Entwicklungen im Hörfunk 1956-1985: in Verantwortung für alle.

Entwicklungen im Hörfunk 1956-1985: in Verantwortung für alle.

Der WDR hat die Dynamik der Veränderungen, Entwicklungen und Differenzierungen mit einem Imperativ vollzogen, der aus seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag folgt.

Blick in den Regie-Raum während der Sendung

Mit dem "Mittagsmagazin", das am 1. Februar 1965 Premiere hatte, begab sich das Radioprogramm des WDR auf den langen Weg vom vorgelesenen Sprechfunk zum gesprochenen Wort, vom Verkünden zum Reden. Es bot politische Information, die unterhaltsam aufbereitet war.
Bild: Blick in den Regieraum während der 1000. Sendung des "Mittagsmagazins" am 18. Juli 1968.

Mit dem "Mittagsmagazin", das am 1. Februar 1965 Premiere hatte, begab sich das Radioprogramm des WDR auf den langen Weg vom vorgelesenen Sprechfunk zum gesprochenen Wort, vom Verkünden zum Reden. Es bot politische Information, die unterhaltsam aufbereitet war.
Bild: Blick in den Regieraum während der 1000. Sendung des "Mittagsmagazins" am 18. Juli 1968.

Vater des "Mittagsmagazins" war der damalige Leiter der Abteilung Aktuelles, Dieter Thoma, der zusammen mit dem Reporter Walter Hahn das Konzept entwickelt hatte.
Bild: Blick in die Redaktion des "Mittagsmagazins", 18. Juli 1968.

Live war beim "Mittagsmagazin" ein Dogma; die geschriebene Sprache der traditionellen Sendungen wurde zum gesprochenen Wort. Am Anfang rechneten viele mit einem Flop, aber sie irrten sich. Das "Mittagsmagazin" wurde zum großen Erfolg - besonders wegen der Live-Telefonate in alle Welt.
Bild: die 2500. Sendung am 12. Juli 1973.

Die Hörer nehmen Kontakt zum Radio auf: Telefonistinnen während einer Sendung vom Funkhaus Wallrafplatz in den 70ern.

Der WDR-Hörfunk wurde in den 70er Jahren spürbar jünger, seine Programme klangen anders. Das Radio machte einen Generationenwechsel durch, der nicht zuletzt durch das inzwischen so stark gewordene Fernsehen bewirkt wurde. Der Hörfunk wurde schneller, seine einzelnen Beiträge wurden kürzer, die Themenvielfalt größer, die Hörer rückten näher ins Programm und die Gestaltungsformen wurden differenzierter.

Erste Rundfunkerfahrungen machte Walter Dirks als Kommentator beim Südwestrundfunk. Zum WDR kam er 1956 und prägte mehr als ein Jahrzehnt dessen Kulturressort als Hauptabteilungsleiter Kultur im Hörfunk, nicht durch neue Hörfunkformen, sondern mit Inhalten, die er mit Leidenschaft und glänzender Stilistik vortrug.

Robert Radloff beim "Echo des Tages". Diese wichtige Informationssendung wurde im Wechsel von WDR und NDR verantwortet.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang prägte die Redakteurin Ursula Holtmann das "Echo des Tages". Es sei "global und repräsentativ", biete den Blick über den Tellerrand hinaus und bediene auch die Hörerschaft in der DDR, die über die Mittelwelle in großen Teilen erreicht werden könne, urteilte man in Köln.

Bildung und Wissensvermittlung hatten bei Hörfunkdirektor Dr. Fritz Brühl Vorrang. In einer eigenen fünfminütigen Sendereihe "Von uns über uns" räsonierte er über das Wesentliche der Sprache im Radio und über die Ethik des Journalistenstands.

Klaus Klenke war Fritz Brühls persönlicher Referent. Er erlebte ihn als großen Radiomann, der mit Volontären mit dem gleichen Interesse und großer Ernsthaftigkeit diskutierte wie mit seinen führenden politischen Redakteuren.

1970 wurde Carola Stern Erste Redakteurin in der Hauptabteilung Politik des WDR-Hörfunks und übernahm sieben Jahre später die Leitung der Programmgruppe "Kommentare und Feature". Ihr Stimme wurde unüberhörbar. Eine der ersten politischen Journalistinnen überhaupt, hatten ihre Beiträge hohe Glaubwürdigkeit durch genaue Beobachtung und vorurteilsfreie Analyse.

Ein Höhepunkt der aktuellen Hörfunkarbeit war der Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin, gefolgt nur wenig später von Sondersendungen aus den USA zum Attentat auf Kennedy im November 1963.

Die Ankunft John F. Kennedys in der Bundesrepublik Deutschland.

Berichterstattung über den Besuch John F. Kennedys.

Ulrich Gembardt stieg 1962 beim WDR ein. Er war unbequem, störrisch und doch in seiner Geradlinigkeit unverzichtbar für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Seinen Mitarbeitern war er ein Vorbild und seinem Radiopublikum ein souveräner Berichterstatter.

Ute Remus moderierte die "Alltagskonflikte", die ab 1974 gesendet wurden.

"Hallo Ü-Wagen" mit Carmen Thomas Ender der 70er Jahre.

1974 führte Carmen Thomas mit "Hallo Ü-Wagen" ein Stück Radiodemokratie ein. Bürger sagten live und ungeschminkt ihre Meinung und diskutierten mit Fachleuten über Themen wie Kernkraftwerke und Krankenkassen oder Knast und Kondome.

Für die Zielgruppe der jungen Hörer wurde 1974 die "Radiothek" bei WDR 2 eingeführt. Die Sendung wurde schnell ein Markenzeichen des Programms, sorgte mit politischem Profil und brisanten Themen für Gesprächsstoff in den Redaktionen und polarisierte die Hörerinnen und Hörer.

Die "Radiothek" war umstritten. Hier sieht man Chefredakteur Dieter Thoma in der Bildmitte.

Am 1. April löste Manfred Jenke Fritz Brühl als Hörfunkdirektor ab. Die Berichterstattung über die Landespolitik wurde verstärkt und es sollte landesweit mehr Informationen aus den Regionen geben.

Radioberichterstattung bei der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980.

Die Sendereihe "Funkhaus Wallrafplatz" wurde über die Jahre hinweg eine Institution im WDR. Moderiert wurde sie von Hasso Wolf, dessen Stimme als Reporter den Hörern schon seit 1946 bekannt war. Wenn Wolf sein Publikum in dieser Sendung begrüßte, dann griff seine Fangemeinde zum Telefon, um mit ihm und seinen Experten im Studio über Gott und die Welt zu diskutieren.

Hasso Wolf im Gespräch mit Manfred Jenke (links) und Werner Höfer (rechts).

Redaktionsalltag im "Westfalenecho" 1966. Ab 1965 kam mit diesem Programm aus Dortmund eine Sendung, die das rheinische Übergewicht des Programms ausgleichen sollte - ein Thema, das sich seit der Gründung des WDR durch die politischen Diskussionen der Aufsichtsgremien zog.

Claus Werner Koch (Mitte), der Redaktionsleiter des "Echo West", im Gespräch mit den Studiogästen.

Anfang der 70er Jahre waren die frequenztechnischen UKW-Potenziale erschlossen, die Mittelwelle spielte für die meisten Hörer nur noch ein marginale Rolle. WDR 1, WDR 2 und WDR 3 waren nun eigene unterscheidbare Programme. Am 1. Januar 1984 kam WDR 4 hinzu, das sich zum meistgehörten Radioprogramm in ganz Europa entwickelte und die aktuelle Informationswelle WDR 2 in der Gunst des Publikums bald überholte.

Kommentare waren Paul Bottas Spezialität: vor allem analytische Beiträge über die Ostpolitik, die Nahostproblematik und Frankreich. Seit 1962 sagte er im WDR seine Meinung. Später war er 14 Jahre lang Chefredakteur, bis er dieses Amt 1978 aus gesundheitlichen Gründen niederlegte und politischer Chefkommentator wurde.

Dieter Thoma, der von der Zeitung zum Radio kam, erwies sich als Naturtalent für Live-Moderationen. Seine unverwechselbare Stimme und seine Begabung, Geschichten zu erzählen, machten ihn berühmt.
Er war Leiter des aktuellen Programms und sorgte dafür, dass die Arbeitsbedingungen für Radiomagazine immer besser wurden.

Ab dem 13. Februar 1967 gab es neben dem "Mittagsmagazin" auch das "Morgenmagazin", das am Anfang noch "Heute Morgen" hieß.

Am 13. Februar 1977 feierte das "Morgenmagazin" 10-jähriges Jubiläum.

Nachrichten gab es bereits in den ersten Jahren des Westdeutschen Rundfunks - allerdings noch nicht stündlich. Schnell wurden sie als eine Möglichkeit des Senders erkannt, schnell und flexibel auf zeitnahe Ereignisse zu reagieren. Nachrichten wurden immer mehr zum Programmgerüst, zum Stundenraster, an dem sich die Hörer orientieren können. Später setzte der WDR die Erkenntnis um, dass gerade die Morgenstunden die hörerstarke Zeit des Radios waren, und führte schrittweise morgens alle 30 Minuten Nachrichten ein.
Bild: Eberhard Rotenberg, der erste Chef der Nachrichtenredaktion (1956/57).

Eine weitere Entwicklung: Mit der Zeit wurden die Nachrichtensendungen insgesamt immer kürzer. Anfang der 70er Jahre diskutierte zum Beispiel der damalige WDR-Nachrichtenchef Werner Hühne (Bild) mit seinen Kollegen, ob den Hörern zusätzliche Hintergrundinformationen geliefert werden sollen. Im WDR blieb es aber zunächst bei den klassischen Meldungen, da Hintergründe vor allem in den Magazinsendungen geboten wurden. Kurze Erklärungen konnten nach Hühnes Darstellung in die Meldungen integriert werden.

Neben der aktuellen Information war der Wirtschaftsfunk in den ersten Jahren des Westdeutschen Rundfunks eines von vielen Programmkästchen. Anfang der 70er Jahre dehnte der WDR seine Wirtschaftsberichterstattung dann stark aus. So gab es zum Beispiel das Verbrauchermagazin "Quintessenz".
Bild: "Quintessenz"-Redakteurin Esther Hartbrich, 1980.

Die Reihe "Quintessenz - Fakten für Verbraucher" gehörte schon bald zu den bekanntesten Sendungen des WDR-Hörfunks. Sie wurde bundesweit die erste werktägliche Verbrauchersendung, die in einer Zeit wachsender Kaufkraft Handlungswissen vermitteln wollte. Die Sendung nutzte vielfältige radiophone Formen, neben Beiträgen mit Originaltönen auch kurze Spielszenen und Glossen.
Bild: Lothar Dombrowski (l.) und Gerhard Klaehn (r.) moderieren "Quintessenz", 1980.

Seit 1965 drückte Ludwig Dohmen dem Programm seinen Stempel auf: in der Wirtschaftsredaktion, als Leiter der Programmgruppe "Kommentare und Feature" sowie als Chef des Bonner Hörfunk-Studios.

Der Westdeutsche Rundfunk berichtete ausgiebig über den Sport. Fußball nahm dabei eine dominierende Stellung ein - und mit ihm WDR-Radiostar Kurt Brumme. Obwohl das Fernsehen zunehmend bedeutender wurde, konnte der Hörfunk immer wieder seine Trümpfe ausspielen. So war für den Hörfunk zum Beispiel die Distanz kein Problem und er konnte so problemlos internationale Sportbegegnungen live übertragen. Schnelligkeit und Authentizität waren Markenzeichen der WDR-Sportberichterstattung.
Bild: Kurt Brumme (2.v.l.), Leiter der Sportabteilung des WDR-Hörfunks, bei seiner Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz 1973, u.a. mit Klaus von Bismarck (1.v.r.)

Kurt Brumme war 41 Jahre lang die "Stimme des Sports" im Westen - zunächst im Nordwestdeutschen, ab 1956 im Westdeutschen Rundfunk. Mehr als 6000 Reportagen von herausragenden Sportereignissen hat er für die WDR-Programme beigesteuert - und dabei Maßstäbe gesetzt. Von 1947 bis 1963 als Reporter und Redakteur, ab 1953 als 1. Sportreporter, von 1963 bis 1988 als Leiter der Redaktionsgruppe Sport. Das Denkmal, das sich die WDR-Sportredaktion unter Brummes Leitung setzte, ist die Schaltkonferenz am Samstagnachmittag.

Um die Begegnungen der Bundesliga zu übertragen, entwickelte sich mit der Zeit die legendäre Fußball-Bundesliga-Konferenz mit Schaltzentrale in Köln. Kurt Brumme gilt als Erfinder der Bundesliga-Schaltkonferenz.
Bild: 1500. Sendung "Sport und Musik" mit dem Schalker Spieler Klaus Fischer am 6. März 1977.

Die bekannteste Sportsendung im WDR mit Millionenpublikum war lange "Sport und Musik". Sie bot die gesamte Palette des Sports, im Mittelpunkt stand aber der Fußball.
Bild: 1500. Sendung "Sport und Musik" am 6. März 1977.

Am 4. Juni 1984 wurden fünf Regionen auseinandergeschaltet und die Regionalisierung des Westdeutschen Rundfunks vorangetrieben.
Jochen Denso, Köln: "Für die Region um Köln hat der WDR neben die bereits bestehenden - und jetzt erweiterten - Landesstudios ein neues gesetzt [...] Hörfunk und Fernsehen sollen in diesem neuen Landesstudio eng zusammenarbeiten, was man sich bisher in vielen Rundfunkanstalten gewünscht, bislang aber nur selten verwirklicht hat."

Werner Höcker, Bielefeld: "Wenn es ab 4. Juni 'Guten Morgen aus Bielefeld' heißt, dann wird zwar aus dem Bielefeld-Studio gesendet, berichtet wird aber aus und für das gesamte ostwestfälisch-lippische Gebiet [...]. Information und Unterhaltung ist unsere Devise. [...] Wir werden uns um Meinungsfreudigkeit in argumentativer Vielfalt bemühen."

Walter Fischer, Essen: "Das Neue daran ist, dass wir gerade die Themen aufgreifen wollen, die sozusagen vor ihrer Haustür zu finden sind. [...]. Wir setzen darauf, dass Sie mitmachen. Sie können und anrufen und auch vorbeikommen - auch wenn Sie sich über uns beschweren wollen. Und wir kommen selbstverständlich auch zu Ihnen mit dem Tonband und dem Mikrofon und ab und zu auch mit unserem neuen Reportagewagen."

Cornelius Bormann, Düsseldorf: "Erstmals eine Sendung, die sie schwerpunktmäßig auf den Niederrhein konzentriert und benachbarte Teile des Bergischen Lands vorübergehend mitversorgt. Das Landesstudio Düsseldorf setzt seinen Ehrgeiz daran, sie so dicht an der Wirklichkeit und sogleich so locker wie möglich zu gestalten [...]."

Michael Stoffregen-Büller, Münster: "Den Lebensraum Münsterland darstellen, sodass sich die Menschen wiedererkennen mit ihren Alltagssorgen und -freuden."

Hans-Hermann Heitbrink interviewte den Vertreter der Deutschen Bundesbahn für "Guten Morgen aus Bielefeld" (1984).

Ursula Zimmermann in der Senderegie von "Guten Morgen aus Köln" (1985).

Intendant Hanns Hartmann holte Rolf Buttler 1958 zum WDR - was keineswegs hieß, dass Rolf Buttler im WDR-Funkhaus einzog. Der aus Gelsenkirchen stammende, überzeugte Ruhrgebietler blieb im Revier und machte Essen zu seinem Standort. Von hier aus demonstrierte er, wie spannend die Region sein kann. So wurde er ein vorbildlicher Redakteur für die Regionalisierung des Senders, die er im Fernsehen und im Hörfunk mitgestalten konnte, zuletzt als Leiter des Westfalenstudios in Dortmund, bis zu Pensionierung im Jahre 1989.

Kulturberichterstattung war in den ersten Jahren des Westdeutschen Rundfunks vor allem klassisches Feuilleton. Das "Kritische Tagebuch" war kurz nach seiner Gründung im April 1967 ein Spiegel der Kulturlandschaft. Es wurde zum Hörermagneten, weil Marianne Lienau (Bild) und ihre Kolleginnen und Kollegen hier Themen behandelten, die anderswo nicht zu hören waren. Das Programm entwickelte sich zu einer kultur- und gesellschaftspolitischen Sendung und passte in eine Zeit voller Aufruhr.

Die Sendung "Zeitfragen/Streitfragen" war eine Erfindung von Hans-Götz Oxenius (Bild). Ab 1967 war er Leiter der Abteilung "Kulturelles Wort". Elf Jahre später verzichtete er auf die Leitungsfunktion, um sich ausschließlich dem Programm zu widmen. Mit den "Zeitfragen/Streitfragen" rückte 1973/74 das gesprochene Wort in den Mittelpunkt. Intellektuelle diskutierten philosophische, sozialpsychologische oder kulturelle Themen.

1973 wurde WDR 3 zur Kulturwelle aufgebaut. Eine Säule darin wurde die Sendung "Mosaik", ein tägliches Kulturmagazin, das sich zunächst auf Themen und Ereignisse in Nordrhein-Westfalen konzentrierte. Kulturredakteur Friedrich Riehl (Bild) war der erste und längere Zeit der einzige Redakteur der Sendung und moderierte sie auch. Das Konzept war die Mischung aus aktuellen Kulturbeiträgen und klassischer Musik. Auch "alternative Kultur" hatte im "Mosaik" ihren Platz, und damit fanden gesellschaftliche Veränderungen ihre Resonanz im Programm.

Weg von der reinen Hochkultur und der gesellschaftspolitischen Analyse - hin auch zur Alltagskultur: Nach dieser Leitlinie entwickelte sich ab 1981 die "Budengasse" im Umfeld des massenattraktiven WDR 2-Programms.
Bild: Uschi Schmitz im Studio der "Budengasse", 1981.

Der Schulfunk war klassisches Bildungsradio und in der NWDR-Zeit sowie in den ersten Jahren des WDR vor allem deshalb erfolgreich, weil vielerorts Schulbücher und andere Lehrmittel fehlten. Die Erziehungsfunktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sollte in besonderen Programmen schulnah umgesetzt werden. Hörspiele über ferne Länder, Spielszenen aus der Literatur und Geschichtssendungen prägten den Schulfunk der 50er Jahre.

Die langjährige Schulfunk-Chefin Marga Nestel-Begiebing schrieb 1967: "Als oberstes Gesetz - geschrieben und ungeschrieben - gilt, dass der Schulfunk keineswegs den Lehrer ersetzen, auch nicht mit ihm in Wettbewerb treten, sondern ihm zusätzliche Hilfe anbieten soll, die das Medium Rundfunk ermöglicht." Dazu gehörten nicht nur die Sendungen selbst, sondern auch gedruckte Beihefte.

Der Schulfunk war sehr angesehen. Auch berühmte Schriftsteller arbeiteten ihm zu. Heinrich Böll gab zum Beispiel in "Das Sprechzimmer hat eine Polstertür" eine Lehrstunde über den Schall.
Bild: Schüler diskutieren mit Heinrich Böll (2.v.r.)

In seiner "Blütezeit" in den 50er Jahren und teilweise auch noch Anfang der 60er Jahre stand das Radio nicht nur mit politischen Sendungen im Mittelpunkt des Interesses, sondern auch mit seinen Unterhaltungsangeboten. Bunte Abende, Tanzmusik und Quizsendungen brachten die Menschen vor die Radiogeräte.
Heinz Schröter (Bild) kam 1952 zum Radio NWDR und führte als Leiter der Radiounterhaltung Sendungen ein, die die Menschen vors Radio lockten.

Radio-Formate wie die Quiz-Sendung "Wissen Sie was?" wurden oft mit Publikum aufgezeichnet und wurden später auch erfolgreich vom Fernsehen übernommen.
Bild: Studenten der TH Aachen bei "Wissen Sie was?" am 14. August 1956.

In der Sendung "Das ist mein Steckenpferd" stand Persönliches im Vordergrund: das - möglichst ungewöhnliche - Hobby eines Menschen.
Bild: Am 6. Juli 1957 war Loni Heuser zu Gast.

Das Hörspiel nahm in den 50er Jahren in den Abendstunden eine zentrale Position im Radioprogramm des WDR ein. Neben den vielen Bühnenstücken und Adaptionen epischer Werke gab es schon vor 1960 einige Originalhörspiele, die sehr erfolgreich waren.
Bild: Produktion des Hörspiels "David Copperfield", 12. Januar 1957.

1960 wurde das Hörspiel zur Hauptabteilung. Hörspielleiter wurde Friedhelm Ortmann (Bild). Das Hörspiel drohte in den Schatten des Fernsehspiels zu geraten. Die konsequente Reaktion war es, die Bühnenadaptationen aufzugeben und sich stattdessen auf das Originalhörspiel und die Förderung neuer, junger Autoren zu konzentrieren. Mit dieser Strategie führte Ortmann das WDR-Hörspiel auf ein internationales Niveau und bis zum Neuen Hörspiel.

Als 1968 Paul Schultes (Bild) die Hörspielabteilung übernahm, begann im WDR die große Zeit des Neuen Hörspiels. Das Neue Hörspiel wendete such gegen eingefahrene Hörgewohnheiten und experimentierte mit Sound, Sprache und Musik. Viele neue Autoren feierten Erfolge mit ihren Stücken und das das Neue Hörspiel wurde bald mit Preisen geehrt.

Die Berichte und Kommentare des Kirchenfunks wurden zunehmend kritisch und behandelten auch Themen, über die sich Kirchen amtlich noch nicht offen äußerten. Die Journalisten verstanden sich nicht als Sprecher der Amtskirchen, sondern als Fachredaktion. deshalb benannte sie sich 1972 in "Religion - Theologie - Kirche" um.
Kirchenfunk-Leiter Leo Waltermann (Bild) war ARD-weit als Experte für alles "Katholische" hoch geachtet. Dank seiner Talente und seines Muts brachte er Sendungen ins Programm, an die sich andere nicht herangetraut hätten.

Als 1956 der Landfunk über den Äther ging, sprach dieses Programm ein Fachpublikum an. Die Sendezeiten richteten sich nach dem Tagesablauf der Bauern. Mit der Zeit nahm der Stellenwert der Landbevölkerung als eigene Zielgruppe ab und die Redaktion änderte Ende der 70er Jahre ihren Kurs. Nach und nach verschoben sich die Schwerpunkte der Sendung vom Landfunk zum Landreport.

Die erste WDR-Jugendsendung "Für junge Leute" startete Anfang der 60er Jahre und bot wöchentliche Features an. Ein völliger Umbruch im Programm zeichnete sich Mitte bis Ende der 60er Jahre ab. Die Studentenbewegung und die außerparlamentarische Opposition schlugen ein neues Kapitel der Jugendkultur auf, auf das der WDR mit neuen redaktionellen Konzepten reagierte.
Joachim Sonderhoff (Bild) entwickelte das "Panoptikum" und die "Radiothek" mit.

Neuartig an den neuen Konzepten war auch die Arbeitsweise der Redaktion. Jede Sendung wurde basisdemokratisch erarbeitet. Gretel Rieber beschrieb diese Arbeitsweise so: "Wir haben uns zusammengesetzt und über die Manuskripte abgestimmt, und jeder hatte nur eine Stimme. Die Sitzungen dauerten über Stunden und die Produktionen der Sendungen häufig bis tief in die Nacht."

Zum festen Programm des Kinderfunks gehörten Hörspiele, Märchen und Mitmachangebote. Ein Renner war "Der kleine Sandmann und ich" (Bild), der allerdings zur Trauer vieler Kinder Ende der 60er Jahre eingestellt wurde. Zu dieser Zeit schlug der Kinderfunk im WDR eine neue Richtung ein: Mittlerweile standen neben literarischen Beiträgen auch Problemstücke auf dem Programm.

Hauptabteilungsleiter oberster Musik Karl O. Koch schuf vom ersten Tag seiner Tätigkeit im WDR das Fundament, auf dem die Musikproduktion und die Musikprogramme des WDR bis heute stehen. Durch ihn wurde der WDR eine der ersten Adressen in der Musikwelt. Das Elektronische Studio, die Neue Musik und dazu die Alte Musik konnten sich auf ihren Förderer Koch verlassen.

Die Sendungen für Jazz-Freunde gingen vor allem von der Abteilung Unterhaltung Wort aus. Jazz erklang in den 70er Jahren in allen drei Programmen auf relativ häufig wechselnden Sendeplätzen.
Bild: Jazzsendung 1965 mit Dietrich Schulz-Köhn (r.).

Neben dem Rock war in kaum einer anderen Musiksparte des Sendegebiets ein so produktives und innovatives Kulturleben entstanden wie im Jazz. Dem Sender gebührte daran als Medium und als Faktor ein wesentliches Verdienst.
Bild: Mitschnitt des Jazzfestivals in Prag, 1968.

Dietrich Schulz-Köhns (Bild) "Jazz Almanach" war seit 1948 die Kultsendung der Jazzfreunde. Sie wandelte sich im WDR zur "Diskothek des Dr. Jazz" und 1969 zu Schulz-Köhns "Jazzartiges und Unartiges". Nach und nach gestaltete Schulz-Köhn über 20 Jazzsendungen.

Als der WDR den Jazz im September 1977 in den Programmbereich Musik zu Manfred Niehaus (Bild) überführte, kam es zu einer beispiellosen Aufbauarbeit in der Jazzszene des Sendegebiets. Niehaus förderte Initiativen und Clubs in NRW, brachte Musiker im "Jazzmeeting NRW" zusammen , die dann in impulsgebenden Formationen weiterarbeiteten. 1983 wurde zudem die Produktionsreihe "Stadtmusik" zum Katalysator für Kreativität in NRW.

Das Festival "Jazz am Rhein", 1967.

"Nachtmusik im WDR" - Wolfgang Niedecken und BAP 1982.

Rasch errang der WDR einen einzigartigen Ruf durch sein Eintreten für Neue Musik. Die Konzertreihe "Musik der Zeit", das Studio für Elektronische Musik und Herberts Eimerts "Musikalisches Nachtprogramm" ergänzten sich ideal.
Bild: "Musik der Zeit" mit Karlheinz Stockhausen

Der Komponist Karlheinz Stockhausen

Der Komponist Mauricio Kagel

Hans Werner Henze

Konzert für Elektronische Musik, 1956.

Herbert Eimerts Sendungen beeinflussten über Kurzwelle Hörer in fast ganz Europa. Sowohl seine Werkeinführungen hatten Modellcharakter als auch die Funkdiskussionen, die oft Ausstrahlungen der "Musik der Zeit" erläuterten.
Bild: Herbert Eimert (ganz rechts) im Elektronischen Studio 1956.

Ab 1976 bekam Alfred Krings (Bild) als Programmbereichsleiter die Chance, der Musik in Nordrhein-Westfalen zu weiterem Glanz zu verhelfen. Der Spezialist für alte Musik förderte nachhaltig auch die Neue. Meisterhaft spielte er auf dem gesamten Instrumentarium, das ihm der WDR mit seinen Orchestern, dem Chor und der Big Band anvertraut hatte.

Der WDR hatte maßgeblich Anteil an der Suche nach der authentischen Aufführpraxis alter Musik, die auch zu einer ökonomischen Erfolgsgeschichte wurde. Seit 1980 engagierte sich der WDR mitten im Ruhrgebiet in Herne im Festival "Tage alter Musik" mit einem Programm internationalen Zuschnitts.
Bild: "Tage alter Musik" in Herne, 1984.

Mit dem Bau des Großen Sendesaals im Kölner Funkhaus bekamen die "Hausorchester" die Möglichkeit, unter kontinuierlichen Bedingungen zu proben, zu konzertieren und aufzunehmen. Allerdings wurde auch Kritik geübt, da der Saal in Hinsicht der Akustik, der räumlichen Gegebenheiten und der Mitschnittmöglichkeiten Nachteile hatte.
Ab 1963/64 begannen die Orchester des WDR mit Stereo-Produktionen und ab Januar 1964 strahlte der WDR einzelne Musikprogramme stereophon aus. Ab 1965 entstanden alle Orchesterproduktionen als Stereoaufnahmen.
Bild: Der Kölner Rundfunkchor 1957.

Herbert Schermus kam 1962 als Leiter der Kölner Rundfunkchors zum WDR. Er verringerte die Zahl der Opern- und Operettenproduktionen und konzentrierte sich auf die Produktion der Zeitgenossen. Er leitete den Chor bis 1989.

Parallel zum Rundfunkorchester produzierte das "Tanz- und Unterhaltungsorchester" unter Leitung von Werner Müller. 1980 wurden die Klangkörper reorganisiert: Das Tanz- und Unterhaltungsorchester gab seine Streicher an das Rundfunkorchester ab und entwickelte sich zur "WDR Big Band".

Das Orchester Kurt Edelhagen gab im Namen des WDR in der Regel sechs Konzerte jährlich. Zu einer fest angestellten Formation des Senders wurde es nicht.
Bild: Kurt Edelhagen

Die Media Band kam um 1960 zunächst zu unregelmäßigen Produktionen zusammen und stand ab 1962 unter festem Vertrag. Ihre Aufgaben waren vielgestaltet: Sie hatte zum Beispiel Anteil an der Fernsehserie "Tanzparty mit dem Ehepaar Fern" (Bild), sie spielte bei Pressebällen und anderen repräsentativen Veranstaltungen, und sie nahm bis 1982 ungefähr 4000 Titel für den WDR auf, dazu etwa 400 Hörspiel- und Filmmusiken.

Stand: 11.09.2015, 13:34 Uhr