Wie 78 Mieter zu Kunst im öffentlichen Raum wurden

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Kunstprojekt 2-3 Straßen zieht Bilanz

Wie 78 Mieter zu Kunst im öffentlichen Raum wurden

Von Katja Goebel

Ein Jahr lang mietfrei wohnen, an einem Buch mitschreiben und durch kreative Ideen die Nachbarschaft verändern - so lautete der Auftrag des Projektes "2-3 Straßen" an seine 78 Teilnehmer. Nun geht das Jahr dem Ende zu. Was hat sich bewegt?

Es klang verrückt. So verrückt, dass sich die Stadtväter anfangs über die Masse der Bewerber wunderten. Künstler Jochen Gerz hatte per Annonce kreative Menschen gesucht, die für ein Jahr mietfrei im Ruhrgebiet leben wollten. Im Angebot hatte Gerz eine Häuserzeile in der Dortmunder Nordstadt, zwei Straßenzüge in Duisburg-Hochfeld und ein Hochhaus am Mülheimer Hauptbahnhof - Vorzeigeviertel sehen anders aus. Statt Miete zu zahlen, sollten die Neuen schreiben - an einem gemeinsamen Buch. 1.500 Menschen bewarben sich und 78 von ihnen zogen tatsächlich ein. Doch Gerz interessierte nicht nur der tägliche Output für das Buch. Der Künstler wollte vielmehr die Vitalität der neuen und alten Mieter herausfordern. Die 2-3 Straßen sollten sich verändern. Ist das Experiment aufgegangen?

Die Hälfte ist gekommen, um zu bleiben

Rückblick: Duisburg Hochfeld im November 2009. Die ersten Mieter haben gerade ihr neues Quartier bezogen. Unter ihnen ist auch André Koernig. Der Handelsvertreter aus Nordhorn hat sich auf das Abenteuer "2-3 Straßen" eingelassen. Konkrete Pläne hat er nicht, dafür aber drei Überlebensoptionen: "Entweder man hat 'nen Sprung in der Schüssel oder man zieht wieder aus oder man findet neue Freunde." Nach einem Jahr hat Koernig nicht nur neue Freunde gefunden, sondern auch ein neues Zuhause. "Ich bleibe. Nächstes Jahr ziehe ich in eine der Dortmunder Wohnungen." Da ist der Mann übrigens nicht allein. Die Hälfte der neuen Mieter will im Ruhrgebiet bleiben.

Wunschbäume und Sommerkino in Duisburg

Gemeinsam haben die Teilnehmer in Duisburg nicht nur geschrieben. Sie haben einen Garten im Hinterhof angelegt, Wünsche von Nachbarn auf "Hoffnungsbäumen" gesammelt, Schüler-AGs gegründet, Kinder zum Schreiben gebracht, zum Filmabend geladen, Kochnachmittage veranstaltet und Geschichten gesammelt: Geschichten von Menschen aus Hochfeld. Herausgekommen ist dabei "Das Kreative Adressbuch". Hier findet sich jetzt Virginia vom Afro-Shop neben Self-Made-Designer Christian, die türkische Bäckerin Acüre neben dem deutschen Pfarrer Augustin. Hier erzählen eine Lesepatin, ein Schuhreparateur, ein Breakdancer oder ein Elvis-Imitator ihre Geschichten. 80 Einträge sind es bislang.

Das Viertel: Mal lebendig, mal verschlossen

"Diese Leute haben wir fast alle in einer Straße gefunden", erzählt Geschichtensammler Alexander Bürger. "Es ging uns aber nicht nur ums Sammeln. Wir wollten, dass diese Leute sich untereinander besser kennen lernen." Auch Alexander wird bleiben. Er habe Hochfeld richtig lieb gewonnen, sagt der freie Musiker und Produzent. "Dieser Stadtteil ist so lebendig."

Doch nicht überall wurden "die Neuen" mit offenen Armen empfangen. Verschiedene Nationen und Gebräuche, Sprachbarrieren haben die Annäherung mitunter erschwert. Nach einem halben Jahr musste man in Duisburg gar eine türkischsprachige Vermittlerin für das Projekt einsetzen. "Es gibt hier Häuser, da sprechen die Bewohner gar nicht miteinander", erzählt Heinrich Süß, der seit 42 Jahren in Hochfeld lebt. "Schön, dass diese jungen Leute sich solch eine Mühe geben."

Hot-Spots in Mülheim

Rund 20 Kilometer weiter östlich leben die Mülheimer Projekt-Teilnehmer in einem Hochhaus auf 20 Etagen verteilt. Auch hier haben die Kreativen mit Kindern gebastelt, Besuchergruppen durchs Haus geführt, die eigene Wohnung zum Ausstellungsraum gemacht, Kuchenrezepte der Altmieter für ein Buch zusammengetragen und viele Leute zum Schreiben animiert. Am Ende ist auch einer von ihnen auf die Straße gezogen, um Mülheimer Meinungen zu sammeln. Meinungen über die Stadt. "Hot-Spots" nennt Autor Sebastian Kleff dieses Projekt, bei dem jeder Mülheimer seinen Lieblingsort oder die größte Schmuddelecke in der Stadt verraten darf. Inklusive Begründung. Wer mag, kann rote und grüne Punkte auf einer Stadtkarte verteilen. 150 sind es schon. Und die grünen sind in der Mehrzahl. "Ich wollte, dass sich die Leute mal mit den Orten auseinandersetzen, an denen sie täglich vorbeiziehen", sagt Kleff. Erst durch viele Gespräche mit Nachbarn habe er selbst viele neue Orte entdeckt. Auch Sebastian Kleff, der eigentlich vom Niederrhein kommt, will nach Ende des Gerzschen Projektes im Ruhrpott bleiben.

Tauschring in Dortmund

Dortmunder Nordstadt, Borsigplatz. Lange bevor die Einladungen zum Abschlussfest gedruckt sind, planen die Kreativen hier schon, was nach "2-3 Straßen" passiert. 16 Bewohner wollen in Dortmund bleiben und weiter etwas bewegen. Dabei setzt die kreative Gruppe auf Nachbarschaftshilfe. "Wer kann was?" heißt der Prototyp eines Heftes, in dem die Bewohner des Viertels eine Art Tauschring aufziehen wollen. Irene kann Schränke aufbauen, René bietet Fahrradreparaturen, Mehmet kann türkische Spezialitäten zubereiten und Cemile Porträts malen. Volker Pohlüke hatte die Idee zum Talenteaustausch unter Nachbarn. Der Freiberufler kam aus Gütersloh zu "2-3 Straßen". Jetzt wolle er sich zum "Sozialunternehmer" weiter entwickeln. "Die anderen werden uns akzeptieren, weil wir bleiben. Wir sind jetzt nicht mehr der Tross, der herkam, um Kunst zu machen."

1.000 Autoren auf 3.000 Seiten

Und das Buch? Es soll im März 2011 fertig sein. Rund 1.000 Menschen werden dann an dem 3.000-Seiten-Wälzer mitgeschrieben haben. Wie viele es am Ende auch lesen wollen, scheint Ideengeber Jochen Gerz hingegen unwichtig zu sein. "Die intelligentesten Bücher haben in der Regel die wenigsten Leser."

Stand: 03.12.2010, 15:04