Wikimania: Vier Tage Wikiwahnsinn

Alice Wiegand

Wikipedia-Community in Israel

Wikimania: Vier Tage Wikiwahnsinn

Von Suska Döpp

"Wikimania - Wikiwahnsinn" heißt die internationale Tagung der Wikipedia-Gemeinde, die Donnerstag (04.08.11) in Israel beginnt. WDR.de hat mit Alice Wiegand von Wikipedia Deutschland darüber gesprochen, welche Themen die Community bewegen.

Alice Wiegand stieg bei Wikipedia 2004 mit einem Beitrag über den belgischen Maler "Luc Tuymans" ein. Später schrieb und bearbeitete sie unter dem Nickname Lyzzy vor allem Einträge über Comics.

Die 46-jährige Systemadministratorin aus Meerbusch bei Düsseldorf wurde 2008 als Schriftführerin in den Vorstand von Wikimedia gewählt, von März 2009 bis Ende Juli 2011 war sie zweite Vorsitzende des deutschen Wikipedia-Vereins.

WDR.de: Frau Wiegand, vor Ihnen liegen vier Tage Wikimania - freuen Sie sich darauf?

Alice Wiegand: Ich freue mich sehr auf dieses besondere Treffen, das ja nun schon zum siebten Mal stattfindet! Zu Wikimania reisen etwa 500 Wikipedia-Beteiligte aus mehr als 50 Ländern an - von Indien über China, Usbekistan bis Chile. Etwa 50 Teilnehmer kommen aus Deutschland. Die Tagung ist eine großartige Gelegenheit ganz viele Leute zu treffen, die alle daran interessiert sind, freies Wissen in die Welt zu bringen. Es kommen Leute, die schon seit Jahren sehr viel Freizeit in die Wikipedia stecken. Aber es ist auch eine tolle Gelegenheit für Neueinsteiger mal zu sehen, wer sonst noch mitmacht. Bei Wikimania treffen sich also sehr erfahrene und auch ganz neue Autoren, Entwickler, Menschen, die sich in den lokalen Vereinen engagieren, und auch viele Mitarbeiter der Wikimedia-Stiftung. Es ist also immer eine bunte Mischung, und das verspricht einen interessanten Austausch.

WDR.de: Auf den Diskussionsseiten der Enzyklopädie-Beiträge kann man sehen, dass sich die Wikipedia-Autoren ständig über Inhalte und formale Kriterien austauschen - warum ist es so wichtig, sich persönlich zu treffen?

Wiegand: Es gibt ja einen großen Unterschied zwischen einer schriftlichen Kommunikation und einem Gespräch, in dem ich auch die Mimik und Gestik meines Gegenübers sehe. Da entstehen nicht so leicht Missverständnisse. Vor allem aber bietet der direkte Kontakt die Möglichkeit, Ideen zu schmieden und über neue Trends auf dem Gebiet des Wissensaustausches im Netz zu diskutieren. Bei den insgesamt 125 Diskussionsrunden und den Workshops der Wikimania treffen sich Menschen, die ein gemeinsames Thema haben, egal ob sie aus China oder Deutschland kommen. Sie arbeiten in einem bestimmten Bereich der Wikipedia, wie zum Beispiel die Wikipedia-Fotografen. Bei Wikimania entwickeln sie gemeinsam Ziele und finden Lösungen für Probleme. Für die Arbeit eines weitverzweigten Projekts wie Wikipedia ist das enorm wichtig.

WDR.de: Kennen sich denn viele Autoren schon aus dem Netz - zum Beispiel durch die gemeinsame Arbeit an einem Beitrag?

Wiegand: Ja ganz häufig ist das so - und dann ist es schön, endlich mal das Gesicht hinter dem anonymen Nickname zu sehen. Mir ist es aber auch schon passiert, dass ich jemanden getroffen habe, den ich aus einem völlig anderen Zusammenhang kannte und seit 20 Jahren aus den Augen verloren hatte. Der wusste natürlich nicht, dass ich hinter dem Nickname Lyzzy stecke.

WDR.de: Sie haben Missverständnisse erwähnt. Der zum Teil raue Umgangston auf den Diskussionsseiten ist ja seit einiger Zeit offenbar ein Problem der Wikipedia - was auch dazu führt, dass Autoren genervt abspringen.

Wiegand: Das stimmt leider und betrifft Wikipedia weltweit. Untersuchungen zeigen, dass Autoren heute häufig weniger als ein Jahr mitarbeiten. Damit ist eine positive Entwicklung der Inhalte und der Wikipedia insgesamt in Gefahr. Die Frage, wie wir als - überwiegend - virtuelle Gemeinschaft miteinander umgehen, ist deshalb auch ein wichtiges Thema von Wikimania 2011. Zum einen gibt es bei solchen Treffen immer wieder sehr engagierte Diskussionen, die erkennen lassen, ob wir vielleicht irgendwo Regeln ändern müssen. Darüber hinaus erfassen wir aber auch systematisch, warum sich Menschen bei Wikipedia engagieren - und warum sie vielleicht daran denken auszusteigen. In Deutschland läuft zurzeit eine Umfrage unter den Autoren und in Israel werden erste Ergebnisse vorgestellt.

WDR.de: Und was steht noch auf dem Programm?

Wiegand: Das große Anliegen ist es, die Qualität von Inhalten und Strukturen zu optimieren. Im Einzelnen geht es zum Beispiel auch um die Frage, warum nur etwa neun Prozent der Autoren weiblich sind - obwohl der Frauenanteil bei Wikipedia-Treffen sehr viel größer ist. Weitere Themen sind der Versuch, Wikipedia zum Weltkulturerbe zu machen und das Verhältnis zwischen der Online-Comunity und den Vereinen wie Wikimedia Deutschland.

WDR.de: Gibt es Konflikte zwischen der Community und den nationalen Vereinen, deren Ziel es ist, Wikipedia zu fördern?

Wiegand: Die Autoren haben manchmal das Gefühl, dass sie aktiv zu den Inhalten beitragen - und fragen sich, ob die Leute, die das Geld verwalten, damit nicht vielleicht doch Schindluder treiben. Wir wollen also für Transparenz sorgen. Zum Beispiel darüber wie Wikimedia arbeitet und wofür der Verein das Geld aus den jährlichen Spendenkampagnen ausgibt. Das ist ganz wichtig, denn wenn es um Geld geht, entstehen leicht Gerüchte.

WDR.de: Wie groß ist denn das Budget von Wikimedia Deutschland, und wofür geben Sie das Geld in diesem Jahr aus?

Wiegand: Wir haben während der jährlichen Spendenkampagne 2010/2011 in einem Zeitraum von 55 Tagen insgesamt mehr als zwei Millionen Euro eingenommen. Schwerpunkte in diesem Jahr liegen etwa bei Lehrer- und Schülerworkshops, der Förderung von Projektideen aus der Community durch die Community und der Unterstützung von Workshops und Treffen von Wikipedianern. Wikimedia Deutschland finanziert zum Beispiel mit 25.000 Euro ein internationales Stipendienprogramm für Wikimania 2011, damit möglichst viele Wikipedianer aus ganz unterschiedlichen Ländern teilnehmen können. Und wir investieren natürlich auch in die technische Infrastruktur.

WDR.de: Stehen technische Entwicklungen auch bei Wikimania auf der Tagesordnung?

Wiegand: Ganz wichtig ist diesmal zum Beispiel der geplante visuelle Editor. Um den Einstieg für neue Autoren zu erleichtern, soll es einfacher werden, Texte zu bearbeiten. Das Projekt wird in Israel vorgestellt und diskutiert, damit möglichst viele Anregungen in die Entwicklung einfließen können.

WDR.de: Gibt es vielleicht bald auch mehr Videos und Audios in der Wikipedia? Wirklich multimedial ist die Enzyklopädie ja nicht ...

Wiegand: In der Tat wirkt die Oberfläche der Wikipedia etwas verstaubt. Es gibt zwar die Möglichkeit Filme oder Tondateien einzubinden, aber in diesem Punkt muss sich noch viel tun. Allerdings wird in der Community auch heiß diskutiert, ob Multimedia-Material wirklich Mehrwert im Sinne von enzyklopädischem Wissen bietet.

WDR.de: Und was kommt bei Wikimania unterm Stich raus? Gibt es Beschlüsse?

Wiegand: Es gibt einzelne Kommissionen, die sich am Rande der Tagung treffen - da werden dann vielleicht auch Beschlüsse vorbereitet oder Arbeitsgruppen gegründet. Aber eigentlich geht es bei Wikimania um Erfahrungsaustausch und das persönlichen Treffen. Das wichtigste Ergebnis ist der riesige Motivationsschub, den jeder Einzelne dort erlebt und als Multiplikator in seine Heimat-Community mitnimmt.

WDR.de: Und wer nicht dabei ist, kann alles bei Wikipedia nachlesen?

Natürlich steht das auch in der Wikipedia - aber während der Tagung nutzen wir auch andere Kanäle wie Twitter, Facebook und unseren Blog. Außerdem gibt es auch einen eigenen Wikimania-Channel bei Youtube. Da sind wir also ganz multimedial.

Das Gespräch führte Suska Döpp.

Stand: 04.08.2011, 06:00