Ruhr 2010 - Was hat's der Kunst gebracht?

Die Silhouette vom Malakoff-Turm in Bottrop bei Sonnenuntergang

Kulturszene nach Jahr der Kulturhauptstadt

Ruhr 2010 - Was hat's der Kunst gebracht?

Von Nina Magoley

Sie war ein großes Kulturfest - die Ruhr 2010. Mit ihrem Ende sind allerdings auch die meisten Geldquellen versiegt. Was ist geblieben vom Glanz des Kulturhauptstadtjahres? Hat die Kulturszene im Ruhrgebiet wirklich - auch im Kleinen - profitiert?

"Demnächst schlagen Sie den Reisekatalog auf, und dann steht da nicht mehr Dortmund, Essen oder Duisburg als Reiseziel, sondern Metropole Ruhr". Oliver Scheytt gerät schnell ins Schwärmen, wenn es um das Ruhrgebiet geht. Als Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH hat er die Aufgabe, aus dem Glanz, der Euphorie, der Feierlaune, die die ehemals graue Industrieregion im vergangenen Kulturhauptstadtjahr erfasst hatte, ein Zukunftskonzept zu machen, das sich vermarkten lässt.

Mehr Besucher im Ruhrgebiet denn je

Sänger beim Day of Song singen draußen

Sängerin beim Day of Song 2010

Ein halbes Jahr nach dem Ende des Kulturhauptstadtjahrs sehen die Zahlen erstmal gut aus: Kulturveranstalter registrieren noch immer deutlich höhere Besucherzahlen als in der Vergangenheit. Knapp siebeneinhalb Prozent mehr kamen allein im ersten Quartal 2011 ins Ruhrgebiet, Hotels verbuchten ein Plus von 10,7 Prozent an Übernachtungen - alles im Vergleich zum Festjahr 2010, das von der Ruhr Tourismus GmbH schon als "Rekordjahr" bezeichnet wird. Ab 2012 soll die Region nun jährlich 4,8 Millionen Euro bekommen, halb vom Land, halb vom Regionalverband Ruhr (RVR), um begonnene Kulturprojekte weiterführen zu können.

Dazu gehören Projekte wie die "RuhrKunstMuseen", ein Netzwerk der 20 wichtigsten Museen im Ruhrgebiet; die "Ruhrlights", Lichtinstallationen, die besondere Orte des Ruhrgebiets künstlerisch beleuchten, oder die Wiederholung des "Day of Song", an dem im vergangenen Jahr Tausende gemeinsam sangen. Was aber bleibt für die freien Künstler, nachdem das Fest vorbei ist und die Budgets für die großen Projekte verteilt?

Katerstimmung bei den Bildenden Künstlern

Emil Schumacher Museum

Neue Räume für die Kunst: Emil Schumacher Museum

Deutlich abgekühlt hat sich inzwischen die Stimmung bei den Bildenden Künstlern in der Region. Zwar gab es mehrere große Projekte, an denen Maler und Bildhauer aus dem gesamten Ruhrgebiet gemeinsam beteiligt waren: Unter dem Titel "Starke Orte" beispielsweise zeigten mehr als 100 Künstler ihre Werke in verschiedenen ruhrgebietstypischen, geschichtsträchtigen Gebäuden. "Die Besucherzahlen, die wir da hatten, und auch die Pressereaktionen, waren höchst erfreulich", sagt der Bochumer Künstler Bernd Figgemeier, Vorsitzender des Bundesverbands Bildender Künstler Westfalen. Nachhaltig sei auch die Vernetzung der Künstlerverbände des Ruhrgebiets, die dabei entstanden ist: "Dadurch konnten wir auch für 2011 schon neue gemeinsame Projekte anleiern", sagt Figgemeier, es gebe nun regelmäßige Treffen der Künstlerverbände gemeinsam mit einem Vertreter der Ruhr 2010. Mit "Quergesponnen" gab es in Essen-Kettwig im Mai 2011 bereits eine Fortführung der Serie "Starke Orte", eine weitere gemeinsame Ausstellung in Bochum ist für September geplant.

"Das Problem dabei ist nur, wie eh und je: Es ist kein Geld da", sagt Figgemeier, "finanziell läuft jetzt gar nichts mehr". Die Miete ihrer Ausstellungsräume, Strom und Aufsichtspersonal hätten die Künstler teilweise selber aufbringen müssen. Während des Kulturhauptstadtjahrs hätten sich "Politiker mit glanzvollen Kulturveranstaltungen geschmückt", klagt Figgemeier, "aber weitere positive Folgen hatte das nicht." Die Erkenntnis bei Kommunalverwaltungen, dass auch Ruhrgebietsstädte mit Kunst locken könnten, sei ausgeblieben.

"Zurück in der alten Mangelsituation"

Wobei sicherlich eine Rolle spielt, dass ein Großteil der 53 Kommunen, die an der Ruhr 2010 beteiligt waren, quasi pleite sind. Wie zum Beispiel die Nothaushaltgemeinde Recklinghausen. Während des Festjahres stand der Stadt ein Extra-Budget für Kultur zur Verfügung - wie in allen Kommunen zwei Euro pro Einwohner - mit dem sie sich am Ruhr 2010-Programm beteiligen konnte. "Dieses Geld gibt es jetzt nicht mehr", sagt Beate Ehlert-Willert, Leiterin des städtischen Instituts für Kulturarbeit. Jetzt, da das rauschende Fest vorbei ist, sei man "wieder in die alte Mangelsituation zurückgestolpert" - was durchaus bitter sei, denn: "Während dieser Zeit sind Bedarfe geweckt und Standards gesetzt worden, die ohne das Extrageld nicht weitergeführt werden können." Und dennoch habe die Ruhr 2010 das kulturelle Leben der Stadt nachhaltig verändert. "Geblieben sind vor allem Vernetzungen und neue Möglichkeiten der Kommunikation."

Kulturhauptstadtjahr: "Utopischer Entwurf dessen, was sein könnte"

So gelingt es der Stadt, das Projekt "Kulturkanal" - Kulturveranstaltungen entlang des Rhein-Herne-Kanals - oder auch die regelmäßige Literaturwoche weiter zu führen, obwohl eigentlich kein Geld mehr da ist: mehrere Kommunen schließen sich zusammen. "Vernetzung ist in Zeiten knapper Kassen die einzige Chance, Einrichtungen erhalten zu können", erklärt Ehlert-Willert: "Je mehr Kommunen oder Institutionen sich an einer Veranstaltung beteiligen, desto günstiger wird es für die einzelnen." So könne man sich Kosten für Werbung oder Personal teilen. Und je größer das Einzugsgebiet einer Veranstaltung, desto eher ließen sich Sponsoren dafür finden. "Die Kulturszene hat zwar nach Ruhr 2010 keinen Cent mehr zur Verfügung, dafür aber einen längeren Atem bekommen - weil man gesehen hat, was gemeinsam möglich ist." Das Kulturhauptstadtjahr habe als "utopischer Entwurf dessen, was sein könnte" ein neues Denken bei den Kulturverantwortlichen geweckt.

Freie Kulturszene bleibt ohne Förderung

Die freie Kulturszene, das räumt die Institutsleiterin ein, bleibe allerdings weiterhin mehr oder weniger außen vor. In Recklinghausen versuche man nun, auch für die freien Musiker, Maler oder Theaterleute ein neues Konzept zu entwickeln - auch hier mit möglichst "ressourcenneutralen Mitteln", wie Ehlert-Wille es ausdrückt: durch "mehr Kommunikation", neu eingerichtete Sprecherposten der Szene, frühzeitige Planung von Auftritten oder Ausstellungen. Ob auf ihrem Kulturkonto eines Tages ein paar der 4,8 Millionen Euro, die das Land NRW und der RVR jährlich für die Nachhaltigkeit der Ruhr 2010 zur Verfügung stellen wollen, ankommen? Die Kulturchefin lacht: "Ich lasse mich überraschen."

Ähnlich zurück auf dem Boden der Tatsachen gelandet fühlt sich Alexandra Schmidt, die das NRW Landesbüro Freie Kultur leitet. Auch sie verbuchte beim Theaterfestival Favoriten 2010 - früher unter dem Namen Theaterzwang bekannt und eins der wichtigsten deutschen Festivals der Freien Theater - deutlich mehr Zuschauer. Der Grund: Dank des Extra-Budgets für Ruhr 2010 konnte man im Voraus mehr Werbung machen. "Das zeigt deutlich, dass man auch im Ruhrgebiet mehr Zuschauer anziehen kann, wenn man mehr Geld in Kultur-Marketing investiert." Ob sich die Zahlen von 2010 wiederholen lassen, sei fraglich. "Solange die Förderhoheit für Kultur in der Hand der Stadtverwaltungen liegt, wird sich nichts großartig ändern."

Und die 4,8 Millionen Euro? Wo werden sie konkret investiert? "Vor allem in die Köpfe der Menschen", sagt Oliver Scheytt feierlich unkonkret, "dort muss das Bild ankommen: von der Metropole Ruhrgebiet. Das zählt mehr als eine Literaturwoche in Recklinghausen mehr oder weniger ."

Stand: 18.08.2011, 02:00