Halbzeit für die Kulturhauptstadt

Im "Richter Kiosk" in Essen hängen im Juni 2010 Magnetschilder mit Ruhrgebietssprüchen

Ruhr 2010 zieht Bilanz

Halbzeit für die Kulturhauptstadt

Seit sechs Monaten überrascht die Ruhr 2010 Gäste und Einheimische gleichermaßen mit Kulturkanälen, singenden Städten oder fliegenden Schachtzeichen. Bis jetzt wollten 4,8 Millionen Besucher beim kulturellen Aufbruch des Ruhrgebiets dabei sein.

Halbzeit für die Kulturhauptstadt. In die Duisburger Mercatorhalle haben die Macher zur Pressekonferenz gebeten. Draußen gibt es Ruhrgebiets-Devotionalien - vom Ratzefummel bis zur hippen Umhängetasche - drinnen auf der Saalbühne sitzen die Ruhr 2010-Geschäftsführer und ihre künstlerischen Direktoren auf Bierbänken. Jene Holzgarnituren, die am 18. Juli die A 40 zur längsten Picknickmeile der Nation machen sollen. Doch dazu später mehr. Jetzt wird erst einmal Bilanz gezogen.

"Kultur kann viel - hier im Ruhrgebiet sogar Halden versetzen", sagt Ruhr-2010-Chef Fritz Pleitgen und blickt zufrieden auf die ersten sechs Monate, in der sich die Metropole Ruhr als Kulturhauptstadt beweisen musste. Sein Lob gilt den 52 Städten, die für den gemeinsamen Titel an einem Strang ziehen. "So einen Gesamtauftritt hat das Ruhrgebiet noch nicht erlebt. Die Bevölkerung erlebt die Städte als einen Kulturraum."

Der Ruhri als Gastgeber und Mitmacher

Diese Kulturhauptstadt ist nicht nur etwas zum Staunen, sie bewegt die Leute auch zum Mitmachen. Wie zum Beispiel beim "Day of Song", bei dem die ganze Region einen Tag lang auf Straßen, Plätzen und Konzertbühnen bekanntes Liedgut schmetterte. Oder bei den Schachtzeichen, als freiwillige Helfer den Gästen Geschichten aus der Heimat erzählten. Überhaupt, so findet Ruhr-2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt, seien die Ruhris tolle Gastgeber. Allein bei der Biennale für Lichtkunst hätten 90.000 Menschen an Privatwohnungen geklingelt, um die dort ausgestellten Werke zu sehen. Außerdem haben sich über 1.000 Menschen ehrenamtlich zu Ruhr-2010-Helfern schulen lassen. Rund fünf Millionen Gäste haben das Ruhrgebiet im ersten Halbjahr besucht. Wenn das so weiter gehe, könne die Region zu einer der erfolgreichsten Kulturhauptstädte in der Geschichte werden.

Krisenerprobt - lange vor der Eröffnung

Die Kulturhauptstadt als Erfolgsgeschichte - das war am Anfang gar nicht so sicher. Schließlich beutelte die Finanzkrise die Ruhr 2010 bereits lange bevor das offizielle Programm überhaupt gestartet wurde. Noch Mitte 2009 hatten im Gesamtetat von 65 Millionen Euro satte sieben Millionen Euro an Sponsorengeldern gefehlt. Aus Geldmangel mussten sich die Macher schon damals von einigen spektakulären Großprojekten verabschieden. So platze der Traum von "Zollverein unter Tage" - einer Ausstellung in 1.000 Meter Tiefe - weil die Folgekosten für das Projekt zu groß waren. Für die geplante Ausstellung "Welt der Religionen" im Oberhausener Gasometer fehlte schließlich ebenso das Geld, wie für eine pompöse Eröffnungsfeier in der Schalke-Arena. Die Auftaktfeier fand zu Beginn des Jahres auf Zollverein statt und fiel kleiner aus als geplant. Andere Projekte standen Monate lang auf der Kippe. So war lange nicht klar, ob die "Sinfonie der Tausend" oder "Schachtzeichen" tatsächlich zu stemmen seien. Dank vieler Sponsoren und tausender eherennamtlicher Helfer, stiegen im Mai dann doch noch mehr als 300 gelbe Heißluftballone über den ehemaligen Zechen des Reviers auf und auch das Sing-Projekt in der Schalke-Arena mit einem Chor aus 60.000 Stimmen wurde ein Höhepunkt im Kulturhauptstadtprogramm.

Projekte gesichert, Kritiker verstummen

Klamme Kassen in den Kommunen und Kürzungen von Kulturetats brachten damals auch viele Kritiker auf den Plan. Kulturschaffende hatten offen befürchtet, dass normale Kultureinrichtungen zugunsten der Hochglanzprojekte auf der Strecke blieben. Die Ruhr 2010-Geschäftsführer hatten dabei stets andersherum argumentiert. Schließlich arbeite die Kulturhauptstadt ja gerade am Wandel der Kulturen, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, so der Tenor. "Die Kritiker sind längst verstummt", so Ruhr 2010-Sprecher Clemens Baier. "Alle Projekte sind sicher finanziert." Die Rivalität zwischen den Städten wie auch den Kultureinrichtungen weiche mehr und mehr einem Geist der Zusammenarbeit.

Der Pott als Überraschungspaket

Jetzt überrascht die Region mit ihrem Programm nicht nur weitgereiste Gäste, sondern auch Einheimische. So wurden mit Wasserstraßen, Gasometer und Maschinenhallen haufenweise ungewöhnliche Orte bespielt. Es lockte eine Goya-Ausstellung nach Dinslaken, eine Aida-Oper auf die Halde nach Bottrop, schwimmende Ruhr-Atolle nach Essen und eine Bienenzucht ins Autobahnkreuz bei Duisburg.

Ob Krimi, Poetry-Slam oder Theater - ständig findet auch in der zweiten Hälfte des Kulturhauptstadt-Jahres irgendwo im Pott ein Festival statt. Das neu geschaffene Kreativzentrum "Dortmunder U" wird sich endlich komplett öffnen, die Loveparade wird durch Duisburg rollen und die A 40 für einen ganzen Tag lang von Duisburg bis Dortmund gesperrt. Der Grund: Die größte Kulturpräsentation durch Revierbürger braucht Platz. 20.000 Bierzeltgarnituren in einer Reihe werden benötigt. An jedem der Tische wird ein Stück Ruhrgebiet zelebriert.

Allein das Programm für die zweite Jahreshälfte der Kulturhauptstadt ist 220 Seiten stark. Hunderte von Veranstaltungen in sämtlichen Städten. "Also immer hinein ins Vergnügen", rät Fritz Pleitgen. Dabei geloben die Veranstalter aber auch Besserung, was die teilweise unübersichtlichen Programmhinweise und den Ticketverkauf angehen. All dies soll im zweiten Halbjahr kundenfreundlicher gestaltet werden.

Ruhrgebiet auch 2011 im Rampenlicht?

Und wie geht es mit dem Ruhrgebiet weiter, wenn das Kulturhauptstadtjahr vorbei ist? "Das Licht wird auch nach 2010 nicht ausgehen", verspricht Pleitgen. Und dies, obwohl große Finanznot die Kommunen plagte. "Wir werden unsere Erfahrungen aufschreiben und unsere Empfehlungen an Städte und Politik weitergeben." Der Schwung der Kulturhauptstadt müsse über das Jahr hinaus genutzt werden. Auch Oliver Scheytt setzt auf die Solidarität der Städte. "Eine einzelne Stadt kann in der Kulturwirtschaft nicht viel erreichen, aber gemeinsam geht es." Am Ende räumten beide Ruhr 2010-Geschäftsführer noch mit einem Gerücht auf, dass sich seit Wochen hartnäckig hält. "Wir streben kein großes Kulturdezernat für das Ruhrgebiet an. Machen Sie sich also um meinen künftigen Job keine Sorgen", so Scheytt. Wichtiger sei, dass das Ruhrgebiet auch weiterhin im Rampenlicht stehe.

Stand: 28.06.2010, 14:27