"Wir sind dafür da, dass sich andere eine Meinung bilden können"

Porträt: Ellen Ehni neben dem Moderationspult.

"Wir sind dafür da, dass sich andere eine Meinung bilden können"

WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni ist im Wahlkampf-Modus: Am Montagabend (13. September 2021) moderierte sie gemeinsam mit BR-Chefredakteur Christian Nitsche den vom WDR mitproduzierten "Vierkampf" in der ARD, bei dem Janine Wissler (Die Linke), Christian Lindner (FDP), Alexander Dobrindt (CSU) und Alice Weidel (AfD) aufeinandertreffen. Bereits am 6. und 7. September moderierte sie mit NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz die ARD-"Wahlarenen", in denen sich Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) und Olaf Scholz (SPD) Publikumsfragen stellten. Am 15. September gibt es eine abschließende Ausgabe mit Armin Laschet (CDU). Im Interview erzählt die Journalistin, wie herausfordernd solche Wahlkampf-Formate sind und welcher Aufwand dahinter steckt.

In den "Wahlarenen" stellt das Publikum die Fragen an die Kanzlerkandidat:innen. Ist das Moderieren schwieriger, wenn man sich die Fragen nicht selbst überlegt hat?

Es ist schon eine Herausforderung, sich als Journalistin zurückzunehmen und "nur" die Vermittlerin und Schaltstelle zu sein. Man muss sich zurückhalten, nicht so schnell eingreifen oder nachhaken, auch wenn einem etwas auf der Zunge liegt.

In der ersten "Wahlarena" haben Sie eingegriffen – als ein junger Mann erst Frau Baerbocks und dann Ihre Schuhe lobte. Warum?

Ich fand das total deplatziert. Der Maßstab ist doch: Würde man das in derselben Situation auch zu einem Mann sagen? Da fand ich es angemessen, ihm zu sagen: "Das tut hier nichts zur Sache." Das würde ich auch bei jeder anderen Äußerung machen, die nicht auf eine sachliche Auseinandersetzung mit politischen Themen abzielt.

Was ist der Reiz an sogenannten Townhall-Formaten, in denen Bürger:innen die Fragen stellen?

Die Stärke dieser Formate ist der unmittelbare Austausch der Politikerin oder des Politikers mit den Bürgern, mit deren Sorgen im konkreten Einzelfall. Da kann man eben nicht ausweichen und auf Parteiprogramme verweisen. Man sieht sehr genau, wie die Politiker:innen in dieser sehr menschlichen Situation reagieren. Es ist eben kein Profi-Talk. Ich freue mich deshalb, dass es jetzt auch im ARD Morgenmagazin so ein Format gibt. Unter dem Titel "Sechs Minuten für meine Stimme" gibt es Zwiegespräche zwischen Bürger:innen und Spitzenkandidat:innen aller im Bundestag vertretenen Parteien.

Wie schützen Sie sich davor, dass solche Sendungen als Podium für Verschwörungsmythen oder ähnliches missbraucht werden?

Wir bitten die Menschen, bei der Bewerbung um die Teilnahme ihre konkreten Themen und Fragen zu nennen. Natürlich könnten sie dann in der Sendung was ganz anderes fragen. Wenn es aber tatsächlich so weit kommt, dass jemand nicht haltbare Thesen vertritt oder wissenschaftliche Fakten anzweifelt, dann ist natürlich der Moment gekommen, wo man sich als Moderatorin einschalten muss. Das ist in der "Wahlarena" bislang noch nicht passiert. Ich möchte aber betonen: Die Kanzlerkandidatin und -kandidaten wissen nicht vorher, welche Fragen kommen.

Wie ist das mit der Sicherheit, wenn Bevölkerung und Spitzenpolitiker:innen so nah aufeinandertreffen?

Die Kandidat:innen stehen unter dem Schutz des Bundekriminalamts. Deshalb mussten alle an der "Wahlarena" Beteiligten einem Sicherheitscheck durch die Behörden zustimmen. Dieses Screening passiert im Vorfeld. Vor Ort gibt es dann noch die üblichen Sicherheitsmaßnahmen mit Personen-Scan, Sprengstoffspürhunden und so weiter.

Das Publikum in den Wahlarenen soll ein Querschnitt durch die Bevölkerung sein. Wie wird es ausgewählt?

Wir bekommen Vorschläge vom Umfrageinstitut Infratest dimap, auf Grundlage demografischer Faktoren. Da geht es um zum Beispiel um eine gerechte Verteilung von Ost und West, Mann und Frau, Alt und Jung. Nach diesen Kriterien haben wir Menschen kontaktiert. Wir haben gleichzeitig aber auch aufgerufen, sich mit Fragen zu bewerben. Es wurden Vorgespräche geführt und eine redaktionelle Auswahl getroffen, unter dem Aspekt, möglichst viele Themen und Standpunkte abzubilden. Wegen Corona sind diesmal auch nur 60 statt wie sonst 100 Leute im Publikum.

Wie bereiten Sie sich auf den "Vierkampf" vor?

Das wird natürlich die größere journalistische Herausforderung. Es geht um die vier Parteien, die nicht im Triell waren, und die durchaus sehr konträre Positionen haben. Und wir wissen, dass wir mit der AfD ein Gegenüber haben, wo viel mehr als bei anderen Parteien die Faktenbasis gecheckt werden muss. Das heißt: Das Überprüfen der Fakten ist mindestens genauso wichtig wie der politische Schlagabtausch.

Vierkampf

Beim "Vierkampf" in der ARD treffen (v.l.) Janine Wissler (Die Linke), Christian Lindner (FDP), Alexander Dobrindt (CSU) und Alice Weidel (AfD) aufeinander.

Wie muss man sich das vorstellen?

Wir orientieren uns mit unseren Fragen an den Themen, die Infratest dimap in repräsentativen Umfragen als die aktuell wichtigsten Probleme Deutschlands identifiziert hat. Das sind mit einem Drittel der Nennungen Klima und Umweltschutz, gefolgt von Zuwanderung, der Corona-Krise und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Diese Themen werden inhaltlich von unserem Team vorbereitet. Die sammeln schon seit langem Aussagen der Politiker:innen zu den verschiedenen Themen. Wenn diese Aussagen also in der Sendung fallen, kann ich da sofort drauf reagieren. Während der Sendung wäre es sehr schwer, harte Fakten zu recherchieren. Es genügt ja nicht, einmal kurz zu googeln – man muss schon verschiedene Inhalte und Quellen vergleichen. Wenn es also zu einer umstrittenen Aussage kommt, deren Wahrheitsgehalt wir nicht vorab recherchiert haben, dann verweisen wir auf den Faktencheck, den wir am nächsten Tag im Netz anbieten. Natürlich schauen wir auch ganz aktuell auf das "Triell" von ARD und ZDF vom Sonntag: Was war ein besonders umstrittenes Thema, und müssten sich dazu die Kandidat:innen im "Vierkampf" auch noch positionieren?

Welche Strategie haben Sie, wenn Politiker:innen wiederholt ausweichend auf Fragen antworten?

Im "Farbe bekennen"-Interview für die ARD habe ich Olaf Scholz dreimal gefragt, ob Jens Spahn wegen der Maskenaffäre zurücktreten soll. Als er auch beim dritten Mal nicht konkret darauf eingegangen ist, konnte man das abmoderieren mit den Worten: "Da gibt es wohl keine klare Antwort drauf."

Im Wahlkampf spielt die Redezeit eine wichtige Rolle. Wie stellt man sicher, dass keine Partei sich benachteiligt fühlt?

Bei "Triell" und "Vierkampf" wird die Redezeit tatsächlich gestoppt, und die Redaktion achtet auf eine ungefähr gleiche Verteilung. Es geht dabei aber nicht um jede Sekunde – das wäre nicht sachdienlich. Die Redezeit darf nicht das journalistische Steuerungsmoment einer Sendung sein. Es geht vielmehr darum, dass Vertreter:innen aller Parteien die Chance bekommen, sich zu einer Frage zu positionieren. Sie haben aber keinen Anspruch darauf, immer gleich lange zu reden. Es gibt ja auch Themen, wo sich manche mehr profilieren als andere. Wir werden beim "Vierkampf" die Zeit immer mal transparent machen. Es wird aber nicht so sein wie in den amerikanischen Duellen, wo die Redezeit von Trump und Biden permanent eingeblendet wurde.

Als Journalistin dürfen Sie Ihre eigene politische Meinung nicht durchblicken lassen. Fällt Ihnen das manchmal schwer?

Mir fällt das nicht schwer. Wir sind dafür da, dass sich andere eine Meinung bilden können. Und ich verstehe es als meine ureigenste Aufgabe, politische Inhalte, Themen und Positionen von Kandidat:innen so abzubilden, dass sie angemessen berücksichtigt werden und die Vielfalt zur Geltung kommt. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich da immer alles 100 Prozent richtig mache. Aber es ist auf jeden Fall mein Anspruch, die Person Ellen Ehni von der Journalistin zu trennen. Es gibt allerdings eine Grenze: Wenn die Grundwerte unserer Verfassung, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Meinungsfreiheit in Frage gestellt oder die Fakten verdreht werden. Das hat nichts mehr mit Meinungsvielfalt zu tun. Es gehört zum Rüstzeug einer politischen Journalistin, dies klar zu benennen und zurück zu weisen.

Der Vierkampf – mit Janine Wissler (Die Linke), Christian Lindner (FDP), Alexander Dobrindt (CSU) und Alice Weidel (AfD)
Mo., 13. September 2021 | 20:15 Uhr
Das Erste

Wahlarena – mit Armin Laschet
Mi., 15. September 2021 | 20:15 Uhr
Das Erste

In der ARD-Mediathek:
Wahlarena vom 6. September – mit Annalena Baerbock
Wahlarena vom 7. September – mit Olaf Scholz

"Sechs Minuten für meine Stimme"
13.-17. September 2021 im ARD-Morgenmagazin

Stand: 13.09.2021, 14:34