"Eine Vision, größer als der öffentlich-rechtliche Rundfunk"

Sascha Lobo beim Selbstversuch mit der WDR AR-App 1933-1945

"Eine Vision, größer als der öffentlich-rechtliche Rundfunk"

Der WDR war in diesem Jahr auch auf den Medientagen in Leipzig zu Gast – mit "docupy", der History-App "WDR AR 1933 – 1945" und Intendant Tom Buhrow.

Filme und Videos werden zunehmend im Internet "on demand" abgerufen. Netflix ist zum Synonym fürs Serienschauen geworden. Kommerzielle Anbieter aus den USA erreichen eine immer größere Zahl an Zuschauern. Auch die Idee einer europäischen Digitalplattform ist im Gespräch – ausgerichtet an gesellschaftlichen Werten und frei von kommerziellen Interessen. Wie realistisch eine solche Idee ist, diskutierte WDR-Intendant Tom Buhrow mit Fach- und Politikvertreter*innen bei den Medientagen Mitteldeutschland am 22. Mai In Leipzig. Die zentrale Frage: "Kann es eine europäische Antwort auf Amazon, YouTube und Netflix geben?"

Intendant Tom Buhrow am Mikrophon, links neben ihm Minister Rainer Robra.

Intendant Tom Buhrow am Mikrophon, links neben ihm Minister Rainer Robra.

"Es ist eine große Vision und sie ist auch größer als der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Wir sind im Internet heute abhängig von Plattformen, die aus Amerika gesteuert werden. Jetzt ist die Zeit, wo wir sehen, wie groß die Übermacht dieser Konzerne ist. Und jetzt ist die Zeit, das Thema aufzugreifen", sagte WDR-Intendant Tom Buhrow. Ein erster Schritt sei es, die Mediatheken von ARD und ZDF miteinander zu verschränken. Immerhin kommen beide Angebote schon heute auf mehr als eine Milliarde Videoabrufe pro Jahr.  

Tom Buhrow erinnerte daran, dass der WDR bereits vor über zehn Jahren mit "Germanys Gold" einen entsprechenden Vorschlag gemacht habe, die besten Programminhalte Deutschlands zu bündeln. Der Pläne sind damals von Bundeskartellamt gestoppt worden. "Ich weiß nicht, ob man das heute genauso bewerten würde. Der Versuch ist damals von den Programmveranstaltern – Öffentlich-Rechtlichen und Kommerziellen – gemacht worden."

Beispiel Arte

Aufgeworfen hat den Gedanken der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm: Künftig sollten die Nutzer das Öffentlich-Rechtliche im Internet als einen europäischen Kosmos erleben, in dem sie sich ohne Schranken bewegen können. Bei den Medientagen Mitteldeutschland stieß der Vorschlag auf Zustimmung. "Es ist eine Frage der digitalen und technologischen Souveränität Europas. Und es geht auch um die Bildung einer gesamteuropäischen Öffentlichkeit für audiovisuelle Inhalte", sagte Arte-Generalsekretärin Marysabelle Cote.

Dass länderübergreifende Angebote erfolgreich sind, zeigt Arte seit seiner Gründung vor rund 30 Jahren. Mittlerweile gibt es das Angebot im Internet nicht mehr nur mit deutschen oder französischen Untertiteln, sondern auch auf Englisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch. "Unsere Zugriffszahlen sind deutlich nach oben gegangen. Wir sehen, dass es möglich ist, eine europäische Zuschauerschaft zu erreichen", so Cote.

Wie lässt sich eine solche Plattform finanzieren?

Zur Frage der Finanzierung sagte Rainer Robra (CDU), Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt und Europaminister: "Ich sehe das auf der Ebene der Europäischen Union. Wir brauchen das, und das Geld ist dort vorhanden. Nehmen wir die Milliarden-Bußgelder für Amazon, YouTube und Netflix – wenn die Europäische Kommission diese für eine europäische Antwort verwenden würde, dann hätten wir erhebliche Ressourcen."

Julia Friedrichs (stehend, rechts) stellt dem Fachpublikum die preisgekrönte Doku "Ungleichland" vor

Julia Friedrichs (stehend, rechts) stellt dem Fachpublikum die preisgekrönte Doku "Ungleichland" vor

Allerdings sei eine "Supermediathek" alleine nicht die Lösung, sagte Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Christoph Neuberger: "Bei der Frage nach den europäischen Werten ist Arte sicher Vorbild und kann eine Keimzelle sein – allerdings ist die Frage, wie diese ins Internet zu übersetzen ist. Wir brauchen eine große europäische Diskussionsplattform."

Der WDR bei den Medientagen Mitteldeutschland

Bei den Medientagen Mitteldeutschland ging es neben einer gemeinsamen Streamingplattform auch um innovative Darstellungsformen und Formate. WDR-Journalistin Julia Friedrichs stellte die mit dem Otto-Brenner-Preis und Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentation "Ungleichland – Reichtum, Chancen, Macht" vor. Das Projekt "docupy" verschränkt innovativ Fernseh- und Onlineformate. Und WDR-Redakteurin Lena Brochhagen präsentierte die Augmented-Reality-App "WDR AR 1933 – 1945", in der Überlebende des Zweiten Weltkriegs authentisch über die verheerenden Folgen des Nationalsozialismus berichten.

Stand: 24.05.2019, 10:59