Frauen als Abweichung von der Norm

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Frauen als Abweichung von der Norm

Die vierteilige ARD-Doku-Reihe "HERstory" zeigt in ihrer ersten Folge "Lebensgefahr – Frauen und die Medizin", welche fatalen Folgen es hat, dass der Mann das Maß aller Dinge ist. Im Interview erklären die Autorin Julia Friedrichs und der Redakteur Mathias Werth, warum eine konsequent weibliche Sicht auf die Geschichte dringend nötig ist.

Wie entstand die Idee für die Reihe HERstory?

Werth: Was wir an Geschichtsbildern kennen, ist sehr männlich geprägt. Das betrifft sowohl Epochen der Geschichte als auch einzelne Themen. Wir haben uns zunächst gefragt, wie es dazu kommt und wie Geschichte aussehen würde, wenn man mal auf Frauen gehört hätte. Warum wurden sie nicht gehört? Wie haben sie versucht, sich durchzusetzen? Wir wollten dieses Bild nachzeichnen, denn da ist ein Lücke in der Geschichtserzählung. Das haben unsere Recherchen zu den unterschiedlichen Themen deutlich gezeigt.

Was hat sie persönlich an dieser Art der Geschichts-Doku gereizt?

Werth: Dokus, die "große Frauen der Geschichte" in den Mittelpunkt stellen, gab es bereits. Ich habe das aber immer als Alibi empfunden, innerhalb der männlichen Geschichtsbetrachtung lediglich an ein paar vermeintlich vergessene oder übersehene Frauen erinnern. Es hätte mich gelangweilt, noch eine solche Doku zu machen. Die Idee einer konsequent weiblichen Sicht fand ich aber spannend.

Die Folgen wurden von unterschiedlichen Autor:innen und Produktionsfirmen realisiert. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Werth: Wir haben eine Ausschreibung gemacht. Die Kölner btf und die Berliner Labo M haben mit ihren Vorschlägen überzeugt. Es sollten individuelle Filme sein. Jeder Film ist anders, nicht nur vom Thema her, sondern auch in der Machart. Das ist genau so gewollt. Wir wollten keine formatierte Reihe haben. Die Handschrift der jeweiligen Autor:innen-Teams sollte erkennbar sein.

Frau Friedrichs, sie haben sich mit "Frauen und Medizin" beschäftigt. Warum dieses Thema?

Friedrichs: Ich war ja von Anfang an bei der Entwicklung der Reihe dabei und fand es vor allem wichtig, zu zeigen, was die Folgen sind, wenn der Mann als Norm gilt und die Frau als lästige Abweichung. Das ist ja nicht nur eine Frage von Ungerechtigkeit, wo man sagen könnte: Das ärgert uns aber. Es geht um Leib und Leben! Es hat eben handfeste Konsequenzen, wenn in medizinischen Lehrbüchern immer nur der Mann als Herzinfarktpatient gezeigt wird: Frauen haben ein höheres Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben. Und wenn Crashtests nur mit männlichen Dummys, 1,80 groß und 80 Kilo schwer, gemacht werden, heißt das: Frauen sitzen in nicht optimal für sie getesteten Autos und werden deshalb bei Unfällen öfter getötet oder erleiden schwere Schleudertraumata.

Die von ihnen genannten Problematiken sind schon seit längerem bekannt. Trotzdem ändert sich nichts, und bis heute müssen Frauen unnötig sterben. Wie kann das sein?

Friedrichs: Ich konnte vieles in der Recherche erst gar nicht glauben und habe immer gedacht: Wir müssen da was übersehen haben. Die Kardiologin Vera Regitz-Zagrozek hat bereits 2004 in einer Studie bewiesen, dass ein Herzinfarkt keine typische Männerkrankheit ist. Und die Verkehrssicherheitsexpertin Astrid Linder hat 2010 einen weiblichen Crashtest-Dummy entwickelt, der bis heute von der Autoindustrie nicht eingesetzt wird. Beide Wissenschaftlerinnen sagen: Die Strukturen sind über die Jahrhunderte so gewachsen und geprägt, dass sie von Männern dominiert werden, die ihre Wahrheit für die richtige erachten. Die neuen Erkenntnisse wurden in den Gremien deshalb erst mal weggedrückt, und es war schwer überhaupt an Forschungsgelder zu kommen. Es kostet diese Frauen sehr viel Zeit und Mühe, die alten Strukturen aufzubrechen und wahrgenommen zu werden. Beide hoffen, dass es vielleicht in 10 bis 15 Jahre so weit ist, dass in ihrem Forschungsgebiet die weibliche Hälfte der Bevölkerung gleichermaßen berücksichtigt wird.

Trotz dieser schockierenden Prognose wirken ihre Protagonistinnen gar nicht verzweifelt. Wie kommt das?

Friedrichs: Ich denke, sie sind von Natur aus stoisch und haben ein dickes Fell entwickelt. Sowohl Regitz-Zagrozek als auch Lindner führen diesen Kampf ja schon seit Beginn ihrer akademischen Laufbahn und sind beide nun in fortgeschrittenem Alter. Wir zeigen im Film allerdings nur eine Auswahl an Frauen, die trotz aller Widerstände durchgehalten haben. Die anderen sehen wir ja nicht.

Werth: Die Reihe ist auch den vielen tollen Frauen gewidmet, die an den Strukturen gescheitert sind und aufgeben mussten. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass man den Frauen zuhören muss, weil das tatsächlich etwas verändert.

Julia Friedrichs und Mathias Werth

Obwohl mittlerweile überwiegend Frauen Medizin studieren, sitzen in Chefetagen und Entscheidungsgremien noch immer hauptsächlich Männer. Könnte eine Quote hier Leben retten?

Friedrichs: Ich glaube nicht, dass Frauen per se bessere Entscheiderinnen sind. Ich glaube aber, dass ausschließlich männlich besetzte Gremien zu blinden Flecken neigen. Für Männer passt ja alles, denen fällt nicht so leicht auf, dass die Welt nur für ihre Hälfte der Menschheit gemacht ist.

Ist wirklich die ganze Welt auf den durchschnittlichen Männerkörper zugeschnitten?

Friedrichs: Mein Kollege Andreas Spinrath hat für unseren Film Archivmaterial zusammengesucht und grandios geschnitten. Da gibt es noch viele weitere Beispiele, wie etwa die Arktisforscherin, die durch einen Gummitrichter pinkeln muss, weil die Schutzkleidung für Menschen mit Penis genormt ist. Die Welt hat sich über Jahrhunderte an Männern orientiert, und es ist noch ein langer Weg bis es für alle passt.

Frauen wissen aus Erfahrung, dass die Welt männlich dominiert ist. Dennoch dürfte vielen neu sein, dass das Design so vieler Dinge sich am männlichen Körper orientiert und welche fatalen Folgen das hat. Wie haben Sie, Herr Werth, das als Mann wahrgenommen?

Werth: Ich bin vorbelastet, weil ich zwei sehr engagierte und selbstbewusste Töchter habe, die mich immer schon an der weiblichen Sicht auf das Leben haben teilnehmen lassen. Insofern war ich bei vielem nicht überrascht, dass es so ist. Aber die Wucht der Auswirkungen hat mich empört. Es geht ja nicht nur um Etappen in der Geschichte, sondern um Dinge, die unser aller Leben veränderten und verändern, auch das der Männer.

Welche neuen Perspektiven eröffnet die konsequent weibliche Sicht in den weiteren Folgen der Reihe?

Werth: Im zweiten Teil geht es um "Frauen, Krieg und Gewalt". Da wird deutlich, dass Friedensprozesse unter Beteiligung von Frauen wesentlich nachhaltiger sind. Für Männer bedeutet Frieden oft nur, die Waffen niederzulegen. "Überlassen Sie den Frieden denen, die den Krieg geführt haben", mussten sich Frauen anhören, die sich nach dem Ersten Weltkrieg einmischen wollten. In Teil drei und vier beschäftigen wir uns damit, wie Frauen die Wiedervereinigung und das Wirtschaftswunder erlebt haben und wie ihre Wahrnehmung der Dinge auch hier systematisch verdrängt wurde.

In der Geschichte gibt es noch sehr viel mehr Bereiche, in denen Frauen durch die vorherrschende männliche Sicht ausgeblendet wurden. Könnte es weitere Folgen der Reihe geben?

Werth: Wir sind bei unseren Recherchen auf viele weitere Themen und empörende Beispiele gestoßen und sind prallvoll mit Ideen: Frauen und das Weltall, Frauen und die Ökonomie, Frauen und die ‘68er oder Frauen als Gastarbeiterinnen … Ich hoffe sehr, dass die Reihe nach den ersten vier Teilen fortgesetzt wird.

Friedrichs: Wir haben auf jeden Fall noch viel zu erzählen!

 

"HERstory": Die Sendetermine im Überblick:

Lebensgefahr – Frauen und die Medizin
von Julia Friedrichs, Nina Ostersehlte und Andreas Spinrath
Montag, 16. August 2021, 22:50 - 23:35 Uhr

Angriffslust – Frauen, Krieg und Gewalt
von Mareike Wilms, Andreas Spinrath und Nina Ostersehlte
Montag, 27. September 2021, 23:35 - 00:20 Uhr

Wendeman(n)över – Frauen und die Wiedervereinigung
von Sabine Michel
Montag, 4. Oktober, 23:35 - 00:20 Uhr

Frauenwunder – Frauen und das Wirtschaftswunder
von Linn Sackarnd
Montag, 11. Oktober, 23:35 - 00:20 Uhr

Stand: 16.08.2021, 12:23