Polizei: "Wir waren täglich 14 Stunden im Dienst"

Das am 8.10.1997 von der Pariser Zeitung "Liberation" veröffentlichte Foto zeigt den am 5.9.1977 von der RAF entführten Arbeitsgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer

Kölner Sonderkommission suchte nach Schleyer

Polizei: "Wir waren täglich 14 Stunden im Dienst"

Nach der Schleyer-Entführung arbeiten die Kölner Fahnder unter Hochdruck. Sechs Wochen lang werden rund um die Uhr Spuren ausgewertet. Theo Reinke, ehemaliger Kölner Polizeisprecher, sprach 2002 mit WDR.de über die Ausnahmesituation.

"Ich trainierte gerade eine Volleyball-Mannschaft, als die Schleyer-Entführung passierte", erinnert sich Polizist Theo Reinke. Erst am Abend des 5. September 1977 erfuhr er aus den Spätnachrichten von der Geiselnahme des Arbeitgeber-Präsidenten und ihren tödlichen Umständen. Gleich am nächsten Morgen wurde er, wie viele andere Kollegen auch, ins Kölner Polizeipräsidium beordert, um in der über Nacht gebildeten Schleyer-Sonderkommission, der "Soko 77", mitzuarbeiten. Eigentlich waren Mord und Geiselnahme nicht sein Geschäft: Der damals 30-Jährige bearbeitete im Kölner Süden Raub-, Diebstahl- und Einbruchsdelikte.

Wochenlang nonstop Dienst geschoben

Fahndungsplakat von 1977

Fahndungsplakat von 1977

"Die Sonderkommision wurde mit Kollegen aus der ganzen Bundesrepublik verstärkt", erinnert sich Reinke. Mit Maschinenpistolen im Anschlag kontrollierten junge Bereitschaftspolizisten in der Ausbildung verdächtige Autofahrer. Rund um die Uhr wurde nach Schleyer und seinen Entführern gefahndet. Die Polizeiführung verhängte einen Urlaubsstopp. Sechs Wochen am Stück schoben die Beamten Dienst, sieben Tage die Woche. Zwölf bis 14 Stunden pro Tag hielten die flüchtigen Terroristen die Polizisten in Atem. Über 40.000 Hinweise aus der Bevölkerung gingen bei der "Soko 77" ein. Jeder Spur musste nachgegangen, die Fahndungslage abgeklärt werden.

Panne: Polizei kontrolliert verdächtiges Auto nicht

"Auf so ein Ereignis war die Polizei nicht vorbereitet. Das war eine völlig neue Dimension der Gewalt", sagt Reinke. In einer solchen Ausnahmesituation sei klar, dass Fehler entstünden. Dabei hatten die Ermittler durchaus Spuren, die zu den Tätern geführt hätten. Spur Nummer 1.942 war so eine. Einem Zeugen war Tage vor der Entführung am Kölner Raderthalgürtel ein verdächtiges Auto aufgefallen. Alles sah so aus, als hätten zwei Frauen eine Autopanne. Die Polizei kam - und geleitete die beiden Frauen mit ihrem scheinbar defekten Alfa-Romeo zu einer nahegelegenen italienischen Autowerkstatt. Reinke: "Wochen später wurde der Wagen in Frankfurt gefunden, in der Nähe einer konspirativen RAF-Wohnung." Das BKA untersuchte das Auto und fand die Fingerabdrücke der Terroristinnen Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz. Sie hatten offenkundig Schleyers Fahrt-Route ausgekundschaftet.

"Wut und Enttäuschung" nach Schleyers Tod

Polizeikontrolle mt MP im Anschlag

Polizeikontrolle mt MP im Anschlag

Gerne erinnert sich der Kriminalhauptkommissar an die große Anteilnahme der Bevölkerung. "Überall war die Bereitschaft zu spüren, helfen zu wollen", sagt Reinke. Um so bitterer, dass letztlich keine Spur zur Verhaftung der Täter und zur Befreiung Schleyers führten. Die Nachricht vom Tod des Arbeitgeber-Präsidenten erschütterte denn auch die Beamten. "Da war Wut und Enttäuschung, als wir die Nachricht erhielten. Und Verständnislosigkeit gegenüber diesen Leuten, die glaubten, mit diesen Verbrechen den Staat und die Gesellschaft ändern zu können."

Stand: 28.04.2007, 00:00