17. August 1987 - Rudolf Heß bringt sich im Gefängnis um

Rudolf Heß

Stichtag

17. August 1987 - Rudolf Heß bringt sich im Gefängnis um

Er ist ein Nationalsozialist der ersten Stunde. Schon 1919 schließt sich Rudolf Heß der neuen nationalistischen Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg an. Er ist dabei, als sich Adolf Hitler 1923 in München an die Macht putschen will. Beide werden verhaftet und verurteilt. Im Gefängnis Landsberg unterstützt Heß sein Vorbild Hitler beim Schreiben von "Mein Kampf": Er notiert dessen Monologe. Nach der gemeinsamen Haft macht Hitler den vier Jahre jüngeren, am 26. April 1894 geborenen Heß zu seinem Privatsekretär.

Heß sei als totaler Bewunderer wie der Schatten Hitlers, sagt der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker: "Er organisiert für ihn nicht nur viele Bereiche des täglichen Lebens, sondern tatsächlich auch seine Wahlkämpfe, die Parteiarbeit." Deshalb werde Heß 1933 auch nicht zufällig zum Stellvertreter Hitlers in Parteiangelegenheiten. Als Reichsminister ohne Geschäftsbereich ist Heß außerdem für die Rassegesetze verantwortlich. Bei Kriegsbeginn macht Hitler ihn 1939 zu seinem zweiten Nachfolger, nach Hermann Göring. Trotz dieser Ernennung gehört Heß jedoch nicht zum inneren Kreis um Hitler. Der Stellvertreter des "Führers" gilt mittlerweile als Sonderling mit okkultistischen Neigungen und einer Vorliebe für Anthroposophie.

Über England abgesprungen

Im Mai 1941 fliegt Heß heimlich nach Großbritannien und springt über Schottland mit dem Fallschirm ab. Er will mit Premierminister Winston Churchill über einen Separatfrieden verhandeln, damit Hitler für den geplanten Russland-Feldzug den Rücken frei hat. "Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Hitler eingeweiht war", sagt Historiker Görtemaker. Anstatt Friedensgespräche erwarten Heß Verhöre und Gefangenschaft. Nach Kriegsende kommt er in Nürnberg vor das Kriegsverbrecher-Tribunal der Alliierten.

"Ich bereue nichts!", sagt Heß vor Gericht. "Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder so handeln, wie ich handelte." Am 1. Oktober 1946 wird das Urteil gesprochen: lebenslange Haft wegen Planung eines Angriffkrieges und Verschwörung gegen den Weltfrieden. "Das Einzige, was ihn vor dem Strang gerettet hat, war die Tatsache, dass er nicht am Holocaust beteiligt war", so die Einschätzung von Görtemaker. Denn Heß hat schon vor der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 in britischer Haft gesessen.

Im Juli 1947 kommt der ehemalige "Führer"-Stellvertreter nach Berlin-Spandau in eine Haftanstalt, die Ende des 19. Jahrhunderts ursprünglich für 600 Häftlinge gebaut wurde. Daraus wird nun ein Kriegsverbrecher-Gefängnis für insgesamt sieben Nazi-Größen. 60 Soldaten bewachen dort neben Heß unter anderem auch Baldur von Schirach, Karl Dönitz und Albert Speer, die unterschiedlich lange Haftstrafen erhalten haben. Die Aufsicht wechselt monatlich zwischen den Siegermächten.

Mit Elektrokabel um den Hals aufgefunden

Ab Oktober 1966 ist Heß der letzte und einzige Gefangene in Spandau. 1969 gestattet er seiner Frau und seinem Sohn Wolf Rüdiger zum ersten Mal einen Besuch. Neben Wolf Rüdiger Heß stellen auch die Bundesregierung und Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei den Alliierten Gnadengesuche für eine Freilassung des alten Mannes aus humanitären Gründen - ohne Erfolg. Am 17. August 1987 bringt sich Heß im Alter von 93 Jahren um. Nach Angaben der Militärregierung hatten Wärter ihn mit einem Elektrokabel um den Hals in einem Häuschen des Gefängnisgartens gefunden.

Bis heute hält die britische Regierung Akten zum Fall Heß unter Verschluss. Die These, dass der britische Geheimdienst Heß ermordet hat, damit nach einer Begnadigung keine unangenehmen Details über seine Haft in England ans Licht kommen, hält Professor Görtemaker für abwegig: "Ich gehe nach wie vor von Selbstmord aus." Dafür sprächen unter anderem auch die Aussagen der Gefängnisgeistlichen.

Stand: 17.08.2012

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