Kann die Karstadt-Sanierung gelingen?

Kunden auf Rolltreppen im Karstadt Warenhaus am Herrmannplatz in Berlin

Interview mit Handelsexperte Heinemann

Kann die Karstadt-Sanierung gelingen?

Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko hält sich bedeckt, was seine Pläne für die angeschlagene Warenhauskette betrifft. Im Interview spricht Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann darüber, ob Karstadt noch zu retten ist.

WDR.de: Karstadt steckt in der Dauerkrise – Ende offen. Was hat das Management falsch gemacht?

Prof. Gerrit Heinemann: Ich würde eher fragen, was die Eigentümer falsch gemacht haben. Die Geschäftsführung wusste, nach dem was ich aus Gesprächen mit ihr herausgehört habe, immer ganz gut, welche Schritte die richtigen gewesen wären. Aber die Umsetzung scheiterte stets an der fehlenden Investitionsbereitschaft der Eigentümer. Deshalb ist in den vergangenen zehn Jahren wenig bei Karstadt passiert – und das Unternehmen immer tiefer in die Krise gerutscht. Als Nicolas Berggruen 2010 Karstadt übernahm und Investitionen in Höhe von 100 Millionen Euro ankündigte, habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Artikel über die Warenhaus AG bereits geschrieben, dass er noch eine Null dranhängen müsse, wenn er Karstadt wirklich retten wollte. Heute sind wir vier Jahre weiter ohne nennenswerte Investitionen, aber mit einem nochmals gestiegenen Investitionsstau. Und vor allem mit weiter erstarkten Wettbewerbern.

WDR.de: Was hat Konkurrent Kaufhof besser gemacht?

Dr. Gerrit Heinemann ist Professor für BWL Managementlehre und Handel an der Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach

Gerrit Heinemann

Heinemann: Trotz der schlechteren Ausgangsposition – nämlich weniger attraktive Standorte – begann Kaufhof schon vor 30 Jahren, sich zu optimieren, vor allem in den Nichtverkaufsbereichen. Mit dem Wettbewerber Horten wurde dann später in den 90ger-Jahren dessen Galeria-Konzept übernommen: weg vom klassischen Warenhaus, das alle Warengruppen unter einem Dach bietet, hin zu Fachgeschäftskonzepten und weniger, aber kompetenteren Abteilungen. Kaufhof hat außerdem relativ früh mit der Entwicklung und Forcierung von Eigenmarken wie Fabiani und Manguun begonnen und damit sukzessive die Margen erhöht, die heute rund ein Fünftel höher liegen als bei Karstadt. Außerdem investiert Kaufhof permanent in die Ladenerneuerung, wie das bei Fachgeschäften üblich ist. Drei bis fünf Prozent vom Umsatz sollte ein Warenhauskonzern dafür pro Geschäftsjahr kalkulieren, was bei Karstadt dann mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr gewesen wären. Ein weiterer Pluspunkt für Kaufhof ist die Kontinuität im Management. Während dort seit vielen Jahren mit Lovro Mandac dieselbe Person am Steuer sitzt, haben wir bei Karstadt spätestens  alle zwei Jahre einen neuen Chef beziehungsweise eine neue Chefin gesehen.

WDR.de: Hat das Warenhaus überhaupt eine Zukunft in Deutschland?

Heinemann: Nicht mit dem klassischen Konzept wie vor 150 Jahren – und das wissen wir seit mehr als 30 Jahren. Der Kunde wünscht maximale Auswahl, dafür verzichtet er gern auf die Kurzwaren- oder die Teppichabteilung. Deshalb sind "Category Killer", also großflächige Fachgeschäfte für spezialisierte Warengruppen, so wie Douglas oder Breuninger, erfolgreicher. Wenn die Kundinnen bei Zalando unter über 100.000 Paar Schuhen wählen können, dann ist für sie die Schuhabteilung im Warenhaus mit nur 250 Paar Schuhen völlig uninteressant.

WDR.de: An welchen Standorten können sich Warenhäuser halten, wo drohen Schließungen?

Heinemann: Die kleinsten Häuser in den kleinsten Städten sind wahrscheinlich die ersten, die schließen müssen. Überleben werden eher nur die großflächigen Häuser in den Metropolen.

WDR.de: Vor 20 Jahren gab es bundesweit noch 375 Warenhäuser. Geblieben sind Karstadt und Kaufhof mit zusammen halb so vielen Häusern. Geht das Filialsterben weiter?

Ein Rückblick in Bildern

Banges Warten bei 17.000 Karstadt-Beschäftigten: Der Aufsichtsrat berät heute darüber, wie es mit der angeschlagenen Warenhauskette weitergehen soll. Gesucht wird ein Zukunftskonzept. Ein Blick zurück auf 130 Jahre deutsche Konsumgeschichte.

Karstadt Schriftzug an einer Hausfassade

Im Sommer hat Immobilieninvestor René Benko die angeschlagene Warenhauskette Karstadt übernommen, zwei Monate später fürchtet die Belegschaft das Schlimmste. Das Treffen des Aufsichtsrats am Donnerstag wird mit Spannung erwartet. Vor allem die 17.000 Mitarbeiter in bundesweit 83 Karstadt-Filialen blicken mal wieder unsicheren Zeiten entgegen. Das traditionsreiche Warenhaus hat eine bewegte Geschichte hinter sich - und die beginnt bereits Ende des 19. Jahrhunderts.

Im Sommer hat Immobilieninvestor René Benko die angeschlagene Warenhauskette Karstadt übernommen, zwei Monate später fürchtet die Belegschaft das Schlimmste. Das Treffen des Aufsichtsrats am Donnerstag wird mit Spannung erwartet. Vor allem die 17.000 Mitarbeiter in bundesweit 83 Karstadt-Filialen blicken mal wieder unsicheren Zeiten entgegen. Das traditionsreiche Warenhaus hat eine bewegte Geschichte hinter sich - und die beginnt bereits Ende des 19. Jahrhunderts.

1881 eröffnet Rudolph Karstadt sein erstes "Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft" in Wismar. Die Kunden schätzen es, dass die Waren zu festen, vergleichsweise günstigen Preisen angeboten werden – Feilschen überflüssig. Schnell folgen weitere Filialen, bis 1931 sind es 89. Karstadt zieht mit der EPA-Einheitspreis-Aktiengesellschaft eine zweite Kette hoch, eine Art Discounter.

Das Stammhaus in Wismar heute: Die Fassade des Neubaus ist dem Zustand vom Beginn des 20. Jahrhunderts nachempfunden. Durch Kooperationen mit Unternehmen wie Rewe, Weltbild, WMF und Müller-Drogeriemärkte, die Ladenfläche mieten und auf eigene Rechnung betreiben, versucht Karstadt seit einigen Jahren, das eigene geschäftliche Risiko zu mindern. Viel genützt hat das nicht.

Groß, größer, Karstadt: Mit 72.000 Quadratmetern Fläche, neun Stockwerken, zwei 56 Metern hohen Türmen und 4.000 Mitarbeitern übertrifft das 1929 am Berliner Hermannplatz eröffnete Warenhaus alles, wovon deutsche Einkaufsbummler träumen. Das KaDeWe, das noch zum Konkurrenzbetrieb Hermann Tietz (später "Hertie") gehört, ist halb so groß. Am Hermannplatz gibt es sogar Aufzüge für Lkw, die Waren anliefern.

Von der U-Bahn geht es direkt in die Verkaufsräume im Berliner Karstadt am Hermannplatz. Die Massen strömen, bis die Weltwirtschaftskrise 1932 auf die Konsumlaune drückt. Bald stehen mehrere Stockwerke leer. Rudolph Karstadt zieht sich aus der Unternehmensleitung zurück. In den letzten Kriegstagen sprengt die SS das monumentale Gebäude.

Nach dem Zweiten Weltkrieg macht Karstadt mit 45 Warenhäusern auf dem Gebiet der BRD weiter, von denen die meisten schwer beschädigt sind. Dank "Wirtschaftswunder" expandiert das Unternehmen wieder. 1977 erwirbt Karstadt den Neckermann-Versand und steigt zum größten deutschen Handelskonzern auf. Der Jahresumsatz liegt über 10 Milliarden DM.

Walter Deuss zieht über 30 Jahre die Fäden bei Karstadt, ab 1967 als Vorstandsmitglied und von 1982 bis 2000 als Vorstandschef. Er bringt die Übernahme von Neckermann und Hertie sowie die Fusion mit Quelle auf den Weg. Pilotenbrille und dicke Zigarre sind seine Markenzeichen. Aus dem Ruhestand heraus sorgt er noch einmal für Unruhe, als er 2005 seine Vorstandsprivilegien, etwa Dienstwagen nebst Chauffeur auf Lebenszeit, vor Gericht einklagt – und gewinnt.

Die Wiedervereinigung lässt wie hier am Kurfürstendamm in Berlin die Kassen klingeln. Karstadt erwirbt unter anderem in Dresden, Magdeburg, Halle und Görlitz ehemalige Centrum-Warenhäuser aus der Konkursmasse der DDR. Kurz vor dem Boom des Online-Handels erlebt Karstadt die wahrscheinlich letzte Blüte des klassischen Warenhauskonzepts.

1994 übernimmt Karstadt den Wettbewerber Hertie – und mit ihm das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin. Es bietet Konsumrausch auf 60.000 Quadratmetern, seit es für 46 Millionen Euro umgebaut worden ist. Der Name KaDeWe bezieht sich nicht auf Nachkriegs-Westdeutschland, sondern auf den "Neuen Westen", wie der Standort Charlottenburg 1907, zur Zeit der Warenhauseröffnung, heißt.

Madeleine Schickedanz, die Tochter der Quelle-Gründer Gustav und Grete Schickedanz, ruiniert sich beinahe durch ihr Engagement bei Karstadt. Die Warenhauskette und das Versandhaus fusionieren 1999 zu KarstadtQuelle. 2007 firmiert das Unternehmen zu Arcandor um. Zu diesem Zeitpunkt schreiben die Warenhäuser bereits rote Zahlen. Großaktionärin Schickedanz verliert viel Geld, als Arcandor 2009 Insolvenz beantragt.

Der Düsseldorfer Thomas Middelhoff ist der erste in einer mittlerweile langen Reihe von – gescheiterten – Karstadt-Rettern. Zwischen 2004 und 2009 hat er als Vertrauter von Großaktionärin Madeleine Schickedanz das Sagen bei dem angeschlagenen Handels- und Touristikriesen KarstadtQuelle/Arcandor. Die Insolvenz kann er nicht verhindern. Kritiker werfen ihm Missmanagement und Verschwendung vor, Gerichtsverfahren laufen noch oder sind bereits abgeschlossen.

Der deutsch-amerikanische Finanzinvestor Nicolas Berggruen wird zunächst gefeiert, als er 2010 die insolvente Warenhauskette für 1 Euro kauft. Seine Sanierungsmaßnahmen bedeuten Gehaltseinbußen für die Mitarbeiter, Arbeitsplatzabbau und Einnahmenverzicht für die Vermieter. Die Wende gelingt trotzdem nicht. Berggruen wird vorgeworfen, zu wenig in Karstadt zu investieren. Ab 2013 verkauft er das Unternehmen schrittweise an René Benko.

Eva-Lotta Sjöstedt hat zehn Jahre sehr erfolgreich für Ikea gearbeitet – das sind Vorschusslorbeeren genug, um Karstadt zu retten. Ab Dezember 2013 packt sie mit an, steht auch mal an der Kasse, berät Kunden und räumt Regale ein. Im Februar 2014 wird sie offiziell Chefin. Am 7. Juli erklärt sie ihren Rücktritt, weil sie sich von Noch-Eigentümer Nicolaus Berggruen nicht ausreichend unterstützt fühlt.

René Benko ist der neue Karstadt-Eigentümer. Der 37-jährige Österreicher macht eine bemerkenswerte Karriere. Er schmeißt die Schule, gründet mit Anfang 20 ein Immobilienunternehmen, das heute Signa heißt. Angeblich gehört Benko zu den 50 reichsten Österreichern. Mit dem Gesetz ist er auch schon einmal in Konflikt geraten: 2013 wird er in einem Korruptionsverfahren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Heinemann: Ja. Ich rechne mittelfristig mit rund 100 Warenhäusern in ganz Deutschland. Manche Kollegen sind pessimistischer und gehen von maximal 80 Standorten aus.

WDR.de: Das sind düstere Aussichten für die Beschäftigten.

Heinemann: Wir sollten jetzt nicht nur auf ein einzelnes Unternehmen wie Karstadt schauen. Amazon gewinnt in Deutschland dieses Jahr alleine mehr Geschäft hinzu als Karstadt insgesamt an Umsatz macht. Alternative Handelskonzepte können also sehr erfolgreich sein, so wie Zalando, H&M oder Zara. Dort entstehen auch neue Arbeitsplätze.

WDR.de: Mit welchen Sanierungsmaßnahmen rechnen Sie bei Karstadt?

Heinemann: Eine Option wäre, dass Benko die Karstadt-Immobilien, die ihm selbst gehören, in Shopping-Center umwandelt. Aber bevor neue Mieter einziehen könnten, müsste zunächst Karstadt raus aus den Häusern. Dies wäre folglich nur eine Lösung für Benko, nicht für Karstadt. Von den verbleibenden Standorten könnte er einige vielleicht an Kaufhof abtreten. Dann blieben immer noch Restbestände, nämlich die am wenigsten attraktiven Standorte, und denen würde unweigerlich die Schließung drohen. Eine zweite Option wäre, den Investitionsstau zu beheben, was nach meiner Schätzung mindestens eine Milliarde Euro alleine auf den Verkaufsflächen kosten würde. Das dürfte aber kaum reichen: Um Karstadt wirklich zukunftsfähig zu machen und neu zu erfinden, bräuchte das Unternehmen neue Systeme für die Warenwirtschaft, für den E-Commerce, für die Kanalvernetzung, für Multi-Channel-Services wie Verfügbarkeitsabfragen oder Artikelreservierungen und so weiter. Alles in allem kämen wir auf mindestens 1,5 Milliarden Euro, die sicherlich auch die Möglichkeiten von Benko übersteigen dürften. Die dritte Option, nämlich nichts zu tun, kommt nicht infrage. Damit würde Benko zunehmend Geld verbrennen in der schon einsetzenden Abwärtsspirale und vor allem seine eigenen Karstadt-Immobilien gefährden.

WDR.de: Wenn Sie in Benkos Position wären: Wie würden Sie die Sanierung von Karstadt anpacken?

Heinemann: Das hätten Sie mich vor seinem Deal fragen müssen. Ich hätte erst gar nicht die Immobilien übernommen. Aber jetzt kann ich ihm wohl nur noch raten, die Filetstücke an Kaufhof zu verkaufen beziehungsweise zu vermieten und die übrigen Häuser vorübergehend von Kaufhof unter Dienstleistungsvertrag mitbewirtschaften zu lassen und dann stufenweise sozialverträglich auslaufen zu lassen. Parallel dazu auch die Zentrale abzuwickeln, wenn Kaufhof übernimmt. Aber das dürfte insgesamt wohl sehr teuer werden, und Kaufhof würde da wohl auch nur unter ganz bestimmten Auflagen mitspielen, wenn überhaupt.

WDR.de: Im Jahr 2031 könnte Karstadt sein 150. Jubiläum feiern. Halten das Unternehmen und die Marke so lange durch?

Heinemann: Das glaube ich nicht. Benko hat meines Erachtens weder die finanziellen Mittel noch die Expertise, um Karstadt wirklich zukunftsfähig nach Vorbild der US-amerikanischen Warenhäuser wie Macy‘s oder Nordstrom auszurichten. Und er hat vor allem nicht mehr die Zeit. Kaufhof brauchte mehr als 20 Jahre für die Modernisierung und Vertikalisierung mit Eigenmarken und ist auch noch lange nicht da, wo die Warenhäuser in den USA heute sind – das wäre im Fall von Karstadt illusorisch und auch naiv. Das Momentum für eine Rettung des Unternehmens ist meines Erachtens vorbei.

Das Interview führte Christoph Stehr.

Stand: 21.08.2014, 17:45