Der Betonsarg von Hamm-Uentrop

Reaktor war nur ein knappes Jahr am Netz

Der Betonsarg von Hamm-Uentrop

Von Jürgen Döschner

Es sollte ein wahres Wunderwerk der Technik werden: der Thorium-Hochtemperatur-Reaktor, kurz THTR, in Hamm-Uentrop. Doch nach nur 7.729 Stunden am Netz wurde der zwei Milliarden Euro teure Reaktor 1989 stillgelegt und eingemottet.

Das Bild erinnert ein wenig an das verwunschene Dornröschen-Schloss: Fast vier Meter ragt der Betonzaun vor dem Kraftwerk in die Höhe, über und über bewachsen mit dichtem Efeu. "Der Zaun wurde 1977 für 20 Mio. D-Mark gebaut", erinnert sich Horst Blume, einer der Gründer der Bürgerinitiative gegen den THTR in Hamm-Uentrop. "Wir hatten damals große Zweifel, ob wir gegen diesen Reaktor noch was ausrichten können, wo er doch schon seit Jahren im Bau war".

Doch der Erfolg kam schneller als die Gegner je zu glauben gehofft hatten. Denn kaum war der Reaktor in Betrieb, wurde er auch schon wieder abgeschaltet. Die Entscheidung fiel am 1. September 1989 - nach diversen technischen Problemen, nach einem Zwischenfall, bei dem radioaktive Partikel austraten, nach vielen Rangeleien um die weitere Finanzierung – und nach nur 322 Tagen am Netz. Dabei war er zuvor als ein technisches Wunderwerk angepriesen worden: Ein Kernkraftwerk, das wenig Brennstoff braucht, kaum Abfall produziert, ohne Wasser auskommt, Störfallsicher ist und zudem so hohe Temperaturen erzeugt, dass sich damit wirtschaftlich Kohle vergasen lässt. Der Demonstrationsreaktor, der zeigen sollte, dass dieser neue Typ auch wirtschaftlich arbeiten kann, bewies am Ende nur das Gegenteil.

Heute ist der THTR eine Ruine. Dunkel und unheimlich, überwacht von zwei Technikern und Kraftwerks-Direktor Günther Dietrich. Nur für die seltenen Besucher schließt er die elektronisch gesicherten Türen auf und schaltet die spärliche Beleuchtung ein. Mit dem Aufzug geht es auf die 21-Meter-Ebene, direkt zum Herzen des Reaktors. Dort steht eine Blechwand, in die Rohre führen und an der diverse Geräte angebracht sind. "Hinter dieser Wand ist in einem Abstand von etwa 30, 40 cm der große Spannbetonbehälter, der selbst etwa 25.000 Tonnen wiegt und eine Wandstärke von etwa 5 Metern hat", erklärt Dietrich. "Dahinter verbirgt sich das Herz des Reaktors."

Die Uhr in der Reaktorhalle ist bei 7:24 Uhr stehen geblieben - die Zeit als die Eigenstromversorgung abgeschaltet wurde bei der Herstellung des sicheren Einschlusses im Februar 1997. Sicherer Einschluss heißt: der Reaktor wurde abgeschaltet und der radioaktive Bereich hermetisch abgeschlossen.

Allein der Bau des THTR hat seinerzeit umgerechnet gut 2 Mrd. Euro gekostet – finanziert vor allem vom Bund und dem Land NRW. Stilllegung und "sicherer Einschluss" verschlangen noch einmal über 400 Mio. Euro. Und der Abriss wird voraussichtlich ebenfalls einige hundert Millionen kosten. Doch bis dahin werden noch einige Jahrzehnte vergehen. Denn auch wenn das Herz des THTR nicht mehr schlägt, in seinem Innern ist er nach wie vor heiß und gefährlich. Frühestens im Jahr 2030 ist das strahlende Material im Innern des Reaktors so weit abgeklungen, dass mit dem Rückbau begonnen werden kann. Und der wird noch einmal 12 bis 14 Jahre dauern.

Für Atomkraftgegner Blume keine beruhigende Aussicht. Der Reaktor, gegen den er so lange gekämpft hat, ist zwar abgeschaltet – doch der Anblick der Ruine bringt ihn immer noch in Rage: "Wie viele Milliarden da ausgegeben worden sind. Wie viel Alternativenergie hätte man da fördern können. Und jetzt wurde das verprasst für so eine Sauerei."

Stand: 06.09.2010, 11:12

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