa, der Wald wird ganz anders aussehen als früher." Und diese Vorstellung bereitet dem Förster sichtbar Freude.

Stand: 18.01.2008, 10:08