6. Januar 1926 - Gründung der Deutsche Lufthansa AG

Stichpunkt

6. Januar 1926 - Gründung der Deutsche Lufthansa AG

Der Boom der Passagier-Luftfahrt beginnt nach dem Ersten Weltkrieg: Mitte der 1920er Jahren konkurrieren in Deutschland mehr als 30 Fluggesellschaften um Passagiere. Die beiden größten Anbieter sind der "Deutsche Aero-Lloyd" und der "Junkers-Luftverkehr". Da die beiden Fluggesellschaften aber verschuldet sind und staatliche Subventionen erhalten, drängt das Reichsverkehrsministerium zur Fusion. Am 6. Januar 1926 wird deshalb die "Deutsche Luft Hansa AG" mit Sitz in Köln gegründet. Die zunächst eigenständig geschriebene Bezeichnung Hansa soll an den Ruf der alten Hansestädte erinnern, die durch die Handelsseefahrt wohlhabend wurden. Das Kranich-Symbol des neuen Unternehmens stammt von Aero-Lloyd, die Farben Blau und Gelb von Junkers. Drei Monate nach der Gründung hebt das erste Linienflugzeug ab. Das Streckennetz reicht im ersten Jahr schon von Paris bis Tilsit und von Stockholm bis Innsbruck. Es geht stetig aufwärts: Werden 1926 rund 55.000 Fluggäste befördert, sind es zwei Jahre später schon doppelt so viele.

Flugzeuge für Hitlers Wahlkampf

Die Erfolgsgeschichte hat aber auch eine Kehrseite: Von Beginn an gibt es neben wirtschaftlichen auch militärische Gründe beim Zusammenschluss zur Lufthansa. Schon seit Beginn der 1920er Jahre ist die deutsche Luftfahrt von ehemaligen Offizieren der Luftwaffe unterwandert, die seit dem Friedensvertrag von Versailles verboten ist. So sitzt 1926 ein weiteres, unsichtbares Gründungsmitglied am Tisch: die Deutsche Reichswehr. Die Lufthansa eignet sich bestens, um das militärische Flugverbot nach dem verlorenen Weltkrieg auszuhebeln. Der deutsche Staat beteiligt sich an der Gesellschaft mit 26 Prozent und sichert sich so den Einfluss auf das Unternehmen.
Schon früh entsteht zudem ein enger Kontakt zu den Nationalsozialisten. Die Lufthansa stellt Adolf Hitler für den Wahlkampf Flugzeuge zur Verfügung und verschafft ihm damit einen Vorteil. Als Hitler 1933 an die Macht kommt, wird die Lufthansa ausführendes Organ des Regimes: Hitler trifft mit dem Lufthansa-Vorstand ein Abkommen. Unter dem Vorwand der friedlichen Nutzung sollen Linienflugzeuge produziert werden, die später zu Bombern umgerüstet werden können. Diese modernen Flugzeuge werden der Lufthansa zur Verfügung gestellt, die darauf ihre - zunächst noch zivilen - Piloten schult. Die Luftwaffe wird zunächst im Geheimen, ab 1935 ganz offen aufgebaut. "Bomberpiloten wurden auf Lufthansa-Nachtflugstrecken ausgebildet", sagt Carola Kapitza, Leiterin des Lufthansa-Konzernarchivs in Frankfurt am Main.

Über 10.000 Zwangsarbeiter eingesetzt

Im Zentrum der Verflechtung mit dem NS-Staat steht Lufthansa-Chef Erhard Milch, ein ehemaliger Luftwaffen-Offizier. Er ist zugleich Staatssekretär im Luftfahrtsministerium von Hermann Göring. "Fliegen heißt siegen - Über Zeiten und Weiten - Deutsche Lufthansa", lautet denn auch das Firmenmotto in den 1930er Jahren. Ihren Beitrag zum Sieg leistet die Lufthansa unter anderem mit großen Reparaturwerkstätten für die neue Luftwaffe. Während des Zweiten Weltkriegs macht das Unternehmen hohe Gewinne, indem es Kampfflugzeuge repariert - die Einnahmen werden in den Bilanzen unter "Sonstiges" verbucht. Für den Dienst in den Werkstätten werden über 10.000 Zwangsarbeiter rekrutiert, die meisten davon verschleppt aus den besetzten Ostgebieten.
Nach Kriegsende verteidigt sich Milch beim Nürnberger Kriegstribunal mit der Argumentation, die Zwangsarbeiter seien freiwillig gekommen und zufrieden gewesen. Er wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt und 1954 vorzeitig entlassen. Im selben Jahr gründet sich die zuvor aufgelöste Lufthansa formal neu. An der Spitze steht ein alter Vorstandskollege Milchs: Kurt Weigelt, ehemaliges NSDAP- und SS-Mitglied, war schon 1926 an der ersten Gründung der Fluggesellschaft beteiligt.

"Rein rechtlich sind wir nicht Nachfolger"

Von ihrer Vorgänger-Gesellschaft übernimmt die neue Lufthansa nicht nur den Namen und altes Personal, sondern auch das Kranich-Logo. Dennoch sieht das Unternehmen keine juristische Verbindung: "Rein rechtlich sind wir nicht Nachfolger der alten Lufthansa", sagt Lufthansa-Archivarin Kapitza. "Moralisch fühlen wir uns schon in der Verantwortung." Als Ende der 1990er Jahre das Thema Entschädigung der Zwangsarbeiter aufkommt, tritt die Fluggesellschaft der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" bei. Zugleich beauftragt die Lufthansa den Bochumer Luftfahrt-Historiker Lutz Budraß mit einer Studie zu diesem Thema. Die Studie wird allerdings nicht als Buch veröffentlicht, sondern ist nur auf Anfrage beim Konzern erhältlich - kostenlos. "Es scheint wohl ein Interesse zu geben", so Budraß, das ungetrübte "Bild der Lufthansa in der weiteren Öffentlichkeit zu konservieren."

Stand: 06.01.2011

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