Neuer Zeuge, neue Erkenntnisse in einem der größten ungeklärten Justizskandale

Neuer Zeuge, neue Erkenntnisse in einem der größten ungeklärten Justizskandale

In der Feature-Serie "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" befasst sich WDR 5 mit einem der größten ungeklärten Justizskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Interview mit Autorin Margot Overath.

  • Warum musste Oury Jalloh sterben?
  • Welche Rolle spielten zwei weitere ungeklärte Todesfälle?
  • Recherchen decken brutale Polizeitraditionen auf
WDR 5 Tiefenblick befasst sich mit einem der größten ungeklärten Justizskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Rosen liegen vor dem Bild von Oury Jalloh am 07.01.2014 am Hauptbahnhof in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt).

Ein Asylbewerber aus Afrika verbrennt am 7. Januar 2005 in einer Polizeizelle in Dessau. Seit nunmehr 15 Jahren kann die Justiz den Fall nicht aufklären – und macht ihn dadurch zum Politikum. In der Feature-Serie "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" befasst sich WDR 5 mit einem der größten ungeklärten Justizskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wir sprachen mit Autorin Margot Overath.

WDR: Frau Overath, Sie sind seit mehr als zehn Jahren auf der Suche nach der Wahrheit im Fall Oury Jalloh. Was glauben Sie geschah am 7. Januar 2005 in der Zelle des Polizeireviers Dessau-Roßlau?

Margot Overath: Nach meinen Recherche wurde Oury Jalloh schwer misshandelt. Er verlor das Bewusstsein, es wurde kein Arzt geholt, was unbedingt nötig gewesen wäre, und nachdem vermutet wurde, dass er nicht wieder aufwacht, wurde sein Suizid inszeniert.

WDR: Wenn das wirklich so war, wäre es dann Mord oder Totschlag?

Folge 1: Die Leiche ist schuld, am Sonntag (17.05.20) um 08:05 Uhr. WDR 5 Tiefenblick befasst sich mit einem der größten ungeklärten Justizskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Autorin Margot Overath im Interview mit Dr. Kurt Zollinger, Brandsachverständiger aus Zürich

Overath: Ich bin keine Juristin, aber ich habe einigen Leuten diese Frage gestellt. Ein Staatsanwalt sagte mir, bei einem solchen Ablauf  sei es ganz klar Mord. Auch die Nebenklage-Anwältin geht von Mord aus.

WDR: Wie viele Menschen kennen überhaupt die Wahrheit?

Overath: Das sind vermutlich nur sehr wenige. Eine wichtige Zeugin ist die Polizistin, die damals die Feuerwehr rief. Vermutlich weiß sie alles, aber sie hat im Prozess die Aussage verweigert. Von ihr ist also nichts mehr zu erfahren.

WDR: Wenn man die Serie hört, hat man den Eindruck, es gibt eine kleine Gruppe Menschen, die die Wahrheit kennen, aber nicht ans Licht kommen lassen. Wie gelingt ihnen das?

WDR 5 Tiefenblick befasst sich mit einem der größten ungeklärten Justizskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Verwahrzelle im Polizeirevier Dessau-Rosslau 2008.

Overath: Das hängt mit den Strukturen in der Polizei zusammen, aber nicht nur. Die Staatsanwaltschaft hat sich von Anfang an auf die Version des unfreiwilligen Suizids eingelassen. Unfreiwillig, weil Oury Jalloh versucht haben soll, mit einem Feuer auf sich aufmerksam zu machen. Ein Brandversuch hat aber gezeigt, dass es nicht so gewesen sein kann. Und damit ging das Desaster von vorne los. Denn nun sollte das Ergebnis unter den Teppich gekehrt werden, aber nicht mehr von der Staatsanwaltschaft Dessau. Da waren höhere Mächte beteiligt. Wie das gelungen ist, schildere ich in der Feature-Serie.

WDR: Sie berichten über zwei weitere Todesfälle. Welchen Bezug haben Sie zum Fall Oury Jalloh?

Overath: Ich habe mich auch mit  zwei Todesfällen in und im Umfeld dieser Wache von 1997 und 2002 beschäftigt. Beide Ermittlungsverfahren wurden damals eingestellt. Der Oberstaatsanwalt hielt es 2017 für möglich, dass Oury Jallohs Tod auch deshalb als Suizid dargestellt wurde, damit die Fälle nicht noch einmal untersucht werden. Ein Informant berichtet, wie Polizisten ihre Machtgelüste an hilflosen Schutzbefohlenen auslebten. Das war nicht nur in der Wache bekannt, ihr Verhalten wurde auch von Vorgesetzten gedeckt und ging zurück auf Traditionen aus Zeiten der Volkspolizei, die Angst machen sollten.

WDR: In Ihrer Feature-Serie kommen auch neue Zeugen zu Wort.

Overath: Ja, ich habe mit aktiven und mehreren ehemaligen Polizeibeamten sprechen können. Einer stammt aus dem Umfeld der damaligen Dienstschicht. Es geht mir darum, aus einer Vielzahl von Indizien den wahrscheinlichen Tathergang zu rekonstruieren, aber auch um die Motive, warum er vertuscht werden musste. Dabei haben mir viele Menschen geholfen, die an den Prozessen beteiligt waren, Wissenschaftler, aber auch Kriminalisten und Forensiker, die ihr Fachwissen einbringen.

Das Interview führte Michael Scholten

WDR 5 Tiefenblick  –  ab 17. Mai  sonntags, 8:05 / WH 22:30
Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau
Feature-Serie  in 5 Teilen
Von Margot Overath (WDR 2020)

Die fünf Folgen finden Sie hier:

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/tiefenblick/tiefenblick-oury-jalloh-100.html

Stand: 17.05.2020, 06:00