Meine Stadt Dortmund

Karin Niemeyer in Dortmund

Meine Stadt Dortmund

Dortmund, das ist der BVB – und noch viel mehr: Technologie-Park, Kunst, Kultur und jede Menge Natur: Über 50 Prozent der Stadt sind grün. Außerdem erzählt uns Karin Niemeyer, Moderatorin der »Lokalzeit aus Dortmund« und von »daheim + unterwegs«, warum die Dortmunder stets den Überblick behalten.

"Dortmund, meine Stadt, mein Leben." So singen das die Jungs von der Christian Jansen Band. "Es kann nichts Schöneres geben, als ein Teil von dir zu sein." Recht habt ihr.

Dortmund ist eine pulsierende Stadt. Eine, die sich verändert hat und noch verändert. Laut. Voll. An manchen Stellen hässlich. An vielen Orten aber auch wunderschön.

Karin Niemeyer in Dortmund

Am Phoenix-See zum Beispiel. Unter der Woche bin ich gerne hier. Dann ist es ruhig. Ein paar Jogger ziehen vorbei. Enten warten auf die Rentner mit dem krümeligen Weißbrot. Immer mehr Wasservögel gibt es hier seit 2005. Seitdem auf dem ehemaligen Stahlwerksgelände Phoenix ein gigantischer Krater ausgehoben wurde und erst mal nur eine Mini-Pfütze entstand. Heute ist der Phoenix-See größer als die Hamburger Binnenalster. Er hat den früheren Stahlkocher-Stadtteil Hörde verändert. Diesen Malocher-Stadtteil. Ein nasser Strukturwandel.

Mordskulisse Phoenix-See

Schicke Villen stehen am Seeufer. Besucher, so wie ich, haben ihre eigenen Plätze am See. Im Café Solo am Hafenbecken zum Beispiel. Die Maracuja-Schorle ist hier der Hit. Oder auf der Halde am Ost-Ufer. Hier oben gibt’s einen tollen, weiten Blick. Über den See, über die alte Hörder Burg, auf den Florianturm im Westfalenpark, auf die Westfalenhalle. Selbst die Spitze des alten Hochofens im anderen Teil des ehemaligen Stahlwerks sieht man noch. Er ist heute ein verrostetes stählernes Denkmal. Industriekultur ist hier auf Phoenix-West spürbar. Das hat auch die »Tatort«-Macher beeindruckt. Kommissar Faber und sein Team haben hier für einen Dortmunder »Tatort« gedreht. Hier lag die Leiche. Eine echte Mordskulisse also.

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Weit gucken, das geht an vielen Stellen in Dortmund. Wer will, hat immer einen guten Überblick. Übers Ruhrgebiet. Vom alten Zechenturm im Industriemuseum Zeche Zollern zum Beispiel oder von der H-Bahn, der Schwebebahn an der Dortmunder Uni, oder auch vom Dortmunder U aus, dem Kunsttempel auf dem Gelände der ehemaligen Union-Brauerei. Die Kunst ist am U schon von außen sichtbar und jeder guckt hin. Guckt Kunst. Fliegende Bilder, kurze Videos von Ruhrgebiets-Regisseur Adolf Winkelmann flimmern über die riesigen Fenster der Dachkrone. Ich liebe die Goldfische, dann wirkt das U wie ein überdimensionales Aquarium mitten in der City. Oben vom U gibt es auch diesen Weitblick. Auf die Dortmunder Häuser und Straßen, auf die vielen Menschen, die hier zu Hause sind.

Karin Niemeyer in Dortmund

Aus über 20 Nationen kommen die Dortmunder. Die meisten haben türkische Wurzeln. Multi-Kulti, das passt an vielen Stellen in unserer Stadt. Zum Beispiel ganz klein und familiär bei Divan, meinem liebsten, türkischen Schnellrestaurant an der Dortmunder Uni. Yavaş, yavaş, heißt es hier. Immer schön langsam. Mir tut das gut. Studenten essen hier, aber auch viele, die das mal waren. Die schwer beschäftigten IT-Spezialisten kommen mittags zu Divan. Sie arbeiten im Technologie-Park an der Uni. Vor fast 30 Jahren ist diese computergesteuerte Ideenschmiede entstanden. Hier wurde der Strukturwandel angeheizt, als die Hochöfen nicht mehr brannten.

Multi-Kulti, das funktioniert auch beim Fußball, und zwar besser als viele denken. Die meisten, so wie ich, wollen sich das auch nicht von rechten Krawallmachern kaputt machen lassen. Die Fans vom BVB sind international. Gefeiert wird gemeinsam. Gelitten auch. Vor allem auf der Südtribüne, der gelben Wand im Stadion. Mein Papa hat mich dorthin schon als kleines Mädchen mitgenommen.

Karin Niemeyer in Dortmund

Aber BVB-Fans können auch anderswo jubeln oder leiden in der Stadt. Bei Kumpel Erich an der Lindemannstraße zum Beispiel. Das ist für mich die Fußballkneipe Nummer eins im Kreuzviertel. Nicht weit vom Stadion. Zum "Vorglühen" bei Heimspielen ein sicherer Standort. Oder bei Herrn Walther im Dortmunder Hafen. In der Szenekneipe auf einem alten Schiff läuft jedes BVB-Spiel im Fernsehen. Rudelgucken, das ist in Dortmund so etwas wie Volkssport, alleine zu sein mögen wir Dortmunder nicht, das ist nicht unser Ding.

Konzerthaus in der Schmuddelecke

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Vielleicht ist es deshalb in der Innenstadt immer so voll. Shoppen geht gut in Dortmund – auf dem Westenhellweg, in der Thiergalerie oder auf der Brückstraße. Hier war früher das "schlimme" Viertel. Drogen, Prostitution. Eine Schmuddelecke mitten in der Innenstadt. Die Junkies hat die Polizei schon vor Jahren vertrieben. Meine ersten Hörfunk-Reportagen habe ich darüber gemacht. Fernsehen kam später. Das Image der Brückstraße wurde Anfang 2000 aufgemöbelt. Ein glitzerndes Konzerthaus entstand. Zuerst konnte sich niemand vorstellen, dass feine Damen in Abendroben und Herren in Maßanzügen über die Brückstraße schlendern würden. Tun sie jetzt aber. Oft. Über 100 Konzerte gibt es jährlich. Mein schönstes war das von Annett Louisan. Diese kleine Frau hat mit ihrer Stimme den großen Konzertsaal verzaubert. Wunderschön war das.

Die neuen Töne, die auf der Brückstraße angeschlagen wurden, haben die nördliche Innenstadt verändert. Die Schmuddelecken sind jetzt woanders. In der Dortmunder Nordstadt. Hier gibt es all das, was keiner mag. Verdreckte, überfüllte Mietshäuser, Drogenkonsum auf offener Straße, sichtbare Armut. Als der Straßenstrich zum größten in ganz Europa anschwoll, hat ihn die Stadtverwaltung dicht gemacht. Die gesamte Nordstadt ist jetzt Sperrbezirk. Die Probleme konnten nicht weggesperrt werden.

Karin Niemeyer in Dortmund

Von der Nordstadt trennen die saubere Innenstadt nur die Gleise des Hauptbahnhofs. Von hier aus ist man schnell Richtung Grün. Dortmunds Fläche ist übrigens mehr grün als grau. Das glaubt uns zwar kaum einer, stimmt aber. Über 50 Prozent von Dortmund sind Park- oder Grünfläche. Wer in Dortmund so wie ich gerne joggt, muss nicht Asphalt treten. Schnell bin ich von zu Hause durch die Felder am Reitstall meiner Tochter. Oder noch weiter durch den Wald: von Kirchhörde über die Bittermark bis hin zur Hohensyburg. Hier oben ist noch so ein Platz mit einem weiten Blick. Allerdings ist die Hohensyburg ein Ausflugsziel. Allein ist man hier nie. Aber wie gesagt: Alleine zu sein ist auch nicht das Dortmund-Ding.

Karin Niemeyer ist waschechte Dortmunderin. In ihrer Stadt absolvierte sie auch ein Journalistikstudium, bevor sie beim WDR als Autorin, Reporterin und Moderatorin für Hörfunk und Fernsehen begann. »Lilipuz«, »Lokalzeit Südwestfalen«, »Aktuelle Stunde« und aktuell »Lokalzeit aus Dortmund« (seit 1999) und »daheim + unterwegs« (seit 2010) sind die Sendungen, für die sie arbeitet(e).

Dieser Artikel erschien im Mai 2014 in der WDR PRINT.