ARD Moma: "Wir senden unverdrossen immer weiter"

ARD Moma-Moderatorin Anna Planken moderiert den nächsten Beitrag zum Thema Corona an.

ARD Moma: "Wir senden unverdrossen immer weiter"

  • So arbeitet die längste Live-TV-Sendung des WDR in der Corona-Krise
  • Weltstars bringen ihre "Hausmusik" mit ins Studio
  • Zwei Gäste pro Sendung wieder zugelassen
  • Auch Zuschauer*innen achten auf Sofa-Abstand
  • Neue Rubriken, neue Produktions-Regeln

Draußen ist es noch dunkel, doch auch Musiker stehen manchmal früh auf: Aloe Blacc, mit hellem Hut und dunkler Alltagsmaske, läuft durch die Katakomben des WDR zu seinem Aufenthaltsraum im Studio B, Rechtschule. Er ist der erste Weltstar seit Monaten, der live beim ARD Morgenmagazin zu Gast ist. Performen darf er aber nicht, nur der Talk ist live.

Aloe Blacc ist live im Moma-Studio, aber live singen darf er nicht.

Aloe Blacc ist zwar live im Studio, aber live singen darf er nicht.

"Beim Singen", erklärt die stellvertretende Redaktionsleiterin Charlotte Gnändiger, "können einzelne Tröpfchen mehrere Meter weit fliegen." Also hat der Künstler aus Kalifornien ein exklusiv für diese Sendung produziertes Video mitgebracht. "Hausmusik" heißt die neue Rubrik, die die Live-Acts im Studio ersetzt hat.

Selbst Superstars machen "Hausmusik" fürs ARD Morgenmagazin

Die Redakteur*innen Marco Dix und Renate Danisch haben dieses Konzept entwickelt, das in der Musikbranche sehr gut ankam. Selbst Superstars wie Katy Perry, die Dix im Normalbetrieb wegen mangelnder Erfolgsaussichten eher nicht angefragt hätte, produzierten Videos eigens für das Moma. Die Künstler*innen legten dabei im Laufe der Zeit immer mehr Kreativität an den Tag. Bot Max Giesinger noch intime Einblicke in seine heimische Küche, wie es zu Beginn des Lockdowns der Standard war, meldeten andere Sänger*innen sich später aus der U-Bahn, einem fahrenden Auto oder posierten vor ausgesuchten Hintergründen in den Proberäumen dieser Welt.

Es fehlen das Miteinander und der schnelle kreative Austausch

Kreative Hintergründe, so erzählt Gnändiger, sorgen auch für Abwechslung bei den Videokonferenzen der Redaktion. Als Werder-Fan habe sie selbst schon mal das Weserstadion als Hintersetzer eingeblendet. Gewöhnungsbedürftig war die Verlegung aller Konferenzen ins Digitale dennoch für alle Beteiligten. Wenn keine Sendewoche ist, arbeiten deutlich über 50 Prozent des Teams von zu Hause aus. "Mir fehlen die anderen, das Miteinander, dass wir auf dem Gang Ideen austauschen können", sagt Moderator Sven Lorig.

Eine Zeitlang hatte die Sendung gar keine Gäste, jetzt sind wieder zwei pro Tag zugelassen. Weil Profis und Expert*innen mittlerweile gut mit Skype-Schalten zurechtkommen, lädt die Redaktion im Zweifel stets die "Alltagsexperten" live ins Studio ein. "Das sind Leute, die nicht prominent sind, die ein Thema aus eigener Erfahrung verkörpern oder eine besondere Geschichte mitbringen", erklärt Redaktionsleiter Martin Hövel, "Und diese Alltagsexperten tauen natürlich ganz anders auf, wenn sie den Moderatoren direkt gegenübersitzen." An diesem Morgen nimmt allerdings mit Sebastian Fiedler, dem Vorsitzenden des Bundes der Kriminalbeamten, ein Medienprofi auf dem Sofa Platz. Es geht um Rechtsextremismus in deutschen Sicherheitsbehörden.

Auch Zuschauer*innen achten auf den richtigen Abstand

Eine weitere sichtbare Veränderung für die Zuschauer*innen: Das Bild zeigt auch heute sehr viel Sofa zwischen dem Moderationsteam; eineinhalb Meter sind es mindestens zwischen Anna Planken und Sven Lorig. Am 16. März hatten Susan Link und Lorig mehrmals live mit einem Zollstock den korrekten Abstand gemessen, damit möglichst viele Zuschauer*innen mitbekamen, warum und wie weit die zwei auseinander gerückt waren.

Mindestabstand der Moderator*innen Anna Planken und Sven Lorig während der Live-Sendung

Auf dem Sofa mindestens 1,5 Meter Abstand.

Mittlerweile sind die Leute so an dieses Bild gewöhnt, dass sie während der Sendung anrufen, wenn sie den Eindruck haben, Moderator*innen oder Reporter*innen halten den Sicherheitsabstand nicht ein. Deshalb werden die Abstände auch nicht durch die Kameraeinstellung kleiner geschummelt. "Wir haben uns dafür entschieden, keine schicke Lösung zu wählen, sondern eine ehrliche", sagt Gnändiger.

"Gigantische Herausforderung für die Regie"

Der Krisenstab des WDR hat für jeden Raum festgelegt, wie viele Personen sich gleichzeitig dort aufhalten dürfen; an jeder Tür hängt ein Zettel, der darauf hinweist. Auch in einem großen Raum mit einer guten modernen Lüftung wie dem Studio darf nur eine begrenzte Zahl von Leuten arbeiten. Deshalb mussten die beiden Kameraleute lange auf ihre Kabelhilfen verzichten. Das schränkte die Möglichkeiten für die Regie ein, Kamera-Fahrten zu machen oder elegant vom Moderations-Sofa zum Service-Tisch zu wechseln. "Während einer Dreieinhalb-Stunden-Sendung eine gigantische Herausforderung für die Regie", sagt Martin Hövel.

Kabelhilfe und Kameramann bei der Arbeit für das ARD Moma

Seit kurzem wieder besetzt: der wichtige Job der Kabelhilfe. Simon Frie garantiert Kameramann Joachim Hadulla die nötige Beinfreiheit.

Kürzlich genehmigte die Produktion einen Menschen mehr im Studio. Seit Ende September ist deshalb erstmalig wieder eine Kabelhilfe im Einsatz. Simon Frie kümmert sich mit professioneller Gelassenheit um die Kabel beider Kameras. Das ist gut für die Kameraleute, die sich wieder voll auf das gute Bild konzentrieren können. Und gut für die Sendung, die dadurch abwechslungsreicher aussieht.

Faktor Schinken-Brötchen

Aber: "Noch größer wäre die Freude im Team, wenn wir wieder ein paar Student*innen in Studio- und Regie-Zone lassen könnten, die alle mit Brötchen versorgen", sagt Charlotte Gnändiger. "Auch wenn es seltsam klingt", ergänzt Martin Hövel, "wenn Sie um drei Uhr nachts anfangen zu arbeiten, dann ist ein Schinken-Brötchen ein ganz wichtiger Faktor." Auf den muss aber seit Corona aus Hygiene-Gründen verzichtet werden. Deshalb sieht man an diesem Morgen viele Mitarbeiter*innen mit der eigenen Brötchentüte in der Hand.

Das Team der Regie von ARD Moma arbeitet getrennt durch Plexiglasscheiben

In der Regie arbeitet das Team getrennt durch Plexiglasscheiben (v.r.): Ablaufproducerin Miriam Diefenbach, Regisseur Andreas Heilemann, Bildmischerin Stefanie Kusemann.

Im Regieraum, der direkt vom Studio aus über eine Treppe zu erreichen ist, sitzen Regisseur, Bildmischerin, Ablaufproducerin, das sind heute Andreas Heilemann, Stefanie Kusemann, Miriam Diefenbach, und alle anderen, die ihre Arbeit von dort aus verrichten, an ihren Rechnern und Bedienpulten. Durch Plexiglasscheiben getrennt – wohl das augenscheinlichste Symbol für das "neue Normal" im WDR. Zwei Arbeitsplätze wurden zudem in einen benachbarten Mehrzweckraum ausgelagert. Auf den Bildschirmen läuft gerade ein Beitrag über Lipizzaner-Fohlen, die von ihren Müttern getrennt werden. Es wogt eine Welle der Empathie mit diesen armen Tierbabies durch den Raum, die sich von Plexiglas nicht aufhalten lässt.

Ein Anker "in dieser verrückten Welt"

Auch inhaltlich reagierte die längste Live-Sendung im WDR ständig auf die Corona-Krise. "Schließlich", so Hövel, "sendet das Moma unverdrossen immer weiter." So wurden aus den Kinotipps zunächst die Heimkinotipps, der Service versorgt die Zuschauer*innen mit Informationen zu Reisestorno und Arbeitsrecht, die Rubrik "Corona Aktuell" berichtet über tägliche Entwicklungen. Für Anna Planken ist der Job aber mehr als reine Informationsvermittlung: "Wir versuchen, für die Menschen in dieser verrückten Welt der Anker zu sein. Es bringt ja nichts, wenn wir alle verzweifeln."

Stand: 06.10.2020, 15:21