Der Titel geht, die Kultur bleibt

Fritz Pleitgen

Ruhr 2010 zieht Bilanz zum Kulturhauptstadtjahr

Der Titel geht, die Kultur bleibt

Von Katja Goebel

Mit starken Bildern und Lust auf Kultur sei das Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr seinem veralteten Image entgegengetreten, bilanzieren die Macher der Ruhr 2010 nach einem knapp einjährigen Kulturfest und fordern: Unbedingt weitermachen.

Zur Abschlusskonferenz hat die Ruhr 2010 gleich neben den Mond geladen. Der hängt als leuchtendes Modell im Oberhausener Gasometer und ist gleichzeitig das Herzstück der erfolgreichsten Ausstellung der Kulturhauptstadt. Eisig ist es hier im riesigen Rund dieses ungewöhnlichen Ortes. Und so schließt sich mit dieser kältesten Pressekonferenz des Jahres auch klimatisch der Kreis. Vor knapp einem Jahr überraschte die frisch angetretene Kulturhauptstadt mit einer Open-Air-Eröffnung im Schneegestöber und auch die Abschlussveranstaltung am 18. Dezember wird wieder im Freien stattfinden. "Wir haben trotzdem keine kalten Füße, wenn wir an die Zukunft denken", witzelt Ruhr 2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt, der im dicken Lodenmantel und mit Schal auf dem Podium steht. Doch bevor die Macher der Kulturhauptstadt auf die Zeit nach 2010 zu sprechen kommen, werden erst einmal Lobeshymnen angestimmt.

Kulturhauptstadt für alle

Über 5.500 Veranstaltungen stemmte die Kulturhauptstadt in einem Jahr und über tausend freiwillige Helfer waren dabei im Einsatz. "Wir haben immer gesagt, dass wir eine Kulturhauptstadt für alle veranstalten, die Bürger zu Akteuren unserer Programme machen und alle Städte mitnehmen wollen. Das haben wir eingelöst", versichert Ruhr 2010-Chef Fritz Pleitgen und zählt im Schnelldurchgang noch einmal einige der großen Gemeinschaftsprojekte auf, bei denen Ruhrgebietsstädte Hand in Hand arbeiteten: Die Theaterreise Odyssee Europa, der Zusammenschluss der Ruhrkunstmuseen, der Kulturkanal - bespielt in zehn Städten gleichzeitig, die Schachtzeichen über dem Revier mit 1.000 Einzelveranstaltungen unter knallgelben Ballonen oder das Still-Leben, als längste Kulturmeile mitten auf der Autobahn. Wirkungsvolle Netzwerke seien so entstanden. Statt Rivalität setzten die Revierstädte auf Kooperation. Nach dem Kulturhauptstadtjahr werde der Wert der Kultur als sozialer und wirtschaftlicher Faktor "hoffentlich höher eingeschätzt, als das bisher der Fall war."

Zukunftspläne schmieden

Die Kulturhauptstadt habe nicht nur das Selbstbewußtsein ihrer Bewohner gestärkt, sondern auch Touristen in die Revierstädte gespült. "Ruhr hat jetzt einen neuen Klang", versichert Oliver Scheytt und verkündet 13,4 Prozent Steigerung bei den Besucher- und Übernachtungszahlen. Die Zahl ausländischer Besucher stieg um rund 18 Prozent.

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Bilanz zur Ruhr 2010

"Was in diesem Jahr erreicht wurde, muss nicht im nächsten Jahr zu den gleichen Ergebnissen führen", mahnt Pleitgen schließlich mit Blick auf die Kulturhauptstadt Linz im Jahr 2009. Die Stadt an der Donau habe nach einem erfolgreichen Jahr 15 Prozent Einbußen im Tourismus hinnehmen müssen. "Das heißt: Nicht nachlassen. Wir können uns nicht ein Jahr lang aufspielen und dann die Ressourcen schwächen." Wie der Zukunftsplan aussehen soll, weiß der Ruhr 2010-Chef auch schon. "Wir plädieren dafür, die Geschäftsfelder unserer Gesellschaft gebündelt in eine passende Struktur zu bringen. Dazu eignet sich am besten die Kultur Ruhr GmbH." Die Gelsenkirchener Kultur Ruhr GmbH trägt bisher das renommierte Theater- und Opernfestival Ruhrtriennale.

"Arschtritt für die Pessimisten"

Apropos Nachhaltigkeit - es gibt kaum ein Wort, dass an diesem Tag der Bilanz häufiger fällt. Und so soll die Kulturhauptstadt auch nicht am 31. Dezember 2010 abrupt enden. Mit der Erweiterung des Museums Küppersmühle, der Eröffnung der Landmarke Angerpark und der Rehberger Brücke werden 2011 weitere Projekte aus dem Kulturhauptstadtprogramm auf den Weg gebracht. Der Wandel durch Kultur sei eine schwere Aufgabe, weiß auch Dieter Gorny zu berichten, der sich 2010 für den Programmschwerpunkt "Stadt der Kreativität" ins Zeug legte. An der Kreativwirtschaft werde das Ruhrgebiet ökonomisch zwar nicht gesunden können, so Gorny, eine Stadtentwicklung ohne Kultur sei aber nicht mehr möglich.

Man werde 2011 nicht einfach in ein schwarzes Loch fallen, betont am Ende auch Asli Sevindim, eine der vier künstlerischen Direktorinnen der Ruhr 2010. "Hier war ja auch vorher schon etwas, sonst hätten wir den Titel gar nicht bekommen. Die Kulturhauptstadt ist ein Arschtritt für Pessimisten."

Finale unter dem Herkules

Offiziell und standesgemäß im Freien verabschiedet sich die Ruhr 2010 am 18. Dezember mit einer finalen Feier in vier Städten. Hauptschauplatz ist der Nordsternplatz in Gelsenkirchen. Als Bühnenkulisse dient der ehemalige Fördertum der Zeche Nordstern, der aus aktuellem Anlass mit einem riesigen Herkules von Künstler Markus Lüpertz gekrönt wird. Zeitgleich wird an diesem Tag auch am Dortmunder U, im Innenhafen Duisburg und am Saana-Gebäude der Essener Zeche Zollverein gefeiert. Der WDR überträgt das Finale live im Fernsehen.

Stand: 19.12.2010, 15:00