Tausende Karstadt-Stellen könnten wegfallen

Kunden stehen am 29.09.2006 an einer Kasse des Warenhauses Karstadt

Einschnitte bei Warenhaus-Konzern

Tausende Karstadt-Stellen könnten wegfallen

Die rund 17.000 Karstadt-Mitarbeiter müssen sich auf massive Einschnitte gefasst machen. Tausende Stellen könnten gestrichen, Filialen geschlossen werden. Bis zu 20 Prozent des Personals könnten abgebaut werden. Doch im Aufsichtsrat regt sich Widerstand.

Die rund 17.000 Karstadt-Mitarbeiter müssen sich auf massive Einschnitte gefasst machen. Es stehe fest, dass 20 Prozent der Personalkosten eingespart werden müssten, sagte Karstadt-Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt am Montag (15.09.2014). "Das ist die Größenordnung, auf die wir uns einstellen müssen", so Patzelt. Ziel des Betriebsrats sei es aber, von dieser Größenordnung herunterzukommen. In den nächsten Tagen beginnen die Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Karstadt-Management darüber, wie und wo genau gespart wird. Die Gewerkschaft Verdi hat bereits angekündigt, weiterhin Standort- und Beschäftigungsgarantien zu fordern.

Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" hat am Montag neue Zahlen ins Spiel gebracht. Demnach sollen rund 2.000 Stellen wegfallen, 400 davon in der Verwaltung in Essen. In den Zahlen seien mögliche Filial-Schließungen noch nicht eingerechnet. Karstadt war am Montag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein Sprecher der österreichischen Signa-Holding des neuen Karstadt-Eigentümers René Benko lehnte eine Stellungnahme ab.

Widerstand im Aufsichtsrat

Eine Entscheidung, wie viele Arbeitsplätze wegfallen und welche Filialen möglicherweise geschlossen werden, soll erst beim nächsten Treffen des Aufsichtsrats Ende Oktober fallen. Dann soll das Sanierungskonzept des Vorstands beraten werden. Bei der Aufsichtsratssitzung des Konzerns am vergangenen Donnerstag (11.09.2014) war es offenbar nicht um die Schließung konkreter Standorte gegangen.

"Ich gehe zwar davon aus, dass in dem Konzept große Einschnitte gefordert werden, glaube aber nicht, dass sie unvermeidbar sind", sagte Arno Peukes, Verdi-Vertreter im Karstadt-Aufsichtsrat, gegenüber WDR.de. Wenn es nach Peukes ginge, solle kein einziger Karstadt-Mitarbeiter seinen Job verlieren. "Wir haben in den letzten zehn Jahren genug an den Personalkosten gespart. Bevor derartige Zahlen diskutiert werden, müsste man erst einmal sagen, wo man mit Karstadt überhaupt hin will. Was ist das Zukunftskonzept?", sagte der Verdi-Vertreter. In Deutschland sei seiner Überzeugung nach mit Kaufhof und Karstadt durchaus Platz für zwei große Warenhäuser.

Seit 2004 verzichten die Beschäftigten laut Verdi in verschiedenen Sanierungstarifverträgen und durch den Ausstieg Karstadts aus der Tarifbindung 2013 auf Lohnerhöhungen sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Dieser Beitrag summiert sich nach Berechnungen der Gewerkschaft auf inzwischen rund 700 Millionen Euro.

Harte Einschnitte für Arbeitnehmer

René Benko

Neuer Karstadt-Eigentümer: René Benko

Eine "umfassende Sanierung" fordert hingegen der Sanierungsfachmann Harald Linné von der Managementberatung Atreus. "Die Chance für andere Optionen wurde in den letzten Jahren verpasst", so Linné. Benko-Vorgänger Nicolas Berggruen habe nicht zur die "Komplexität des Problemfalls" unterschätzt, sondern auch in "fahrlässiger Art und Weise" nicht in die Weiterentwicklung des Unternehmens investiert.

"Man bereitet die Arbeitnehmervertreter auf harte Einschnitte vor und vertagt das bis zur nächsten Sitzung", beschreibt Gerd Hessert, Handelsmanagement-Experte von der Universität Leipzig, die aktuelle Situation. Von dem Personalabbau könnten nach Auffassung des Experten sogar bis zu 4.000 Beschäftigte betroffen sein. Von 83 Karstadt-Standorten verbucht er derzeit 29 Läden in der Kategorie "Rückzug", also Verkleinerung oder gar Abwicklung. Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sieht sogar "zwischen 30 und 40" Standorte in Gefahr.

"Kritische Personaldecke bereits unterschritten"

"Man überprüft jede Filiale, ob ein Personalabbau notwendig ist", so Betriebswirtschaftler Hessert. Doch die Personaldecke in den Warenhäusern sei schon deutlich ausgedünnt: Wo noch vor einigen Jahren ein Verkäufer im Warenhaus durchschnittlich für eine Fläche von 60 Quadratmetern zuständig gewesen sei, liege dieser Wert heute schon bei etwa 76 Quadratmetern. "Die kritische Personaldecke ist in vielen Warenhäusern bereits unterschritten", stellte Heinemann fest.

Gut laufende Karstadt-Filalen könnten von Benko in seine Premium-Group eingegliedert werden, meinte Hessert. Auf längere Frist sieht er - unabhängig von dem jeweiligen Eigentümer - jedoch nur eine Überlebenschance für eine Minderheit unter den Warenhäusern: "Ich glaube, dass in Deutschland von aktuell 191 Warenhausstandorten langfristig 70 Bestand haben."

Stand: 15.09.2014, 14:59